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Dyskalenderosthenie? Oder: Hilfe, ein Datum!

Juhuu, eine Zahl! Foto: R. v. Cube

Gestern in der Besprechung kam mein Chef auf mich zu, stellte sich vor mich und gab mir feierlich die Hand. Was ist denn jetzt passiert?, dachte ich. Werde ich befördert? Ist jemand gestorben? Hatte ich eventuell Geburtstag? „Ich habe Ihnen noch gar kein schönes neues Jahr gewünscht“, sagte mein Chef. Ach Gott!, dachte ich. „Äh, ja, gleichfalls“, sagte ich.
Ich bin 48 Jahre alt und habe schon mehrere Neujahre erlebt. Mir ist bereits aufgefallen, dass viele Leute ein gewisses Aufhebens darum machen, dass sich die hinterste Zahl der Datumsangabe ändert. Um Punkt zwölf wird allerlei Lärm gemacht, umarmt und Sekt getrunken. Dass man sich Tage danach noch feierlich die Hand gibt, um diese bedeutende Zahländerung gebührend zu würdigen, war mir aber noch nicht aufgefallen.
Ich habe schon mehrfach in den letzten Jahren gegoogelt, ChatGPT befragt, Lexika der Psychologie durchblättert: aber eine isolierte Teilleistungsschwäche, nur in Bezug auf kalendarische Daten, ist nirgends beschrieben. Es gibt Dyskalkulie, es gibt Legasthenie, es gibt Prosopagnosie (Gesichtsblindheit), bei der die Menschen durch die Welt gehen, ohne Gesichter wiederzuerkennen. Das gleiche, wahrscheinlich weniger dramatisch, gibt es für Stimmen. Und für Musik. Aber nirgends ist es für kalendarische Daten beschrieben.
Und okay, so dramatisch wie bei einem Gesichtsblinden, der einfach Gesichter nicht richtig wahrnehmen kann, egal, wie er sich bemüht, ist es bei mir dann auch nicht. Mit Mühe und geistiger Anstrengung kann ich Daten meistern. Aber würde ich nicht streng meinen Kalender führen, mit Erinnerungsfunktion und Wiederholungsterminen und ständigen Blicken hinein, wäre ich aufgeschmissen. Und ich habe schon genug Termine vergessen, Flugzeuge verpasst und Geburtstage ungratuliert gelassen.
Es ist mir regelmäßig peinlich, wenn ich z.B. gefragt werde, ob ich „morgen um zehn“ noch Zeit habe. Ich weiß doch heute nicht, welche Termine ich morgen habe! Weil ich noch nicht geguckt habe. Was bringt es mir, heute mühsam auswendig zu lernen, welche Termine morgen in welcher Reihenfolge warten? Oder gar im Laufe der Woche? Ich schaue morgens in meinen Kalender und sehe dann, was als nächstes zu tun ist.

In der zehnten Klasse habe ich mal die falsche Monatskarte weggeschmissen, weil ich September und Oktober verwechselt habe (könnten auch Oktober und November gewesen sein, irgendwelche von den komischen hinteren halt). Und ich meine, die Monate sind halt auch tückisch, weil sie komplett irre benannt sind, wenn man ein bisschen Latein kann. Aber ich will nicht übertreiben: Die Monate kann ich mittlerweile problemlos. Durch das dramatische Ereignis mit der Monatskarte habe ich mir die gründlich gemerkt. Wochentage übrigens erst recht kein Problem.
Was wirklich ein Problem ist, ist Ereignisse mit Zahlen zu verknüpfen. Das mit dem Geburtstag oben war übertrieben, ich weiß natürlich meinen Geburtstag. Ich weiß auch ausgewählte Geburtstage sehr nahestehender Personen. Ich muss auch dazu sagen, dass in meiner Familie um Geburtstage traditionell nicht so viel Gewese gemacht wird, wie andernorts, jedenfalls wenn man erst mal erwachsen ist. Aber hier ist das Problem: Selbst wenn ich den Geburtstag (oder ein anderes Datum) weiß, heißt das nicht, dass mir auffallen würde, dass diese Zahl deckungsgleich ist, wenn sie mir an anderer Stelle begegnet. Also, wenn ich erfahre, dass Ereignis X am, sagen wir, 23.10. ist, dann denke ich nicht „Ach, wie lustig, 23.10., das ist doch auch der Geburtstag von Y!“. Wenn man mich umgekehrt nach dem Geburtstag von Y fragte, könnte ich die Zahl aber aufsagen.
Das ist das Grundproblem, denke ich: Es ist für mich nur eine Zahl. Mir ist die Person nicht egal, mir ist nicht egal, dass sie Geburtstag hat und feiert und man ihr gratulieren sollte, wenn man sie mag. Aber die zugehörige Zahl „23.10.“ ist für mich ein abstraktes, langweiliges, belangloses Ding. Sie weckt bei mir keine Gefühle, keine Assoziationen. Wobei es mehr ist als die blanke Zahl, auch das generelle Konzept von Anordnung auf einem Zeitstrahl interessiert mich offenbar wenig. Mein Gehirn funktioniert nicht so, dass ich mir merke: An dem Tag, als X passierte, passierte auch Y. Oder: Y war genau eine Woche nach X. Oder 2017 war ich in Z im Urlaub. Ich weiß, dass X passierte. Ich weiß, dass ich in Z war. Aber warum sollte die exakte Reihenfolge oder die Jahreszahl dafür relevant sein?
Mir das merken zu müssen, wäre für mich ungefähr so spannend, wie wenn ich zu jedem Ereignis den Luftdruck auswendig lernen sollte. „Ach, lustig, der Luftdruck beträgt heute 914 hPa!“ „Äh, na und?“ „Na weißt du nicht mehr? Als wir uns getroffen haben, betrug er auch 914 hPa!“ So ungefähr fühle ich mich, wenn mich Leute mit kalendarischen Ereignissen konfrontieren. Ich kann das intellektuell erfassen. Ich verstehe, dass 914 hPa mehr sind als 910 hPa. Ich sehe, dass hier eine zufällige Übereinstimmung besteht, wenn er zweimal 914 beträgt. Genauso wie eine zufällige Übereinstimmung besteht, wenn man nach einem Jahr genau ein Jahr älter ist und sich das Geburtsdatum wiederholt. So what? Warum eine riesige Party veranstalten und all die Feierlichkeiten, nur weil ein Jahr vorbei ist? Ich habe nichts gegen Partys, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich feiere mit. Ich verstehe nur den Anlass nicht. Man könnte ja auch, statt zu feiern, dass 365 Tage rum sind, die Schwelle von 300 Tagen feiern. Oder einen wiederkehrenden Luftdruck. Oder ob die Quersumme des Datums eine Primzahl ergibt oder so was. Ein Jahr könnte auch 370 Tage dauern, wenn die Gestirne etwas anders stünden. Es sind alles bloße abstrakte Zahlenspiele für mich.
Eine Teilleistungsschwäche, die das erklärt, habe ich nicht gefunden. Solange mache ich gute Miene zum bösen Spiel und sage: „Äh, danke gleichfalls! Juhuu.“

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