Leistung zählt – nur nicht für alle

In einem funktionierenden System sollten Leistung und Potenzial darüber entscheiden, welche Wege offenstehen. Genau das gilt auch für Bildung. Doch in Deutschland zeigt sich seit Jahren das Gegenteil: Der Bildungsweg von Kindern wird weniger durch ihre Fähigkeiten bestimmt als durch ihre Herkunft. Damit versagt nicht nur die Idee der Chancengleichheit, sondern auch ein zentrales Prinzip jeder leistungsorientierten Ordnung.
Eine aktuelle Studie des Exzellenzclusters ECONtribute der Universitäten Bonn und Köln bestätigt dieses Problem erneut. Selbst bei gleichen schulischen Leistungen wechseln Kinder aus sozial benachteiligten Familien deutlich seltener auf das Gymnasium als Kinder aus besser gestellten Haushalten. Statt dass Leistung wirkt und gefördert wird, blockieren soziale Strukturen den Zugang zu weiterführender Bildung.
Untersucht wurde der Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule. In den meisten Bundesländern entscheiden die Eltern am Ende der vierten Klasse, meist auf Grundlage einer Empfehlung der Grundschule. Die Zahlen sind eindeutig: Kinder aus weniger privilegierten Familien haben eine rund ein Drittel geringere Chance, den gymnasialen Bildungsweg einzuschlagen. Selbst bei vergleichbaren Leistungen bleibt eine Lücke von etwa 22 Prozentpunkten bestehen.
Ein solches System kann weder fair noch effizient sein. Wenn Herkunft über Bildungschancen entscheidet, kann Leistung nicht mehr als Auswahlkriterium funktionieren. Talente bleiben unentdeckt, Motivation verpufft, und Unterstützung erreicht nicht diejenigen, die sie durch Leistung rechtfertigen würden. Der Bildungsmarkt verliert damit seine Steuerungsfunktion.
Grundlage der Studie sind Daten des Bonn Family Panel, das über sieben Jahre hinweg mehr als 700 Familien im Raum Köln-Bonn begleitet hat. Neben schulischen Leistungen wurden auch Entscheidungsprozesse in den Familien untersucht. Dabei zeigte sich, dass gezielte Mentoring-Programme genau an dieser Stelle ansetzen können.
212 Grundschulkinder aus sozial benachteiligten Familien nahmen am Mentoring-Programm „Balu und Du“ teil. Ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren begleiteten die Kinder ein Jahr lang. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit eines späteren Gymnasialbesuchs stieg um elf Prozentpunkte, und dieser Effekt hielt auch fünf Jahre nach dem Schulwechsel an.
Mentoring wirkt hier wie eine Korrektur eines verzerrten Systems. Es hilft, Leistung sichtbar zu machen, wo Herkunft sie sonst verdeckt. Damit zeigt die Studie: Nicht mehr Steuerung ist nötig, sondern bessere Bedingungen, unter denen sich Leistung unabhängig von sozialem Hintergrund entfalten kann.


