Papyrus, Papyri, Mumien
Wissen

Was Mumien über den Alltag der Antike erzählen

Altgriechische Texte, die fast 2.300 Jahre alt sind, lagen jahrzehntelang unbeachtet in Archivkisten in Kalifornien. Nun sollen sie systematisch erschlossen werden. Möglich macht das ein neues Langzeitprojekt im Akademienprogramm der deutschen Wissenschaftsakademien, an dem die Universitäten Köln und Münster beteiligt sind. Der Schwerpunkt liegt auf klassischer Altertumsforschung – unterstützt durch digitale Methoden.

Im Zentrum stehen rund 20.000 Papyrusfragmente aus dem antiken Tebtynis, einer Stadt im heutigen Ägypten. Tebtynis war in der hellenistischen Zeit ein wichtiges religiöses Zentrum, insbesondere für den Kult des Krokodilgottes Sobek. Die Papyri wurden um 1900 bei archäologischen Ausgrabungen entdeckt. Ursprünglich dienten sie ganz alltäglichen Zwecken: Sie enthalten Literatur, Verwaltungsakten, private Briefe, Verträge, Steuerquittungen und amtliche Berichte.

Später erhielten sie eine zweite, ungewöhnliche Nutzung. In der Antike wurden die beschriebenen Papyri zerschnitten und zur Herstellung von Menschen- und Krokodilmumien verwendet. Beim Auseinandernehmen dieser Mumien entstanden Tausende einzelner Fragmente, die heute in der Bancroft Library der University of California in Berkeley lagern. Nur ein kleiner Teil davon wurde bislang wissenschaftlich ausgewertet.

Das neue Forschungsprojekt will diese Lücke schließen. Über einen Zeitraum von 15 Jahren sollen die Fragmente inhaltlich erschlossen, ediert und veröffentlicht werden. Ziel ist es, Texte wieder zusammenzuführen und lesbar zu machen – um ein möglichst vollständiges Bild des Alltags, der Verwaltung und der Lebenswelt im hellenistischen Ägypten zu gewinnen.

Dabei kommt auch Künstliche Intelligenz zum Einsatz, allerdings nicht als Selbstzweck. KI-gestützte Verfahren sollen helfen, zusammengehörige Papyrusstücke digital zu identifizieren. Die eigentliche Arbeit bleibt jedoch (noch) klassisch altertumswissenschaftlich: Lesen, Übersetzen, Einordnen, Kommentieren. Die KI dient als Hilfsmittel, um eine Materialmenge zu bewältigen, die mit traditionellen Methoden nicht zu erfassen wäre.

Das Projekt ist Teil des Akademienprogramms, des größten deutschen Langzeitförderprogramms für geistes- und sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung. Gefördert werden hier Vorhaben mit Laufzeiten von bis zu 25 Jahren, die zentrale kulturelle Überlieferungen sichern und zugänglich machen. In diesem Fall geht es um nichts weniger als darum, tausende bislang stumme Texte wieder in den historischen Zusammenhang einzuordnen – und damit unser Wissen über die Antike zu erweitern.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Consent Management Platform von Real Cookie Banner