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Random Jazz 4 – Grant Green

von Robert von Cube

In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.

In dieser vierten Folge bekomme ich endlich Musiker präsentiert, die ich kenne. Hier haben wir mal ein zünftiges Bluenote-Album mit Namen wie Elvin Jones und Hank Mobley. Und Grant Green. Grant Green spielt Gitarre. Und da möchte ich etwas ausholen. Das mit der Gitarre ist nämlich verwirrend. Neben Jazz sind meine meistgehörten Musikstile welche mit Gitarren. Zumeist mit sehr stark verzerrten Gitarren. Ein ganzes Universum von Musik, das bei Rock beginnt und sich dann über die beiden großen Hauptäste Punk und Metal in unzählige Spielarten verzweigt, beruht in erster Linie auf einer Tatsache, nämlich das Gitarren aggressiv und powervoll klingen. Damit sie das tun, müssen sie a) verzerrt sein und b) Akkorde spielen. Auch schon, wenn Sie nur verzerren oder nur Akkorde spielen, hat das mehr Power als gar nichts.

Und gar nichts, also das Spielen von cleanen Einzeltönen, ist der Normalfall im Jazz. Gitarre im Jazz heißt fast zwangsläufig: langweilig. Bitte nicht gleich aufregen! Manchmal braucht es ja auch langweilige Musik. Und ich benutze das Wort hier natürlich polemisch, man könnte ja auch sagen: zart, sanft, sensibel, unaufgeregt, intim. Mein Problem ist, dass ich phlegmatisch wie ein Leguan auf einem heißen Stein bin. Um mich innerlich in Bewegung zu versetzen, muss man mit einem Stöckchen in meiner Seele rumbohren, bis man irgendwo mal eine kitzlige Stelle findet oder eine, die wehtut. Deswegen suche ich starke Reize. Ich will Musik, die mächtig ist, die in den Ohren wehtut, die pathetisch, erhaben, verzweifelt, triumphierend, energetisierend, unerwartet ist. Von Natur aus stelle ich mir keinen Gitarrenjazz an. Zart, sanft, sensibel und unaufgeregt langweilt mich.

Aber: Manchmal, wenn vieles zusammenkommt, brauche selbst ich genau das. Und manchmal zwinge ich mich, aus Neugierde, mich auf so etwas einzulassen. Denn es ist ja mein Defizit, das nicht wertzuschätzen und es ist die Trägheit, die mich davon abhält. Denn Musik, die weniger Reize liefert, erfordert eben mehr Aufmerksamkeit, erfordert mehr aktives Zuhören. Musik zu hören, die nicht „anstrengend“ ist, finde ich anstrengend. Und so ist Gitarrenjazz ein Genre, dem ich mich immer wieder mal widerstrebend widme, und ich fange an, ihn wertzuschätzen, auch wenn ich wirklich nicht immer in der richtigen Stimmung bin. Trotzdem: Gitarrenjazz ist die langweiligste Spielart im Jazz. (Irgendeine muss ja die langweiligste sein, nicht wahr?)

Aber warum ist das so? Eben, weil die die Gitarristen im Jazz einen leisen, sanften Ton pflegen. Und weil die Herrschaften aus unbekannten Gründen kaum Akkorde spielen. Das typische Jazzgitarrensolo besteht aus einer langen Folge zarter Einzeltöne. Pling pling pling. Dabei würde das Instrument ja viel mehr Varianz ermöglichen. Einer, der das erkannt hat, war Wes Montgomery. Der hat eine regelrechte Gitarrenakkord-Industrie gegründet. Ganze Big Bands und ihre kompletten Familien wurden davon ernährt, das Montgomery sich erlaubt hat, Akkorde zu spielen. Es gibt ein einfaches Grundprinzip bei ihm: Jedes Solo beginnt mit Einzeltönen und steigert sich dann zu den weltberühmten „block chords“, die sein Markenzeichen wurden und mit denen er wahnsinnig erfolgreich wurde. Die Leute waren begierig darauf, mal einen Gitarrenakkord hören zu dürfen, statt immer nur das sanfte Geklimper, und Wes Montgomery hat dieses Bedürfnis in monopolistischer Geschäftstüchtigkeit bedient. Jedenfalls bis der Rock kam. Dann – Schnelldurchlauf – Jimi Hendrix, Larry Coryell, Bitches Brew, Fusion: ordentliche Gitarren auch im Jazz.

Grant Green jetzt also. Da ich mich mit Gitarrenjazz nicht auskenne, weiß ich nicht viel über ihn. Aber ich gehe davon aus, dass er der wichtigste Gitarrist im Hardbop ist.
So langweilig ist diese Musik gar nicht, da Hardbop ja schon per definitionem nicht langweilig ist. Catchy Melodien, Soul- und Gospelfeeling, saftige Bläser, starker Groove und das alles auf dem Boden der kreativen Explosion namens Bebop – das kann gar nicht langweilig sein. Und tatsächlich hab ich bei meinen Schmähungen oben gegenüber der Jazz-Gitarre auch ein Adjektiv unterschlagen, nämlich lässig. Hier ist die Gitarre nicht zart und intim, sondern mega-lässig und das hat insbesondere mit der Kombination mit der Orgel zu tun. Die Orgel ist ja auch so ein Instrument ohne Dynamikumfang, technisch bedingt, und so ist Orgeljazz immer irgendwie entspannt. Obwohl er spektakulär und wild und überschießend sein kann – aber stets auf eine coole Weise, nie aggressiv oder hysterisch. Nicht umsonst ist Orgeljazz a la Jimmy Smith ein ganz eigenes Genre.

Die Gitarre von Grand Green ergänzt sich hier jedenfalls fantastisch mit der coolen Orgel von Larry Young. Das Saxofon von Hank Mobley, dem sogenannten Middle Weight Champion of Tenor Saxophone, kommt da dabei auch tatsächlich eher sporadisch zum Einsatz. Hier wird nicht versucht, den klassischen bläserlastigen Hardbop-Sound zu retten, indem das Saxofon für drei arbeitet. Sondern man wertschätzt diesen interessanten Klangmix aus Schlagzeug, Gitarre und Orgel als primäre Farbe dieses Albums. Das ist unglaublich lässig, groovend und alles aus einem Guss. Wer bei Elvin Jones nur an Coltrane und irre Polyrhythmen denkt, kann hier hören, wie sachgerecht er auch Latin und Swing spielen kann – wobei er dann auch wieder, ohne die Lässigkeit zu verlieren, deutlich mehr „out there“ spielt. Naja, wahrscheinlich ist Elvin Jones eh nicht für mangelnde Lässigkeit bekannt. Ich glaube, da mache ich einen falschen Gegensatz auf.

Fazit: Wenn man Gitarrenjazz hören will, ohne einzuschlafen oder sich zu fühlen als würde einem gerade einer im Flüsterton seine dröge Lebensgeschichte zuraunen – dann ist man hier schon mal nicht falsch.

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