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Random Jazz 9 – Eddie Daniels/HR Big Band

In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.

Ich musste das erst lernen, dass die HR-Big Band oder auch die WDR-Big Band nicht einfach aus der Vergangenheit gefallene Rundfunkorchester sind, die für irgendwelche Schlagershows die Hintergrundmusik der Tanzeinlage spielen, sondern dass es sich um wirklich wichtige, hochkarätig besetzte „Klangkörper“ handelt (Anführungszeichen, weil das Wort so doof klingt). Diese Big Bands sind Institutionen, die der freie Musikmarkt kaum vorhalten könnte, genau wie die Symphonieorchester an Staatstheatern. So viele gut ausgebildete Mitarbeiter, ausgestattet mit Arbeitszeit zum Üben von Arrangements, nur damit sie als Produkt „Musik“ herstellen, kann man heutzutage kaum finanzieren, wenn der Erlös aus Plattenverkäufen und Auftritten stammen muss. Zur Hochzeit der Swing-Ära war das natürlich mal anders. Kulturprodukte sind genau wie die Gesundheit: Eine gesellschaftliche Errungenschaft, die nur bedingt durch die kapitalistische Verwertungsmaschinerie garantiert werden kann.

Die HR-Big Band spielt nicht nur Tanzmusik. Sie arbeitet regelmäßig mit allen möglichen Größen des Jazz zusammen, bietet Musikern die Möglichkeit, Projekte zu verwirklichen, die sie auf eigene Kosten oder mit dem Wohlwollen einer Plattenfirma kaum auf die Beine stellen könnten. Das kann, wie hier, konventioneller Big-Band-Swing sein, das kann aber auch Fusion, Freejazz, Avantgarde jeglicher Art sein. Ich habe mal Archie Shepp mit der HR-Big Band live gesehen. Der hat allerdings damals einfach nur von Anfang bis Ende über alle Songs hinweg improvisiert, was man schon daran gemerkt hat, dass er immer noch einen Takt länger gespielt hat als die Band. Versteht mich nicht falsch: Es war toll, diesen Meister mal live zu sehen, aber es war auch etwas enttäuschend, dass er sich offenbar nur wenig vorbereitet und mit den Arrangements auseinandergesetzt hat.

Heute präsentiert mir mein Zufalls-Algorithmus also ebendiese HR-Big Band mit dem Klarinettisten Eddie Daniels. Der sagte mir nichts, ist aber in seinem Fach eine Koryphäe, wie ich lese. Mit Swing kenne ich mich nicht so aus. Aber dass dieser Mann die Klarinette beherrscht, ist offensichtlich. Er spielt virtuos, mit einer perlenden Leichtigkeit, zugleich aber auch einer gewissen Schärfe im Ton, die ihn manchmal wie ein Altsaxofon klingen lässt. Bei aller technischen Virtuosität merkt man beim mehrmaligen Hören aber auch, wie gut der Mann darin ist, den Songs Dynamik zu verleihen, die Arrangements durch seine Akzente noch in ihrer Wirkung zu steigern. Als jemand, der nicht so oft Big Band Jazz hört, ist das eine faszinierende Erkenntnis für mich: Die Songs sind, logischerweise, arrangiert und bieten weniger Platz für Improvisation und individuelle Akzente als herkömmlicher Combo-Jazz (von den Soli natürlich abgesehen). Aber hier erkenne ich, wo und wie der Individualist im Vordergrund die Struktur der Hintergrundmusiker noch weiter formt und ihnen noch mehr Wucht verleiht.

Besonders gilt das beim letzten Song und Höhepunkt der Platte, einer Live-Version des (eigentlich doch schon abgenudelten?) Goodman-Klassikers „Sing, Sing, Sing“. Wer jetzt aufstöhnt und das für einfallslos hält, gerade diesen Song zu spielen, höre sich bitte diese Version an. Nicht, dass sie etwas völlig neues draus macht. Das alles hier ist tatsächlich einfach Swingmusik. Aber die Energie, der Ideenreichtung, mit der Eddie Daniels und die Big Band hier jonglieren, sind wirklich großartig. Es wird einem wirklich schwindelig. „Achterbahn“ ist so ein Journalistensprech, abgenudelter als „Sing, Sing, Sing“, aber hier passt es wirklich. Es kribbelt im Bauch und zieht einem die Wangen zu einem G-Shock-Gesicht, wenn man gründlich zuhört.

Mir macht diese ganze Platte so richtig Lust auf „Big Band Musik“. Ja, mich erinnert das teilweise an Heinz-Erhardt-Filme – die Musikrichtung ist das, was in den 30er bis 50er Jahren populär war. Früher hätte ich sowas deswegen aus Prinzip nicht gehört. Aber das ist albern. Gute Musik ist gute Musik. Und ich lerne immer mehr, das Prinzip Big Band zu schätzen. Zum Beispiel die Kenny Clarke/Francy Boland Big Band mag ich auch schon länger sehr gern. Wer die vorangegangenen Folgen gelesen hat, weiß ja, dass ich mehrdimensionale Klänge einfach von vorne herein mehr schätze als karge Melodien. In meinem Kopf heißt das: lieber bunte Musik als schwarzweiße. Ich weiß, dass auch Arrangeure gerne von „Klangfarben“ sprechen, die die Kombination verschiedener Instrumente ergibt. Ich bin also nicht der einzige, der Musik optisch wahrnimmt.

Big Bands können bunte Klangteppiche erzeugen, wie sie nirgends sonst auf der Welt geknüpft werden. Das ist, unabhängig vom konkreten Genre, etwas Gutes. Und zum Glück gibt es – noch – die Bands an den Hörfunkhäusern, die es möglich machen, jenseits von Glenn-Miller-Gedächtnistourneen so etwas Gutes zu erschaffen.

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