
(Nicht) Alle Männer
Es ist wieder einmal einer dieser Momente, in denen eine Frau einen prominenten Mann beschuldigt, sich auf schlimmste Weise übergriffig verhalten zu haben. Die öffentlichen Reaktionen fallen in solchen Fällen immer gleich aus: Männer kommentieren, dass für den Täter die Unschuldsvermutung gelte und Aussage gegen Aussage stehe. Während sich manche Männer auf die Seite des Täters stellen, indem sie die Aussagen des Opfers anzweifeln, versuchen Andere, den Ruf von Männern zu verteidigen, indem sie betonen, dass nicht alle Männer so seien.
Frauen kommentieren in Anlehnung an diese Argumentation: “Not all men, but always a man”. Diese Aussage negiert, dass es – wenn auch in deutlich geringerer Anzahl – auch weibliche Sexualstraftäterinnen gibt, weshalb sie von deren Opfern kritisiert wird. Die Aussage “Not all men” ist zwar in der Hinsicht korrekt, dass natürlich nicht alle Männer Sexualstraftäter sind, doch sie ist auch dazu geeignet, Verantwortung von sich zu weisen und ich denke, dass das ein Thema ist, mit dem sich alle Männer auseinandersetzen sollten.
Spätestens mit dem Fall Ulmen/Fernandes ist mir als Mann etwas klar geworden: Dass es mittlerweile immer mehr Frauen gibt, die ernsthaft infragestellen, ob sie überhaupt eine Beziehung mit einem Mann eingehen und sich somit dem Risiko ausliefern wollen, psychische, körperliche oder sexualisierte Gewalt durch diesen Mann zu erfahren. Das mag übertrieben klingen, jedoch basieren diese Zweifel auf einer durchaus rationalen Grundlage: Statistisch gesehen sind es meist die eigenen Partner oder andere Personen aus dem eigenen familiären Umfeld, die Gewalt gegen Frauen ausüben – und der Fall Ulmen verdeutlicht dies wie kaum ein anderer.
Man muss sich nur mal in Collien Fernandes hineinversetzen: Da findet eine Frau heraus, dass jemand in ihrem Namen mit Männern aus ihrem privaten und beruflichen Umfeld geflirtet und gefälschtes pornografisches Material an diese Männer gesendet hat. Sie versucht jahrelang, den Täter zu finden, nur um dann herauszufinden, dass es sich um den eigenen Ehemann und den Vater ihrer Kinder handelt (so zumindest ihre Erzählung). Man sieht den Schmerz in Colliens Augen, als sie im “Kölner Treff” gefragt wird, ob sie wisse, wer der Täter ist (zum Zeitpunkt der Sendung war sie noch nicht mit den Anschuldigungen gegen Ulmen an die Öffentlichkeit gegangen).
Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Es ist ironisch, das selbst zu schreiben, nachdem man ein paar Zeilen früher noch kritisiert hat, dass dies so oft betont wird. Man muss an dieser Stelle aber auch einmal mit einem Mythos aufräumen: Die Unschuldsvermutung bedeutet nicht, dass Privatpersonen sich nicht eine Meinung über solche Fälle bilden und diese auch öffentlich kundtun dürfen. Als Journalist darf man aber nicht vorverurteilend darüber berichten. Statt also den Drahtseilakt vollziehen zu müssen, einerseits klar Position beziehen zu wollen und andererseits justiziable Aussagen zu vermeiden, möchte ich mich daher auf die strukturellen Probleme fokussieren, die durch diesen Fall ins Bewusstsein der deutschen Medienöffentlichkeit gerufen wurden wie nie zuvor.
Dabei geht es einerseits darum, dass Deutschland aufgrund nicht vorhandener Gesetze gegen diese Form von digitaler sexualisierter Gewalt als “Täterparadies” gilt, wie Collien Fernandes sagt. Das könnte man in einen größeren Kontext setzen: Für viele Politiker ist das Internet auch fünf Jahre nach Merkel immer noch Neuland, dementsprechend mangelt es an Gesetzen, die neue Formen digitaler Gewalt adressieren. Zudem ist Datenschutz ein hohes Gut in Deutschland und man wird bei den neuen Gesetzesentwürfen, die derzeit diskutiert werden, auch darüber sprechen müssen, inwiefern dadurch in Bürgerrechte von allen Internetnutzern eingegriffen wird und ob das verhältnismäßig ist.
In Spanien, wo die Anzeige gegen Ulmen gestellt wurde, gelten darüber hinaus generell schärfere Gesetze in Bezug auf sexualisierte Gewalt. Dort soll wegen der Verbreitung von sogenannten “Deep Fakes“ nun gegen die Social-Media-Plattformen TikTok und X sowie den Konzern Meta, zu dem Facebook und Instagram gehören, ermittelt werden.
Hier besteht tatsächlich dringender Handlungsbedarf. Es war noch nie so leicht für Täter, gegen den Willen von Betroffenen deren Bilder oder Stimmen zur Erstellung pornografischer Inhalte zu verwenden. Inzwischen kann man sich zum Beispiel von KI-generierten Stimmen prominenter Frauen erotische Geschichten vorlesen lassen – darunter auch die Stimme der erst 15-jährigen Rapperin Zah1de. Man kann KI-Chatbots anweisen, Bilder von Frauen so zu bearbeiten, dass sie ganz oder teilweise nackt sind.
Auch wenn es sich bei dem auf diese Weise erstellten pornografischen Material nicht um die echten Körper der betroffenen Frauen handelt, haben solche Fakes dennoch reale Auswirkungen auf die betroffenen Frauen. Es kann passieren, dass Dritte das Material für echt halten. Es ist aber auch grundsätzlich entwürdigend, zu wissen, dass gegen den eigenen Willen sexualisierte Inhalte im Internet verbreitet werden, die den Anschein erwecken, dass es sich um echte Aufnahmen der jeweiligen Person handelt. Das dürfte jedem klar sein, der über ein Mindestmaß an Empathie verfügt.
Doch was heißt all das jetzt für uns Männer? Wir sind natürlich nicht alle Christian Ulmen. Aber alle Männer sollten sich hinterfragen. Aus meiner Sicht sollte man sich vor allem folgende Fragen stellen: Wann habe ich mich übergriffig gegenüber Frauen verhalten? Wann habe ich nichts gesagt und somit geduldet, als andere Männer dies taten? Der Fall Ulmen/Fernandes zeigt: Es geht dabei nicht nur um verbale oder körperliche Übergriffe. Auch Pornokonsum kann problematisch sein. Kann ich, wenn ich einen Porno konsumiere, davon ausgehen, dass die Frau mit dem Akt an sich und mit der Aufnahme und Verbreitung dieses Contents einverstanden war?
Es gibt offensichtlich viele Männer, die sich diese Frage nicht nur nicht stellen, sie konsumieren sogar Content, von dem sie genau wissen, dass die abgebildete Person damit nicht einverstanden ist. Nachdem Collien Fernandes die Anschuldigungen gegen Ulmen öffentlich machte, schossen die Google-Suchanfragen nach Nacktbildern von ihr in die Höhe.
Es sind Beobachtungen wie diese, die in Frauen dieses allgemeine Misstrauen gegen Männer erzeugen und die Frage aufwerfen: Was, wenn auch der nette Mann, mit dem ich befreundet oder sogar in einer Beziehung bin, solche Dinge tut, wenn er allein und unbeobachtet ist?
Natürlich sind Pauschalisierungen und Generalverdacht auch dann abzulehnen, wenn es sich um eine gesellschaftlich privilegierte Gruppe handelt. Es ist aber emotional nachvollziehbar, weil zu vielen Männern immer noch das Unrechtsbewusstsein fehlt, wenn es um sexuelle Übergriffe gegen Frauen geht.
Daher sollten wir Männer uns nicht nur in Situationen distanzieren, in denen wir feststellen, dass eine prominente Person oder jemand aus unserem eigenen Freundeskreis sich übergriffig verhalten hat. Wir sollten generell öfter über Konsens und Übergriffigkeit reden, sowohl mit betroffenen Frauen, denen wir zuhören und deren Ängste und Forderungen wir ernst nehmen sollten, als auch untereinander.


