diesdas

Kimmich und die Frage nach der richtigen Position

In Teil 3 des WM-Kaderchecks von Wahnsinnwissen sollen gleich zwei Fragen beantwortet werden, die miteinander in Zusammenhang stehen: Welche beiden Spieler bilden die beste Doppelsechs und auf welcher Position soll Joshua Kimmich spielen? Einer der Kandidaten im Mittelfeldzentrum wirft jedoch auch gesellschaftspolitische Fragen auf, zu denen der DFB seit der letzten Weltmeisterschaft in Katar lieber schweigt.

Hier könnt ihr Teil 1 nachlesen, in dem es um die Rückkehr von Manuel Neuer und die anderen deutschen Torhüter ging. Im zweiten Teil wurde die deutsche Abwehr in den Fokus gerückt, nun folgen die Außenverteidiger und das Mittelfeldzentrum.

Der Spieler, der in diesem Artikel besonders in den Vordergrund gerückt werden soll, ist einer der dienstältesten Nationalspieler: Joshua Kimmich ist bereits seit der EM 2016 fester Bestandteil der DFB-Elf. Zwar hat die Mannschaft in dieser Zeit keine großen Erfolge vorzuweisen, doch das liegt sicher nicht an Kimmich. Er gilt als absoluter Mentalitätsspieler, der wie kaum ein Anderer den Siegeswillen des FC Bayern verkörpert. Das ist natürlich eine Eigenschaft, die sich nicht in Statistiken messen lässt.

Im Verein spielt Kimmich auf der Sechs und hat dort schon oft in einer Doppelsechs mit Leon Goretzka oder Aleksandar Pavlovic gespielt. In der Nationalelf läuft er jedoch meist als rechter Verteidiger auf und soll diese Rolle auch bei der WM in Nordamerika einnehmen. Interessant ist, dass der FC Bayern mit Tom Bischof einen weiteren deutschen Spieler im Kader hat, der sowohl als Sechser als auch als Außenverteidiger spielen kann.

Bei einem klassischen Sechser ist, ähnlich wie in der Innenverteidigung, Zweikampfstärke eins der wichtigsten Attribute. Im modernen Fußball gibt es jedoch auch tiefstehende Spielmacher und Box-to-Box-Spieler, die zwischen dem eigenen und dem gegnerischen Strafraum pendeln. Je nach Spielerrolle sind im Mittelfeldzentrum unterschiedliche Eigenschaften entscheidend.

Gewonnene Zweikämpfe:

  • Robert Andrich (60 %)
  • Angelo Stiller (58 %)
  • Felix Nmecha (55 %)
  • Tom Bischof (54 %)
  • Anton Stach (53 %)
  • Joshua Kimmich (53 %)
  • Nadiem Amiri (50 %)
  • Leon Goretzka (49 %)
  • Pascal Groß (48 %)
  • Aleksandar Pavlovic (48 %)

Gewonnene Kopfballduelle:

  • Tom Bischof (73 %)
  • Robert Andrich (66 %)
  • Felix Nmecha (63 %)
  • Anton Stach (62 %)
  • Nadiem Amiri (52 %)
  • Angelo Stiller (46 %)
  • Pascal Groß (45 %)
  • Leon Goretzka (37 %)
  • Aleksandar Pavlovic (37 %)
  • Joshua Kimmich (37 %)

Tom Bischof und Robert Andrich sind die zweikampfstärksten Sechser, sowohl in der Luft als auch am Boden. Zudem sind beide Spieler flexibel, Andrich kann auch als Innenverteidiger und Bischof als linker Verteidiger eingesetzt werden.

Assan Ouédraogo ist eines der vielversprechendsten deutschen Talente im Mittelfeldzentrum, wurde jedoch hier nicht aufgeführt, da er als offensiverer Spielertyp nur bedingt mit den hier genannten Spielern vergleichbar ist.

Nadiem Amiri ist ebenfalls ein sehr offensivstarker Achter, jedoch können sich auch seine Zweikampfwerte sehen lassen. Seine größte Stärke ist seine Torgefährlichkeit: Wettbewerbsübergreifend erzielte er in der vergangenen Saison 17 Saisontore. Er hatte großen Anteil daran, dass Mainz 05 sich für die Conference League qualifizierte und dort erstmals in der Vereinsgeschichte ein Europapokal-Viertelfinale erreichte.

Auch Pascal Groß, Leon Goretzka oder Felix Nmecha sind streng genommen keine Sechser, sondern Achter, wurden hier aber dennoch mit einbezogen, da sie aussichtsreiche Kandidaten für die Doppelsechs der Nagelsmann-Elf sind. Goretzka, der ähnlich lange dabei ist wie Kimmich, konnte sich nach seiner zwischenzeitlichen Ausbootung bei der EM 2024 seinen Platz im Kader zurückerkämpfen. Beim FC Bayern hat er jedoch keine Zukunft mehr. Goretzka muss sich nach 311 Pflichtspielen für den FCB einen neuen Verein suchen und wird mit einem Wechsel zum AC Mailand in Verbindung gebracht. Unter Fans ist auch seine Stellung im Nationalteam umstritten, doch Nagelsmann schätzt ihn als zweikampf- und kopfballstarken Spieler. Wie eben gezeigt wurde, lässt sich dies jedoch nicht durch aktuelle Zahlen belegen. Goretzka gewann nur 49 Prozent seiner Zweikämpfe, war bei den Bayern auch kein unumstrittener Stammspieler.

Ähnlich erging es Pascal Groß beim BVB. Dort gewann er in der Hinrunde nur 42 Prozent seiner Zweikämpfe und kam auch nur in 47 Prozent der Spiele zum Einsatz. Im Winter kehrte er zu Brighton & Hove Albion zurück. Unter dem deutschen Trainer Fabian Hürzeler hatte er seinen Stammplatz sicher (Startelf-Quote: 94 %), auch seine Zweikampfquote konnte er dort leicht steigern.

In Nagelsmanns System rückt der offensivere Part der Doppelsechs (bei den letzten Länderspielen gegen Ghana und die Schweiz waren dies Pascal Groß und Leon Goretzka) sehr weit nach vorne und agiert teilweise auf Höhe der falschen Neun, um Überzahlsituationen vor dem gegnerischen Tor zu erzeugen, wie Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln kürzlich im Interview mit ZDFheute erklärte. Für diese Spielweise sind laufstarke Spieler besonders wichtig, um die defensive Stabilität aufrechtzuerhalten.

Tatsächlich zählen sowohl Kimmich als auch Pavlovic und Bischof beim FC Bayern zu den laufstärksten Spielern, beim BVB ist Groß mit einer durchschnittlichen Laufdistanz von 12,64 Km pro 90 Minuten in dieser Statistik ganz vorne. Sowohl Goretzka als auch Nmecha schneiden in dieser Statistik gar nicht so gut ab, was aber auch daran liegen kann, dass sie im Verein eine etwas andere Rolle einnehmen.

Durchschnittliche Laufleistung:

  • Aleksandar Pavlovic (13,45 Km/90 Min.)
  • Joshua Kimmich (12,77 Km/90 Min.)
  • Tom Bischof (12,72 Km/90 Min.)
  • Pascal Groß (12,64 Km/90 Min.)
  • Felix Nmecha (11,45 Km/90 Min.)
  • Leon Goretzka (11,23 Km/90 Min.)
  • Nadiem Amiri (11,08 Km/90 Min.)

Angelo Stiller taucht in dieser Aufzählung nicht auf, da er unter Nagelsmann, wenn er überhaupt zum Einsatz kam, eher die Rolle des absichernden Sechsers eingenommen hat. Ein klassischer Achter ist dagegen Dortmunds Felix Nmecha, der sowohl offensiv als auch defensiv seine Stärken beim BVB einbringt und aus sportlicher Sicht auch eine Nominierung für den WM-Kader verdient hätte.

Bei Nmecha muss jedoch die Frage erlaubt sein, inwiefern auch Themen abseits des Platzes bei der Kaderauswahl eine Rolle spielen sollten. Mehrfach sorgte Nmecha durch das Teilen von Instagram-Posts für Empörung, in denen die LGBT-Bewegung verurteilt und der Tod des rechtspopulistischen Aktivisten Charlie Kirk betrauert wurde. Nmecha begründet seine Haltung mit seinem christlichen Glauben. Genau wie Kirk zählt er zur Evangelikalen-Bewegung. Es gibt im Fußball ein Netzwerk von Evangelikalen, die gezielt versuchen, Mitspieler zu missionieren und oft fundamentalistische Positionen vertreten. Wer sich für das Thema interessiert, sollte sich die Folge des Rasenfunk dazu anhören.

Jedenfalls stehen Nmechas Ansichten im starken Kontrast zur Haltung, die Leon Goretzka sowohl beim EM-Vorrundenspiel gegen Ungarn 2021 als auch ein Jahr später bei der WM in Katar eingenommen hatte. In beiden Fällen gab es öffentliche Debatten darüber, ob Solidaritätsbekundungen mit der LGBT-Bewegung im Rahmen von Fußballspielen stattfinden dürfen. Goretzka formte damals im Spiel gegen Ungarn ein Herz in Richtung der ungarischen Fans beim Torjubel. Diese waren zuvor mit homophoben Gesängen negativ aufgefallen.

Beim DFB hat man sich nach den Debatten um die Regenbogenbinde und dem anschließenden Vorrundenaus in Katar entschieden, einen möglichst großen Bogen um politische Themen zu machen. Inwiefern das sportliche Scheitern der deutschen Mannschaft gegen Japan mit deren Protestaktion vor dem Spiel zusammenhängt, weiß wohl nur Rudi Völler. Insgesamt machte der DFB bei gesellschaftspolitischen Themen in den letzten Jahren meist keine gute Figur. Angesichts der Debatte um Mesut Özil, der sich nach seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft dem türkischen Autokraten Erdogan und den rechtsextremen „Grauen Wölfen“ zugewendet hat, sollte man hinterfragen, ob man einen Spieler mit solch radikalen Ansichten für die Nationalelf nominieren sollte. Beim DFB teilt man diese Bedenken offenkundig nicht und genau deshalb kann diese Analyse, in der es eigentlich um sportliche Themen gehen sollte, nicht ohne diesen thematischen Schwenk auskommen.

Doch zurück zum Sportlichen: Nachdem wir nun die verschiedenen Spieler im Mittelfeldzentrum in den Fokus gerückt haben, die sich Hoffnungen auf eine Nominierung für den WM-Kader machen, müssen wir auch einen Blick auf die Außenverteidiger werfen. Hier ist Schnelligkeit ein wichtiges Attribut. Tom Bischof und Joshua Kimmich werden hier ebenfalls berücksichtigt, da Bischof in der vergangenen Saison meist als linker Verteidiger zum Einsatz kam und Kimmich wie bereits erwähnt in der Liga zwar als Sechser gespielt hat, bei Nagelsmann aber rechts hinten gesetzt ist. Das dürfte auch daran liegen, dass die Konkurrenz hier nicht so stark ist wie im Mittelfeldzentrum.

Top-Speed (Bundesliga):

  • Nathaniel Brown (35,8 Km/h)
  • Josha Vagnoman (35,5 Km/h)
  • Ridle Baku; David Raum (34,6 Km/h)
  • Philipp Treu (34,2 Km/h)
  • Joshua Kimmich (33,1 Km/h)
  • Maximilian Mittelstädt (33,0 Km/h)
  • Benjamin Henrichs (31,1 Km/h)
  • Tom Bischof (30,9 Km/h)

Auffällig ist, dass Bischof deutlich langsamer ist als die anderen Außenverteidiger. Kimmich muss sich zwar hinten einordnen, jedoch ist er nicht deutlich langsamer als seine Konkurrenten und ist einfach vom Gesamtpaket her der beste Spieler, der auf dieser Position spielen kann.

Diejenigen, die Kimmich lieber auf der Sechs sehen würden, argumentieren damit, dass er dort besser eingespielt ist und zudem mehr Einfluss auf das Spielgeschehen hat. Es gibt also durchaus Argumente für beide Positionen, dennoch hat sich Nagelsmann in dieser Frage längst entschieden.

Offen sind lediglich die weiteren Kaderplätze. Gleich drei Spieler von RB Leipzig zählen auf dieser Position zum Dunstkreis der Nationalelf, allerdings hat Benjamin Henrichs verletzungsbedingt in der vergangenen Saison nur wenige Spiele absolviert und hat daher äußerst geringe Chancen, für die WM nominiert zu werden. Anders sieht es bei Ridle Baku und David Raum aus. Beide zählen zu den schnellsten Außenverteidigern der Liga, ebenso wie Josha Vagnoman vom VfB Stuttgart. Kein Verteidiger kam jedoch an das Tempo des jungen Frankfurters Nathaniel Brown heran (35,8 Km/h). Egal, wer am Ende das Rennen macht: Den deutschen Außenverteidigern wird so schnell keiner davonlaufen. Jedoch gibt es auf dieser Position keinen Spieler von Weltklasse-Format. Auch im Mittelfeldzentrum trifft diese Bezeichnung eigentlich nur auf Joshua Kimmich zu. Die beiden Positionen sind jedenfalls nicht das Prunkstück des deutschen Kaders, doch immerhin gibt es hier einige junge Talente wie Tom Bischof und Aleksandar Pavlovic, denen voraussichtlich eine große Zukunft im DFB-Team bevorsteht.

Verwendete Quellen: Kicker, transfermarkt

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Consent Management Platform von Real Cookie Banner