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Random Jazz 8 – Fred Anderson

In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.

Das hier fällt mir wirklich schwer. Da musste ich mich zu zwingen, auch wenn es Passagen gab, die ich dann doch genossen habe. Fred Anderson sagte mir zunächst nichts, wobei ich den Namen sicherlich schon gehört habe. Er ist nämlich einer der Mitbegründer der AACM. Die Association for the Advancement of Creative Musicians spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Free Jazz und bei der Unabhängigkeit der zumeist schwarzen Musiker von der Monopolstellung der großen Plattenfirmen. Independent Music ohne Indierock. Und jetzt, wo ich etwas mehr über Anderson gelesen habe, erschließt sich, dass dies nicht einfach irgendein Live-Album ist. Denn es heißt Back at the Velvet Lounge. Und die Velvet Lounge war Fred Andersons eigener Jazzclub, den er Hauptberuflich betrieb, nachdem er sein Musikerleben über lange Zeit mit Handwerk finanziert hatte (die Quellen sind uneins, ob als Maurer oder Zimmermann). Diese Velvet Lounge wurde so zu einem wichtigen Treffpunkt der Chicagoer Free Jazz Szene und bot dem Nachwuchs einen Ort zum Spielen und Netzwerken.

Screenshot: Discogs.com

Fred Anderson, Jahrgang 1929 und somit zum Zeitpunkt dieser Aufnahme bereits über 70, hat, wie ich zwischen den Zeilen lese, eine zentrale Rolle als Organisator, Kommunikator und Motor dieser Szene gehabt. Und ähnlich wie schon Ray Appleton im ersten Teil dieser Reihe spielt der Veteran hier mit Musikern, von denen einige fast schon seine Enkel sein könnten. Das ist also nicht nur eine Musikproduktion, sondern auch ein Dokument einer Praxis. Wir sehen hier, dass eine im Zusammenhang mit der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung entstandene Struktur auch 2002 noch ihre Funktion erfüllte, nämlich Musiker zusammenzubringen, dem Nachwuchs eine Plattform zu bieten, Dinge zu ermöglichen. Offenbar war Fred Anderson (vielleicht mehr noch, als dass er die vorderste Front musikalischer Innovation gebildet hätte) eine unverzichtbare Person in dieser Praxis.

So etwas sind Aspekte eines Musikerlebens, die durch das Hören von Platten alleine nicht zutage kommen. Obwohl sie für die Menschen, die in einer solchen Szene aktiv sind, selbstverständlich sind und große Bedeutung haben. Als Hörer vergessen wir leicht, dass die Aufnahmen lediglich der tote Abdruck des eigentlichen Schaffensprozesses sind. Und für Jazz gilt das mehr als für jede andere Musik, weil eben die Improvisation, das Unbeständige, die Interaktion so elementar für ihn sind. Eigentlich sollte man Jazz nicht nur hören, sondern beobachten, seiner Entwicklung beiwohnen, denn eigentlich ist er ein Prozess und kein Ergebnis.

Wahrscheinlich hätte ich diese Musik auch besser genießen können, wenn ich in der Velvet Lounge gesessen hätte, den alten Mann und seine jungen Kollegen beobachtet hätte, während sie die Musik aufführen. Da ihm ja auch der Club gehörte, musste er vielleicht zwischendrin auch noch die Mitarbeiter managen, Wechselgeld besorgen, Gäste rausschmeißen. Mich würde jetzt interessieren, wie er diese Führungsrolle ausgekleidet hat – mit starker Hand oder durch sanftes Schieben oder mit einer großen Portion Humor? Vielleicht würde ich in der Musik diese Charaktereigenschaften heraushören.

Aber so ist das, ganz ehrlich, für mich sehr wenig zugängliche Musik. Es ist eine Art von Free Jazz, die in mir nichts anrührt. Ich sagte ja schon vorher, dass mir pianoloser Jazz (oder solcher, der die Rolle des Pianos nicht irgendwie anders besetzt) generell nur selten gefällt. Free Jazz mag ich, wenn er emotional intensiv ist. Ich brauche keine klaren Harmonien und keine regelmäßigen Rhythmen. Aber ich brauche eine affektive Komponente, die nicht in Worte gefasst werden kann. Wahrscheinlich ist das vollkommen subjektiv.

Dies hier ist nicht mal der freieste Free Jazz unter dem Himmel. Bei näherer Betrachtung ist das an vielen Stellen sehr straight. Formal gesehen ist das wahrscheinlich zu einem gehörigen Prozentsatz eigentlich konventioneller Jazz, mit Form und Rhythmus und Struktur. Aber es hört sich für mich nicht so an. Über weite Strecken zwitschert insbesondere Andersons Saxofon über gefühlte Stunden vor sich hin, ohne für mich spürbare Höhepunkte, Gefühle, Berg- oder Talfahrten. Die Trompete genauso. Es hat glaube ich auch mit der Produktion zu tun. Es gibt eine Gitarre – regelmäßige Leser wissen, was das heißt. Gitarre ist eh langweilig (Achtung: subjektive Polemik), aber sie könnte wenigstens ein bisschen für einen harmonischen Teppich sorgen. Aber das Saxofon ist sehr laut abgemischt, die Gitarre sehr leise. Sie klingt auch komisch. Keine Ahnung, was für ein Instrument das ist, vielleicht sogar eine akustische Gitarre mit Stahlseiten? Für mich klingt es, als hätte man eine unverstärkte E-Gitarre mit einem Mikrofon abgenommen. Jedenfalls steht das Saxofon so im Vordergrund, dass der Effekt fehlender Flächensounds, der mich eben prinzipiell abschreckt, noch mal besonders zum Tragen kommt.

Vielleicht gibt es richtig professionelle Jazzhörer, zu denen ich nunmal nicht gehöre, die sich das Anhören und die Intervalle und Skalen analysieren und sich denken: Ah, interessant, jetzt wechselt er hier von der phrygischen in die mixolydische Tonleiter. Wäre mir zwar unklar, wo da der Spaß liegt, aber würde meinen Respekt ernten. Vielleicht, bei allen Spielarten menschlichen Empfindens, bewegt diese Musik aber auch in den Herzen anderer Hörer viel mehr als bei mir und es ist eben einfach Geschmackssache.

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