
Random Jazz 5 – Miles Davis, Kind of Blue
In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.
Und meine Sorge war, dass unter dieser gewaltigen Anzahl von Alben so viele skurrile, obskure, unbedeutende Abfallprodukte der Musikindustrie sein könnten, dass ich mit ihnen gar nichts anfangen kann. Dass da immer nur Schüler-Bigbands und regional mäßig bekannte Bar-Pianisten auftauchen. Das war bisher nicht der Fall. Auch die Musiker, die ich nicht kannte, ließen sich schnell in einen ernstzunehmenden Kontext einordnen und ich hatte es in allen Fällen mit guter Musik zu tun. Wahrscheinlich kommt dem zu Gute, dass die Produktion eines Albums für die längste Zeit der Musikgeschichte ein großer Aufwand war, den die Firmen eben nur bei einer gewissen Qualitätsgarantie betrieben haben. Und ich weiß tatsächlich nicht, welche Voraussetzungen genau gelten, um bei Discogs gelistet zu sein – die Musik muss vermutlich auf einem richtigen Label erschienen sein. Die selbstproduzierte CD der Schüler-Bigband Warnemünde wird dort nicht auftauchen. Aber auch da müsste es eine Grauzone geben, ab wann eine Institution, die Tonträger in die Existenz fräst, als „richtiges Label“ zählt. Wahrscheinlich würde jedenfalls, wenn man nicht Discogs als Quelle nähme, sondern Spotify, der Prozentsatz an Müll deutlich größer sein. Und im Zeitalter von KI-Musik im Minutentakt wachsen.
Dennoch: Wie um alles in der Welt stehen die Chancen, bei 700.000 Alben das berühmteste Jazzalbum aller Zeiten zu ziehen? Ein Blick auf die Seite, die mir mein selbstgebautes Skript aufruft, gibt einen Hinweis. Dies ist nämlich Version 5 von 603 von Kind of Blue. Das berühmteste Jazzalbum aller Zeiten gibt es natürlich in unzähligen Ausgaben, Re-Issues und Neuauflagen. Ok, nicht unzählige, sondern zählbar: 603. Damit steht die Wahrscheinlichkeit, genau dieses zu ziehen immerhin schon 603 mal höher als die Chance, das Dennis Charles Triangle zu ziehen. 1 zu 1161, wenn mich meine rudimentären Mathematikkenntnisse nicht trügen.

Aber was nun? Was soll ich jetzt zu einem Album schreiben, zu dem schon alles gesagt wurde? Es gibt ganze Bücher über dieses Album. Verwirrenderweise eines namens „The Making of Kind of Blue: Miles Davis and His Masterpiece“, von Eric Nisenson und eines von Ashley Kahn mit dem Titel: „Kind of Blue, the Making of the Miles Davis Masterpiece“. Soll ich hier noch einen Artikel verfassen und ihn „The Masterpiece of Miles Davis, a making of Kind of Blue“ nennen? Mal abgesehen davon, dass ich das natürlich gar nicht könnte. Ich bin ja hier nicht als Musikwissenschaftler, sondern einfach als jemand, der gerne Jazz hört und seine subjektiven Eindrücke schildert. Aber gut, dann machen wir doch genau das. Es geht um die Musik. Und die ist magisch.
Es hat seinen Grund, dass dieses Album so legendär ist. Der mag in seiner Geschichte zum Ausdruck kommen, der mag bewirkt haben, dass Kind of Blue zur Blaupause wurde (no pun intended) für ein ganzes Genre, dass sich Modal Jazz nannte und Modal Jazz wiederum zu einem harmonischen Grundprinzip, das fortan fester Bestandteil der Jazzsprache wurde. Und dies übrigens, obwohl streng genommen nur zwei Stücke auf der Platte „richtiger“ Modal Jazz sind. Aber das gesamte Album klingt wie aus einem Guss, unabhängig von der harmonischen Struktur der Songs. Die modalen Stücke (So What und Flamenco Sketches) waren eigentlich nur Beispiele für einen Weg, um etwas zu erreichen, dass diese großartigen Musiker auch auf anderem Weg erreichen konnten. Denn diese magische Stimmung, diese Einflüsterungen, die fast schon das Gehirn zu hacken scheinen und direkt bestimmte Nervenzellen zu kitzeln scheinen, die für das Kind-of-Blue-Gefühl zuständig sind, diese Einflüsterungen gelingen ihnen eben auch mit klassischen Songstrukturen.
Man stellt es an, einen beliebigen Song, an beliebiger Stelle und sofort ist es da. Wie ein Geruch, der einem schlagartig Erinnerungen wach ruft. Fast könnte man sagen, die Kind of Blue riecht. Gut natürlich, nach Kuchen aus der Kindheit oder der Bettwäsche der Geliebten oder Opium. Jedenfalls einlullend, friedlich, zugleich erfrischend. Was für eine Mischung aus Beruhigung und tänzelnder Freude. So fühlen sich wahrscheinlich Leute, die in irgendwelchen Märchen einen heilenden Nektar bekommen, etwas, das gleichzeitig die Seele befriedet und das Herz erfrischt. Ich habe das schon so oft gehört, einmal im Flugzeug zum Schlafen, über Stunden in Dauerschleife, in diesem seltsamen Zustand, bei dem man zwischen Schlaf und Tagtraum hin und her gleitet, in einer zeitlosen Schleife, ohne Bodenkontakt, in einem brummenden Kokon. Wann immer mein Geist aus dem Schlaf in den Halbschlaf auftauchte, lief dieser Nektar, und ich versank wieder. Es hätte kein passenderes Album dafür geben können.
Ich glaube nicht, dass der Startschuss für Modal Jazz in dieser Wucht durch ein Album hätte erfolgen können, dass vielleicht konsequenter diese Spielweise demonstriert hätte, aber dafür nicht magisch gewesen wäre. Die Stellung dieses Meilensteins in der Musikgeschichte ist ein bisschen zufällig und egal. Aber dass dieser Truppe aus einigen der besten Musiker aller Zeiten gelungen ist, einen magischen Nektar zu brauen, das ist nicht egal.


