Meinung,  Wissen

So vermüllt ist der Rhein

Wenn von Müllinseln im Wasser die Rede ist, denken viele an den Pazifik, an riesige Plastikstrudel zwischen Kontinenten oder an Flüsse irgendwo in Asien, die tonnenweise Abfälle ins Meer tragen. Europa kommt da selten vor, Deutschland fast nie. Das Problem scheint weit weg. Aber zumindest da kann Deutschland mit Asien mithalten, denn eine neue Messung der Universität Bonn zeigt nun jedoch: Diese Vorstellung ist falsch. Der Rhein ist vermüllt – und zwar in einem Ausmaß, das bislang deutlich unterschätzt wurde.

Über einen Zeitraum von 16 Monaten haben Forscher der Universitäten Bonn und Tübingen gemeinsam mit der Bundesanstalt für Gewässerkunde und dem Verein K.R.A.K.E. e. V. den Rhein bei Köln untersucht. Zum Einsatz kam eine schwimmende Müllfalle, die sogenannte „RheinKrake“, mit der rund um die Uhr größere Müllteile aus dem Fluss gesammelt wurden. Erfasst wurde sogenannter Makromüll, also Abfälle mit mehr als einem Zentimeter Größe. Anders als bei bloßen Sichtzählungen wurde der Müll tatsächlich eingesammelt, gezählt und nach internationalen Standards sortiert.

Das Ergebnis ist eindeutig ernüchternd. Hochgerechnet treiben täglich rund 53.000 einzelne Müllteile an Köln vorbei. Auf ein Jahr gerechnet entspricht das mehreren tausend Tonnen Abfall, die der Rhein Richtung Nordsee transportiert. Die gemessenen Mengen liegen damit um ein Vielfaches höher als frühere Schätzungen. Und das sind nur die Teile mit einer Größe über einem Zentimeter.

Rund 70 Prozent der gefundenen Teile bestehen aus Kunststoff, vor allem Einwegprodukte: Flaschendeckel, Verpackungsreste, Plastikfragmente, Holzstäbe von Feuerwerkskörpern. Der größte Teil dieses Mülls stammt nicht aus Industrie oder Schifffahrt, sondern aus dem ganz normalen Alltag privater Haushalte. Besonders nach Silvester oder bei steigendem Wasserstand nimmt die Müllmenge stark zu, weil liegen gelassener Abfall vom Ufer in den Fluss gespült wird.

Aus den Daten lässt sich klar schlussfolgen, was man tun könnte: Pfandsysteme verbessern und vereinfachen, weniger Einwegprodukte kaufen und wenn man sie kauft, sich dazu ermächtigen, Müllbehälter zu nutzen, regelmäßige Uferreinigungen und Vorsorge vor Hochwassern. Wissenschaftlich begründete Zweifel daran gibt es nach dieser Studie kaum. Wenn Zweifel bleiben, dann sind sie nicht empirisch – sondern ideologisch.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Consent Management Platform von Real Cookie Banner