
Auch die Gesundheit streikt mal. Foto: R. v. Cube
Mehr Krankheitstage sind ein Zeichen einer fortgeschrittenen Zivilisation
Unser Bundeskanzler hält die gesamte Bevölkerung für faul, weil sich mehr Menschen als früher krankgemelden. Man kann sicherlich nicht in seine Position kommen, ohne ein Workaholic zu sein. Dennoch spricht es für einen Mangel an Reflexionsvermögen, wenn man sein eigenes Arbeitspensum zum Maßstab der Allgemeinbevölkerung macht. Dass sich mehr Menschen krankmelden als früher, ist ein Zeichen unserer hohen Zivilisationsstufe.
- Gesundheitliche Aufklärung: Man hat den Anstieg der Infektionserkrankungen nach der Corona-Pandemie mit einem geschwächten Immunsystem erklärt. Ich will diese Erkenntnisse auch nicht infrage stellen. Dennoch muss meines Erachtens auch eine Rolle spielen, dass wir in der Pandemie gelernt haben, dass ein Infekt eine Erkrankung ist und man damit zu Hause bleiben darf und soll. Man kann andere anstecken, man kann den Infekt verschleppen, man kann vermindert leistungsfähig sein und Fehler bei der Arbeit machen, die einem hinterher keiner dankt. Wer nach einem Fehler sagt, er sei eben krank gewesen, wird von seinem Vorgesetzten immer hören: „Dann hättest du dich krankmelden müssen“ und niemals: „Toll, dass du es wenigstens versucht hast“. Sich krank zu melden, ist ein Zeichen einer reifen Gesundheitssorge.
- Bürgerrechte: Sich eher niedrigschwellig krankzumelden, ist nur in einem funktionierenden Rechtsstaat und Sozialstaat möglich. In Gesellschaften mit schlechteren Bürgerrechten kann es dem Kranken passieren, dass er seine Arbeitsstelle verliert oder zumindest unbezahlt fehlt. Menschen werden sich in weniger fortgeschrittenen Gesellschaften eher aus blanker Not zur Arbeit schleppen. Auf einer Skala zwischen Sklaverei über Sweatshops bis Skandinavien sind wir (zum Glück) ziemlich weit oben.
- Fortgeschrittene Gesellschaft: In beruflichen Umgebungen, in welchen die Abwesenheit konkrete Auswirkungen auf real existierende Menschen hat, wird die Hemmung, sich krankzumelden nach wie vor höher sein. Wenn der Krankenstand beispielsweise bei Pflegekräften hoch ist, ist dies ein Zeichen der beruflichen Überlastung und nicht der Faulheit der Beschäftigten. In anderen Kontexten aber zeigt ein hoher Krankenstand (also die Bereitschaft, bei Unwohlsein zu Hause zu bleiben), dass die Arbeit so gut organisiert ist oder auch so überflüssig ist, dass die Mitarbeiter guten Gewissens daheim bleiben. Selbstverständlich gibt es eine Grauzone, bei der die Entscheidung zwischen arbeiten und zu Hause bleiben zu fällen ist. Friedrich Merz hat natürlich recht, wenn er unterstellt, dass nicht jeder einzelne Fehltag auf ein Koma oder mehrfach gebrochene Beine zurückzuführen ist. Es geht ihm um die Rückabwicklung einer Entwicklung, bei der die Menschen mehr Fürsorge für sich selbst zeigen. Dazu gleich mehr im nächsten Punkt. Hier geht es darum, dass viele Menschen Arbeitsplätze haben, bei denen sie den Eindruck haben, es sei keine Katastrophe, wenn sie einen Tag fehlen.
Das ist gut, denn es heißt, dass unsere Zivilisation so fortgeschritten ist, dass nicht jeder permanent an Fragen des täglichen Überlebens arbeiten muss. Es ist nicht so, dass die Ernte verrottet, wenn wir uns nicht aufs Feld hinaus schleppen oder uns die Barbaren den Torf klauen, wenn wir ihn nicht sofort abtransportieren. Sondern unsere Gesellschaft ist gut organisiert, mit Redundanzen und mit der Beschäftigung mit Luxusproblemen, wie dem Marketing für ein überflüssiges Produkt. Wenn die Menschen den Eindruck haben, ihre Arbeit am Marketing für ein überflüssiges Produkt könne auch noch einen Tag warten, sind die Probleme des täglichen Überlebens offenbar einigermaßen bewältigt. - Selbstfürsorge: Als Psychiater und Psychotherapeut habe ich noch nie jemandem gesagt: Sie sollten vielleicht einfach mehr arbeiten, mal so richtig schuften, Sie brauchen Schlafmangel, Sie brauchen ein bisschen Überarbeitung und Burnout, das wird Sie erfrischen!
Nein, eines der größten Themen in Psychotherapien ist der Mangel an Selbstfürsorge. Menschen sind sehr oft perfektionistisch, haben hohe Ansprüche an sich selbst, stehen unter selbstgemachtem Leistungsdruck und werden depressiv, weil die Depression als Notbremse für die Psyche der einzige Ausweg ist, um dem Druck zu entgehen. Es ist ein sehr häufiges Phänomen in der Behandlung von Depressionen, dass der Behandler den Eindruck hat, es gehe dem Patienten etwas besser und dieser das geradezu panisch von sich weist. Unerfahrene Helfer interpretieren dies gerne als Simulation oder Theatralik. Aber der Grund ist, dass der Perfektionist, wenn er „besser“ hört, sofort meint, dann jetzt wieder 100% Leistung bringen zu müssen. Man darf nicht jammern, man darf nicht aufgeben, man darf nicht schwach sein, man muss immer erster sein (siehe Fußballer, die sich die Silbermedaille vom Hals reißen). Wer nicht maximal depressiv ist, muss nach dieser Logik sofort wieder kämpfen. Bis er wieder umfällt, in ein noch tieferes Loch. Die oben beschriebene Grauzone existiert nicht. „Besser“ bedeutet in dieser Denkweise eine existenzielle Bedrohung.
Die hohe Zahl an Depressionen zeigt, dass diese Denkweise nach wie vor weit verbreitet ist. Aber die Menschen, die sich erlauben, sich krankzumelden, wenn es ihnen nicht gut geht, zeigen eine höhere seelische Reife und mehr Selbstfürsorge. Workaholics wie Friedrich Merz ist das ein Dorn im Auge. So, wie jemand stört, der keinen Alkohol trinkt, und als Schwächling und Spielverderber beschimpft wird, so möchte man niemanden sehen, der nicht beim kollektiven Zahnfleischgehen mitmachen will.


