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Random Jazz, Folge 1: Ray Appleton Sextet

In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein. Discogs ist die wichtigste Datenbank für Musikveröffentlichungen im Internet. Unter dem Genre „Jazz“ finden sich 1,5 Millionen Einträge, aber ich habe die Suche begrenzt, um nicht auf Easy Listening zu stoßen oder irgendein Pop-Album mit einem Saxofonsolo, das jemand unbedingt noch mit dem Genre Jazz versehen musste. Mit Hilfe von ChatGPT habe ich ein Pythonskript geschrieben … nein, sagen wir besser: ChatGPT hat mir ein Pythonskript geschrieben, welches mir aus dieser Liste ein Album rauspickt. Irgendeines. Das höre ich dann, recherchiere ein wenig und schildere meine höchst subjektiven Gedanken dazu.

Es beginnt hiermit: Ray Appleton Sextet, Killer Ray Rides Again, Sharp Nine Records, 1996

Screenshot: Disgogs.com

Erste Gedanken: Noch nie habe ich von Ray Appleton gehört, hoffentlich ist das nichts völlig Abstruses, vielleicht doch keine gute Idee, komplett zufällig zu wählen, wie hoch ist überhaupt die Chance, dass da irgendetwas Relevantes dabei ist? Andererseits klingt der Titel schon mal gut. Das Cover möchte keinen Hehl daraus machen, dass es aus den 90ern stammt. Die 90er sind möglicherweise das Jahrzehnt, aus dem ich den wenigsten Jazz und die meiste sonstige Musik kenne.

Zweite Gedanken: Geil, da ist John Hicks dabei! Dann ist alles gut. John Hicks kenne ich von zwei großartigen Pharoah Sanders Live-Alben, die mit zu meinem Lieblingsplatten gehören. Er spielt ein intensives, harmoniesattes Piano, das ich in meiner höchst subjektiven internen Klavierklassifikation als „McCoy-Tyner-artig“ abgespeichert habe. Von dem wollte ich eigentlich schon immer mal mehr hören, habe aber bislang nie aktiv danach gesucht. Weitere Namen, die mir zumindest bekannt vorkommen, sind Slide Hampton (Posaune) und Charles McPherson (Altsaxofon). Ich weiß nicht, wer die sind, würde aber intuitiv sagen, dass die in deutlich frühere Jahrzehnte gehören.
Das lässt sich ja recherchieren. Und siehe da, Charles McPherson ist Jahrgang 1939 und er hat mit Charles Mingus gespielt. Ich sagte, er hat mit Charles Mingus gespielt. Es ist gut, dass dies gleich zu Anfang zur Sprache kommt: Ich liebe Charles Mingus in einer Weise, die nach meinem Tod gerne jemand psychoanalytisch deuten kann. Bis dahin wollen wir sie als gegeben annehmen und als einen zentralen Motor der Leidenschaft benennen, die all das hier überhaupt antreibt. Und zu jedem, den Mingus mal in seine Band genommen hat, erkläre ich meine geradezu tribalistische Solidarität. Es gibt wenig, dass mir beim Jazzhören so viel Freude macht, wie wenn ich einen neuen Musiker entdecke, der mir gefällt und dann herausfinde, dass der – natürlich – auch mit Charles Mingus gespielt hat. Das sind fast zwangsläufig Leute, die genau das machen, was ich im Jazz am meisten liebe, nämlich traditionelle musikalische Werte mit unbändiger Freiheit verbinden. Nicht konservieren, wie eine reaktionäre Gestalt vom Schlage eines Wynton Marsalis, sondern als sprudelnde Quelle von Leidenschaft und Emotion verwenden, bereit, sich von diesem Fluss in jegliches Gefilde tragen zu lassen, Free Jazz im wahrsten Sinne beider Wörter. Die Charles-Mingus-Achse ist die Achse des Guten.

Charles McPherson jedenfalls hat über die Jahre mit Unterbrechungen immer wieder mit Mingus gespielt, offenbar auf etlichen unbekannteren Alben, aber unter anderem auch auf Let My Children Hear Music und Pithycanthropus Erectus und vor allem auf dem zu Musik kristallisierten Wahnsinn namens Mingus At Carnegie Hall. Damit gehört er definitiv zur Achse des Guten.

Slide Hampton ist noch ein paar Jahre älter, Jahrgang 1932 und hat in den späten 50ern und frühen 60ern mit Größen wie Art Blakey gespielt, bevor er selbst als Leader etliche Alben aufgenommen hat. Sagt mir trotzdem nichts.

An Bass und Trompete haben wir zwei Herren, die 30 Jahre jünger sind. Auch in ihren Diskografien befinden sich bekannte Namen, die ihre Teilnahme auf dieser Platte rechtfertigen, aber sie scheinen keine Superstars zu sein. Das ganze hier soll ja auch keine Detektivarbeit und keine akademische Studie werden, deswegen grabe ich da nicht tiefer, sondern halte fest, dass Ray Appleton sich zwei Veteranen im Rentenalter und zwei Profis, die halb so alt sind, in sein Sextet geholt hat. Das finde ich schon mal sympathisch. Es wird ferner noch ein Percussionist angegeben, will ich der Vollständigkeit halber ergänzen.

Und Ray selbst? Laut Wikipedia Otis „Killer“ Ray Appleton. Cooler Name. Drummer, geboren 1941, gestorben 2015. Er spielte bereits mit 14 Jahren mit Wes Montgomery. Im Verlauf unter anderem mit Freddie Hubbard und John Coltrane, lebte zeitweise in Europa und verlor wegen Diabetes ein Bein. Dieses Album scheint schon einbeinig entstanden zu sein und ist sein Debut als Leader. Und dann gab es auch nur noch eine einzige weitere Veröffentlichung unter seinem Namen, wie mir scheint. Irgendwie tragisch.

Dann sollten wir jetzt wohl endlich mal die Musik hören! Ich finde übrigens wenig langweiliger als Rezensionen, die zu 75% aus der Aufzählung von Songtiteln bestehen. Ich werde hier nicht brav jeden Titel nacheinander vorlesen und mit einem Adjektiv kombinieren. Es gibt eine Ballade und einen vom Percussionisten Dumah Saafir geschriebenen orientalisch groovenden Titel „Alexandria“, der ein bisschen so klingt wie das, was in einem 50er-Jahre Film benutzt würde, um ebenda in einem anrüchigen Etablissement mit Bauchtänzerin zu ertönen. Aber es ist cool, ich meine das weniger despektierlich als es klingt.

Die übrigen Songs sind die repräsentativeren für den Sound des kurzlebigen Ray Appleton Sextets. Ich finde immer, ein Sextet ist die kleinste Fassung einer Big Band. Ein Quintet klingt immer noch nach Combo, aber diese eine Stimme mehr erlaubt Klangfarben, die eine zusätzliche Dimension aufmachen. So hat auch dieses hier diesen leichten Bigband-Touch mit ansprechend arrangierten Passagen und einem vollen und warmen Klang. Das ganze ist im Hardbop verwurzelt und könnte genauso gut in den Sechzigern, den Siebzigern, in den Achtzigern oder auch in diesem Jahrtausend erschienen sein. Das ist keine Kritik. Sondern Ausdruck davon, dass sich Ende der Sechzigerjahre eine Sprache des Jazz entwickelt hat, die universell ist und die überall auf der Welt, zu jeder Zeit, gesprochen wird. Post-Bop ist die beste Bezeichnung für diese Sprache. Und so können 1996 Musiker Jahrgang ‘31 und Jahrgang ‘64 zusammenkommen und wissen, was zu tun ist. Sie machen das prima, ohne dass dieses Album deswegen gleich eine Erleuchtung wäre. Ich mag den Sound von Charles McPherson, er hat etwas Leichtes, ohne zu zart zu sein, Power ist da, aber ohne das Harsche, das Altsaxofon manchmal zu eigen ist. Es ist funkensprühend, aber ohne anstrengende Bebop-Hektik. Jim Rotondis Trompete passt dazu. Ingesamt könnte das alles für mich etwas ungezügelter sein, unberechenbarer, unbändiger.

Wie erwartet gefällt mir John Hicks besonders gut, ich bin einfacher Mann und sofort zufrieden, wenn möglichst viele Töne gleichzeitig gespielt werden. Hicks sorgt auch für die meisten Überraschungsmomente, spielt am ungezügeltsten, unberechenbarsten, unbändigsten. Und tatsächlich erweist sich Folgendes: John Hicks hat wohl nie mit Charles Mingus gespielt. Aber er war in mehreren der Mingus-Nachfolgebands, die dessen Repertoire spielen und sein Erbe weitertragen. Und da gehört er auch hin. John Hicks gehört zu Achse des Guten.

Ich bin mit Ergebnis 1 von 700.000 als Auftakt dieser Reihe zufrieden. Es war eigentlich alles dabei, das man sich erhoffen konnte: Die generationen-übergreifende und jahrzehnt-agnostische Sprache des Jazz, neue Entdeckungen, neue Verknüpfungen und gute Musik. Bin gespannt, was mir als nächstes aufgetischt wird.

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