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Was die Haftbefehl-Doku nicht zeigt

Haftbefehl beim CARStival auf dem Maimarktgelände in Mannheim im Jahr 2010. Credit: Sven Mandel

Vieles wurde bereits über die Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“ geschrieben. Auch wir wollen uns an dieser Stelle kritisch mit der Doku und den öffentlichen Reaktionen darauf befassen. Die Doku handelt von den Drogenproblemen des Rappers und geht auch auf deren Ursachen ein, doch dazu später mehr. Schockierend ist vor allem, wie sehr sich das Aussehen von „Hafti“ durch den exzessiven Drogenkonsum verändert hat: Das Gesicht ist aufgedunsen, die „Nasenscheidewand weggefressen“, um eine Line aus „Engel im Herz, Teufel im Kopf“ zu zitieren. Auch ein anderes Lied von Haftbefehl passt zu dessen äußerlicher Veränderung. In „Mann im Spiegel“ rappt dieser:

Spieglein, Spieglein an der Wand

Ich guck‘ dich an, doch wer ist dieser Mann verdammt

Verliere ich meinen Verstand?

Du bist doch ein Spiegel, doch wer ist dieser Mann?

Ich hab‘ ihn nicht erkannt

Und so langsam krieg‘ ich Angst

Wie viele Jahre sind vergangen?

Ich trage die Uhr, nicht nur am Arm, auch an der Wand

Erst die Straße, dann der Star, dann der Fall

Wie bei deinem Vater, dem damals keiner half

Diese Zeilen klingen fast schon prophetisch und zeigen beispielhaft, dass Haftbefehl sich schon seit Jahren in seiner Musik mit den eigenen psychischen Problemen auseinandersetzt. Das genaue Ausmaß sieht man aber erst jetzt in der Doku. So erfährt man z.B., dass Aykut Anhan, so Haftbefehls bürgerlicher Name, bereits seit seinem 14. Lebensjahr Kokain konsumiert. Zudem spricht der Rapper über traumatische Erlebnisse in seiner Jugend. Eines Tages kam Aykut nach Hause und sah, wie sein Vater versuchte, sich das Leben zu nehmen. Zwar konnte Aykut das an diesem Tag noch verhindern, doch man kann sich schon an der Stelle ausmalen, was für ein traumatisches Erlebnis das gewesen sein muss. Als sich Jelal Ayhan dann tatsächlich das Leben nahm, begann die Abwärtsspirale von dessen Sohn – und man muss davon ausgehen, dass auch Aykuts Kinder unter dem Zustand ihres Vaters leiden.

Besonders berührend ist eine Szene, in der Aykut auf ein Foto von sich und seinen Kindern zeigt. Während er liebevoll über seine Kinder spricht, sagt er über sich selbst: „Das ist der Dreck“.

Man sieht in dieser Szene etwas, das typisch für Menschen, die von Suchtproblemen betroffen sind, ist: Sie wissen durchaus, dass das, was sie tun – in diesem Fall der übermäßige Kokainkonsum – problematisch ist. Sie schaffen es aber nicht, an ihrem Verhalten etwas zu ändern und entwickeln deshalb Selbsthass. Menschen mit Drogenproblemen werden in unserer Gesellschaft leider viel zu oft als „Dreck“ angesehen. Daher kommt auch die Bezeichnung „Junkie“ (engl. „junk“ = „Müll“). Umso schmerzhafter ist es für die Betroffenen, wenn sie selbst sich so abwerten, und eine gute Grundlage für einen Heilungsprozess ist das auch nicht.

Neben viel Lob für die Doku, die ungeschönt den Absturz des Rappers zeigt und ebenso wie er selbst besonders durch ihre Authentizität besticht, gab es aber auch Kritik. Diese Kritik lässt sich in sechs Fragen zusammenfassen, auf die hier jeweils kurz eingegangen werden soll.

Warum werden politische Ursachen des Drogenproblems und anderer sozialer Missstände in Frankfurt und Haftbefehls Heimat Offenbach in der Doku nicht stärker in den Fokus gerückt?

Die Doku erzählt die individuelle Leidensgeschichte von Haftbefehl, doch die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Probleme werden nur kurz angerissen. Es ist seit Jahren bekannt, dass Kokain und andere Drogen in allen deutschen Großstädten, aber insbesondere in Frankfurt, leicht erhältlich sind und es dort zunehmend Probleme mit suchtkranken Menschen im Stadtbild gibt – und das sind nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, Herr Merz! Wie sich u.a. durch Rückstände im Abwasser feststellen lässt, ist der Kokainkonsum in den letzten Jahren gestiegen.

Die Drogenprohibition und die damit verbundene gesellschaftliche Tabuisierung von Drogenkonsum führen nicht dazu, dass weniger Menschen Drogen konsumieren. Hinzu kommt, dass Suchtkranke in der Regel bereits bestehende psychische Probleme haben, denen sie durch Drogenkonsum zu entfliehen versuchen. Im Fall von Haftbefehl ist das der Suizid des eigenen Vaters, als Aykut noch ein Teenager war. Wir erfahren in diesem Zusammenhang auch, dass viele Männer aus der Familie Ayhan mit Depressionen zu kämpfen hatten. Hier kann natürlich Vererbung eine Rolle spielen, aber auch ein Männlichkeitsbild, wonach Männer Gefühle wie Trauer nicht offen zeigen sollten und psychische Probleme ohnehin stigmatisiert werden, wodurch sich Betroffene seltener dazu durchringen, zur Therapie zu gehen.

Warum wird die Rolle der Musikindustrie nicht kritischer aufgearbeitet?

In der Doku wird erwähnt, dass Haftbefehl oft erst mit tagelanger Verspätung zu Terminen erscheint und dann sichtbar unter Drogeneinfluss steht (z.B. als er den Vertrag bei Universal unterschrieb). Es ist schon länger ein offenes Geheimnis, dass Haftbefehl Drogenprobleme hat. Er sprach bereits 2023 öffentlich darüber, dass er ein Problem mit Lachgas hatte. Nach eigener Aussage soll er 50 Flaschen Lachgas am Tag konsumiert haben. Auch seine Unzuverlässigkeit bei Terminen wurde schon Jahre vor Erscheinen der Doku öffentlich thematisiert. So schrieb z.B. die VICE im Jahr 2016: „Während wir essen, konstatiere ich, dass Haftbefehls Verspätung jetzt auch keine große Überraschung sei. Es ist bekannt, dass er zu spät oder gar nicht erscheint (…)“

Dennoch wurde dieses Verhalten toleriert, weil Haftbefehl ein wichtiger Künstler war – sowohl für sein Label als auch z.B. für HipHop-Journalisten, die ihn interviewen wollten und wussten, dass (wie so oft in dieser Sparte des Journalismus) nicht sie ihm damit eine Bühne verschaffen würden, sondern ein Interview mit ihm dafür sorgen würde, dass sich die Klickzahlen der jeweils eigenen Plattform erhöhen.

Wenn es jedoch keine negativen Konsequenzen hat, gar nicht oder erst Tage später zu Terminen zu erscheinen, entsteht für den Betroffenen der falsche Eindruck, dass er sein Leben noch im Griff habe. Offenbar wurde auch ihm selbst irgendwann klar, dass er sich an einem Tiefpunkt befindet und so entschied er, die Doku zu drehen, „falls mir was passiert“ – damit seine Geschichte richtig erzählt werde, aus seiner Sicht. Doch die Schattenseite ist, dass nun selbst die Dokumentation seines Absturzes zu einem konsumierbaren Produkt wurde, das einer kapitalistischen Verwertungslogik folgt. Die Musikindustrie kann selbst aus dem größten Leid eines Künstlers noch Profit schlagen, indem nun erneut ein Hype um Haftbefehl kreiert wurde.

Warum wird in der Doku so viel über den Vater, aber nicht über die Rolle von Aykuts Mutter gesprochen?

Regisseur Juan Moreno beantwortet diese Frage damit, dass die Mutter darum gebeten habe, nicht in der Doku zu erscheinen, da es ihr zu schwerfalle, über ihren verstorbenen Mann und den Zustand ihres Sohnes zu reden. Das müsse man respektieren, so Moreno. Das ist sicherlich richtig. Warum ihre Rolle als das Elternteil, das auch nach dem Suizid ihres Mannes für die Kinder da war, nicht mehr Raum einnimmt (z.B. durch Aussagen der Söhne), erklärt das jedoch nicht. Hier wurde eine Chance verpasst, einer wichtigen weiblichen Figur in Haftbefehls Leben die Würdigung zu geben, die sie verdient. Etwas anders gestaltet sich das bei dessen Ehefrau Nina: Ihre Liebe zu ihrem Mann wurde besonders im Nachgang der Doku von vielen Menschen unkritisch romantisiert, doch das führt uns zur nächsten Frage:

Warum wird nicht kritisch aufgearbeitet, dass Aykuts Frau Nina trotz seiner massiven Drogenprobleme bei ihm bleibt und letztlich diejenige ist, an der die Verantwortung für die Kinder hängenbleibt?

Nina übernimmt nun also dieselbe Rolle, die bereits Aykuts Mutter damals eingenommen hat. Hierbei muss natürlich zusätzlich die emotionale Belastung erwähnt werden, die eine Ehe mit einem depressiven und drogenabhängigen Menschen mit sich bringt. Ja, sie ist eine starke Frau – doch es wäre auch völlig legitim, wenn sie nicht mehr die Stärke aufbringen wollte oder könnte, um in dieser Beziehung zu bleiben. Man fragt sich, inwiefern hier gesellschaftliche Rollenerwartungen und möglicherweise auch (z.B. finanzielle) Abhängigkeiten eine Rolle spielen.

Warum wird Aykut von der Verantwortung für sein eigenes Handeln freigesprochen?

Es ist nicht so, dass irgendwer in der Doku behaupten würde, dass Haftbefehl aufgrund seines Traumas gar keine andere Wahl gehabt hätte, als drogenabhängig zu werden und die Leidensgeschichte seiner Familie fortzuschreiben. Das schwingt aber im Subtext mit. Haftbefehl wird hier ganz klar als Opfer seiner Lebensumstände inszeniert, dabei ist er längst auch zum Täter geworden – zum Beispiel dadurch, dass er Kokain nicht nur konsumiert, sondern auch verkauft hat. Er selbst hat die Droge, die ihn so zerstört hat, an andere Menschen verkauft. Man kann davon ausgehen, dass auch unter seinen Kunden suchtkranke Menschen waren. Mit der Doku leistet er nun durchaus einen Beitrag zur Aufklärung über die Gefahren von Kokain. Ein Vorbild ist er jedoch nicht. Es ist auch verständlich, dass er dieser Rolle nicht gerecht werden kann, solange es ihm selbst so schlecht geht. Ohnehin ist zu hinterfragen, ob man Rapper an ihrer meist von außen auferlegten Vorbildfunktion messen sollte. Haftbefehl sagte selbst in einer früheren Doku, dass er nicht glaube, dass er ein Vorbild sei. De facto sehen ihn aber viele junge Männer als Vorbild, besonders jetzt, nachdem die Doku erschienen ist. Gerade deshalb wäre es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass auch traumatisierte Menschen durchaus Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen können, statt zu vermitteln: Wenn du so viel Leid in deinem Leben erfahren hast, kannst du gar nicht anders, als dich selbst zu zerstören.

Ist Aykut mittlerweile clean? Wie sind seine Zukunftsaussichten?

Diese Frage wird offengelassen und seitdem vor allem von Fler diskutiert. Dieser bescheinigt Haftbefehl, sein Tod sei „eine sichere Sache“ (gemeint ist wohl sein baldiger Tod). Regisseur Juan Moreno sagt allerdings, dass er glaube, dass es ihm gutgehe. Tatsächlich wurden für das kommende Jahr bereits Konzerte des Rappers angekündigt. Ob diese tatsächlich stattfinden können und ob die Karriere von Haftbefehl oder zumindest das Leben von Aykut Anhan noch möglichst lange weitergehen kann, steht auf einem anderen Stern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Kommentar

  • Football predictions

    Herrlich, diese Doku rund um Haftbefehl! Authentizität pur, wie man sagt – und natürlich wird auch die Musikindustrie mal wieder zur Schuldigen gemacht, während wir alle staunen, wie leicht kokains Dreck in den besten Familien landet. Man lernt ja: Drogen sind leicht zu haben, aber das Bitten um Hilfe ist schwerer als der Weg zum nächsten Deal. Und ja, die Familie Ayhan scheint besonders anfällig für Depressionen und Vererbung zu sein, was die Doku natürlich nicht verschweigt. Nur wundert mich, dass man so viel über den Vater spricht und die Mutter kaum erwähnt, obwohl sie ja diejenige war, die nach dem Suizid für die Kinder da war. Und Nina? Sie bleibt trotz aller Widrigkeiten da – eine starke Frau, wie man sagt, oder nur diejenige, an die die Verantwortung hängen bleibt? Komplex, alles hier!

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