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Zwischen Unsinn und Neugier: Warum Erich von Däniken wichtig war!

Ein deutlich jüngerer Bartoschek trifft Erich von Däniken 2012. In Bielefeld. (Foto: privat)

Erich von Däniken hat Generationen fasziniert, irritiert und geprägt – als Provokateur, Suchender und Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Spekulation. Zwei sehr persönliche Nachrufe zeigen, warum sein Einfluss weit über seine Thesen hinausreicht.

Als Historiker blickt Robert Herr auf seine prägenden Lesejahre zurück und erklärt, warum ausgerechnet ein unwissenschaftlicher Grenzgänger seine Liebe zur Vergangenheit entfachte – und was man aus Däniken trotzdem lernen kann. Als Skeptiker und Verschwörungsforscher erzählt Sebastian Bartoschek, warum Erich von Däniken für seinen eigenen Weg entscheidend war – und wie aus Faszination, Kritik und persönlicher Begegnung Respekt wurde.

von Robert Herr

Dass ich Historiker geworden bin, war eigentlich keine große Überraschung. Schon als Kind war ich begeistert für alle historischen und archäologischen Themen und habe nicht nur jede Bibliothek im ganzen Umkreis heimgesucht, sondern auch fast mein ganzes Taschengeld für Bücher ausgegeben. Das habe ich meist nicht in der Buchhandlung gemacht, sondern auf dem Flohmarkt, wo ich für wenig Geld ganze Wagenladungen an spottbilligen Büchern erstehen konnte. In der Folge war ich dann auch nicht gerade wählerisch bei der Zusammenstellung meiner Käufe. Das Buch-Cover sieht vage nach Geschichte, Archäologie, Römern, Griechen oder sowas aus? Ab in den Sack, nehm ich. Natürlich interessierte ich mich nicht ausschließlich für Geschichtsthemen. Ich war auch ein begeisterter Science-Fiction- und Fantasy-Leser und habe auch aus diesem Bereich von Robert Heinlein, über Arthur C. Clarke, Michael Moorcock und Robert E. Howard alles mitgenommen, was die Leute in den 90ern auf Flohmärkten an Büchern so loswerden wollten. Man kann sich also die Explosion im Gehirn des kleinen Robert vorstellen, als er in seinem Berg an Flohmarktbüchern die Bücher „Die Steinzeit war ganz anders“ von Erich von Däniken und einen seiner Sammelbände über Prä-Astronautik in die Finger bekommt und dieser Typ da drin im Prinzip eine der wildesten Science-Fiction-Stories, die man sich vorstellen kann, erzählt und einen dann auf einen Ritt durch allerlei „Beweise“ aus der Geschichte mitnimmt. Von Menhiren, über Maya-Inschriften, bis hin zur Bibel und dem indischen Versepos Ramayana. Natürlich – und das war mir auch als Kind schon klar – arbeitete Erich von Däniken nicht wissenschaftlich und es war völlig klar, dass er viel mehr in seine Story verliebt war, als in die tatsächlichen Fakten.
Ich habe es persönlich aber nie krumm nehmen können. Im Grunde nämlich, hatte Erich von Däniken den gleichen Ausgangspunkt, den auch viele Historiker und Archäologen haben und der auch in der Geschichte dieser Disziplinen selbst, bei ihren ersten Vertretern eine große Rolle spielt: Eine unbändige Faszination für die Vergangenheit und die Menschen in ihr und den Drang, ihre Geheimnisse zu lüften. Was den wissenschaftlichen Historiker und die wissenschaftliche Archäologin von Erich von Däniken unterscheidet, ist nicht die Begeisterung für die Materie, sondern die Strenge gegen sich selbst, dieser Begeisterung nicht Vorrang gegenüber den Fakten einzuräumen, auch wenn sie vielleicht viel langweiliger sind, als diese spannende Theorie, die man sich so schön zu rechtgelegt hat. Viele Fehler im wissenschaftlichen Arbeiten in der Geschichte und der Archäologie entstehen auch tatsächlich genau dadurch, dass Wissenschaftlicher bei dieser Strenge gegen sich selbst anfangen ein bisschen die Zügel schleifen zu lassen. Erich von Däniken freilich hatte gar keine Zügel, er sprang immer fröhlich umher wie ein Fohlen auf der Frühlingswiese.
Erich von Däniken hat mit seinen wilden Stories über die Jahrzehnte sicherlich auch bei etlichen Leuten eine Begeisterung geweckt, die heute seriös in diesen Feldern forschen. Und er hat mit seinen aberwitzigen Interpretationen auch immer hervorragendes Anschauungsmaterial dafür gegeben, wie wichtig fundierte Quellenkritik und epistemische Strenge in der Geschichte und Archäologie sind. Meine Antwort auf die implizite Frage, die Erich von Däniken mit seinem Werk stellt, nämlich „Wäre es nicht cool, wenn…“ war nie „Nein.“, sondern immer „Ja! Aber…“
Am 10. Januar 2026 ist Erich von Däniken im Alter von 90 Jahren gestorben. Möge er in Frieden ruhen.


von Sebastian Bartoschek

Für mich persönlich war Erich von Däniken eine unfassbar wichtige Person. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich ohne ihn vermutlich kein Wissenschaftler geworden wäre, kein Skeptiker, wahrscheinlich nicht zu dem Thema promoviert hätte, dem ich mich schließlich gewidmet habe: Verschwörungstheorien. Viele der Dinge, die ich in meinem Leben getan habe, viele der Wege, die ich eingeschlagen habe, wären ohne ihn so nicht passiert.

Ich habe knapp 70 Prozent seiner Bücher gelesen. Lange Zeit dachte ich, es seien alle, bis ich irgendwann einmal nachgerechnet habe. Aber es waren dennoch viele.

Im Haushalt meiner Mutter stand ein Buch von Erich von Däniken. Ich weiß nicht mehr genau, welches – vielleicht „Zurück zu den Sternen“, ich glaube schon, bin mir aber nicht sicher. Entscheidend war etwas anderes: Meine Mutter schrieb mir nie vor, was ich lesen durfte und was nicht. Und so kam ich zu von Däniken.

Was ich dort las, war für mich – ich finde kein besseres Wort – hirnerschütternd. Die Idee, dass die Götter vielleicht Außerirdische gewesen sein könnten, traf mich mit voller Wucht. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Den Ansatz der Prä-Astronautik habe ich für mich nie vollständig aufgegeben. Auch dann nicht, als ich durch skeptisches Denken lernte, dass vieles anders war, als von Däniken es dargestellt hatte. Er selbst schrieb später immer wieder, er habe das mit den außerirdischen Landungen eigentlich gar nicht so gemeint. Ich glaube, er hat es sehr wohl so gemeint. Und ich finde auch, dass seine früheren Bücher genau das nahelegen.

Das Interview, das ich mit Erich von Däniken führen durfte, war eines, vor dem ich unfassbar nervös war. Zum einen, weil es eben Erich von Däniken war, den ich in Bielefeld treffen sollte. Zum anderen, weil mir plötzlich klar wurde, dass es vermutlich keine einzige Frage gab, die ihm in den letzten zwanzig Jahren noch nicht gestellt worden war. Ich überlegte lange – und fand letztlich keine. Ich traf auf einen perfekt vorbereiteten, durchgängig freundlichen Mann. Er überzeugte mich nicht mit allen Antworten. Aber seitdem schickte ich ihm jedes Jahr eine Neujahrskarte. Was mir später auch zugutekommen sollte.

Ein Moment blieb mir besonders im Gedächtnis: Ich konfrontierte ihn mit dem sogenannten „Astronauten“ auch Chichen Itza, beziehungsweise mit dem entsprechenden Fresko. Mir war vor Ort klar geworden, wie selektiv von Däniken bei der Präsentation seiner Belege vorging. Er wies das nicht zurück, sondern sagte sinngemäß, das sei so – aber Museumskuratoren täten letztlich dasselbe.

Später arbeitete ich an einem Buch und einem Dokumentarfilm über einen bekannten rechtsextremen Esoterik-Verschwörungstheoretiker, der sich immer wieder auch auf Erich von Däniken berief. Aus einem Impuls heraus schrieb ich ihn an und fragte, ob er ein kurzes Video-Statement für unseren Film beisteuern würde. Ich rechnete nicht ernsthaft mit einer Antwort – und erhielt umgehend ein kurzes Video, in dem sich Erich von Däniken klar von rechter Esoterik distanzierte. Das bedeutete mir viel. Sowohl der formale Umstand, dieses Video zu bekommen, als auch die Klarheit seiner Aussage.

Ich weiß, dass viele Skeptiker Erich von Däniken durchweg negativ sehen. Es sollte deutlich geworden sein, dass ich das nicht tue. Der Großteil seiner Bücher und Schlussfolgerungen war zweifellos Unsinn. Aber ich habe ihm immer abgenommen, dass er ein Suchender war.

Und wenn ich 90 Jahre alt werde und immer noch auf der Suche bin, dann habe ich alles richtig gemacht.

Ich hoffe, Sie bekommen nun Antworten auf die ganz große Frage, ob die Götter Ausserirdische waren.

Leben Sie wohl, Erich von Däniken.

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