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Neuer-Comeback: Nagelsmanns riskanter Schachzug

In wenigen Tagen wird Bundestrainer Julian Nagelsmann 26 Spieler für die WM 2026 in Nordamerika nominieren. Wir werfen einen Blick auf die aussichtsreichsten Kandidaten für die verschiedenen Mannschaftsteile und analysieren deren Statistiken. Im ersten Teil geht es um die Position, die dieser Tage am meisten diskutiert wird.

Im Tor des DFB-Teams ist durch den Rücktritt von Manuel Neuer und die Verletzung von Marc-André ter Stegen ein Vakuum entstanden. Aktuell gibt es keinen deutschen Torhüter auf Weltklasse-Niveau. Auch Neuer selbst erreicht dieses Niveau nur noch selten, letztmals beim Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals gegen Real Madrid.

Julian Nagelsmann hatte sich schon früh auf den langjährigen Hoffenheimer Keeper Oliver Baumann als Stammtorhüter festgelegt und ihm öffentlich den Rücken gestärkt, als medial über ein mögliches Neuer-Comeback debattiert wurde. Auch Neuer selbst hatte immer wieder betont, dass eine Rückkehr zur Nationalmannschaft für ihn kein Thema sei. Doch kurz vor der WM wurde diese Debatte plötzlich erneut entfacht, denn verschiedene Medien berichteten übereinstimmend, dass Neuer auf der vorläufigen Kaderliste des DFB steht.

Am vergangenen Samstag verkündete Transferjournalist Florian Plettenberg dann die exklusive Meldung, dass Neuer tatsächlich ins deutsche Tor zurückkehren würde. Am selben Abend war Nagelsmann dann im Sportstudio zu Gast und alle erwarteten, dass er nun die Bombe platzen lassen würde. Doch stattdessen sagte der Bundestrainer bloß, dass er noch nicht mit den betroffenen Spielern gesprochen habe und sich daher nicht dazu äußern wolle.

Nur wenige Tage vor der Kadernominierung lässt Nagelsmann Fußballdeutschland also im Unklaren, wer nun bei der WM im Tor stehen soll. So wenig er sich damit in die Karten gucken lassen wollte, so viel sagte er damit aus, schließlich hatte er bis zu diesem Interview immer Baumann als Nr. 1 benannt und wenn die Berichterstattung nicht der Wahrheit entsprechen würde, wäre es sein Job als Bundestrainer, dem Hoffenheimer erneut den Rücken zu stärken und der öffentlichen Debatte so kurz vor dem Turnier einen Riegel vorzuschieben. Man darf also davon ausgehen, dass Neuer in Nordamerika tatsächlich sein Comeback feiern wird.

Das ist natürlich ein sehr gewagter Schritt von Nagelsmann. Schon aus sportlicher Sicht ist es nicht nachvollziehbar, da Neuers Leistungen in der vergangenen Saison nur selten überragend waren. Seine Statistiken sind nicht wesentlich besser als die seiner Konkurrenten, wie ein Blick auf die Paradenquote und das Verhältnis von Gegentoren zu erwarteten Gegentoren (xGoals conceded) zeigen. Beide Statistiken haben natürlich jeweils Schwächen: Die Paradenquote trifft keine Aussage über die Qualität der gegnerischen Torschüsse, da weder Schussdistanz noch Winkel berücksichtigt werden. Bei den erwarteten Gegentoren wird wiederum nicht berücksichtigt, ob die gegnerischen Schüsse aufs Tor kamen oder es verfehlten. Dennoch können beide Statistiken über den Verlauf einer gesamten Saison durchaus einen Eindruck über die Leistung eines Torhüters geben.

Die Paradenquoten deutscher Torhüter im Vergleich:

  • Moritz Nicolas (71,8 %)
  • Alexander Nübel (69,0 %)
  • Jonas Urbig (68,1 %)
  • Oliver Baumann (65,1 %)
  • Mio Backhaus (64,1 %)
  • Noah Atubolu (63,9 %)
  • Finn Dahmen (63,5 %)
  • Manuel Neuer (60,8 %)
  • Marvin Schwäbe (59,9 %)

Gegentore/xGoals conceded:

  • Jonas Urbig (15/18,75 = 0,80)
  • Alexander Nübel (49/51,00 = 0,96)
  • Finn Dahmen (61/63,79 = 0,96)
  • Manuel Neuer (20/19,94 = 1,00)
  • Moritz Nicolas (53/52,59 = 1,01)
  • Oliver Baumann (52/50,83 = 1,02)
  • Mio Backhaus (56/51,71 = 1,08)
  • Marvin Schwäbe (63/55,48 = 1,14)
  • Noah Atubolu (57/48,83 = 1,17)

Auffällig ist, dass Neuer bei beiden Statistiken schlechter abschneidet als Jonas Urbig, Alexander Nübel und Finn Dahmen. Bekanntlich ist im modernen Fußball jedoch nicht nur entscheidend, wie viele Tore ein Keeper verhindert, sondern auch, wie gut er mit dem Ball am Fuß ist.

Seit Jürgen Klinsmann bei der WM 2006 Jens Lehmann statt Oliver Kahn ins Tor stellte, da Lehmann in diesem Bereich die Nase vorn hatte, wurde beim DFB immer auf mitspielende Torhüter wie Manuel Neuer oder Marc-André ter Stegen gesetzt. Vor allem Neuer hat das Torwartspiel revolutioniert wie kein Anderer, oft wurde er auch als “Torwart-Libero” bezeichnet.

Ein guter “Sweeper Keeper”, wie man im englischen Sprachraum sagt, braucht eine hohe Passgenauigkeit, um sich am Spielaufbau beteiligen zu können, ohne die gegnerischen Stürmer zu Chancen einzuladen. Damit die Daten vergleichbar sind, muss man hier zwischen kurzen und langen Pässen unterscheiden. In dieser Statistik wird Neuer lediglich von seinem Stellvertreter und designierten Nachfolger Jonas Urbig übertroffen.

Passquote (gesamt):

  • Jonas Urbig (83 %)
  • Manuel Neuer (81 %)
  • Mio Backhaus (79 %)
  • Oliver Baumann (71 %)
  • Moritz Nicolas (71 %)
  • Alexander Nübel (70 %)
  • Marvin Schwäbe (70 %)
  • Finn Dahmen (69 %)
  • Noah Atubolu (67 %)

Passquote (lange Pässe):

  • Jonas Urbig (52 %)
  • Manuel Neuer (51 %)
  • Mio Backhaus (45 %)
  • Marvin Schwäbe (43 %)
  • Moritz Nicolas (41 %)
  • Noah Atubolu (40 %)
  • Alexander Nübel (40 %)
  • Finn Dahmen (39 %)
  • Oliver Baumann (38 %)

Die Statistiken zeigen: Neuer ist nach wie vor einer der stärksten mitspielenden Torhüter. Jedoch leistete er sich zuletzt auch teilweise Patzer wie beim 0:1 im Rückspiel gegen Real Madrid, wo er einen Pass zum Gegner spielte. Hinzu kommt seine altersbedingte Verletzungsanfälligkeit: In den letzten beiden Jahren verpasste der 40-Jährige 22 Pflichtspiele verletzungsbedingt, auch im letzten Saisonspiel gegen Köln musste er nach 60 Minuten ausgewechselt werden. Laut der „Bild“ handelt es sich um eine Verletzung an der linken Wade, die zunächst nicht schwerwiegend erschien. Jedoch hatte Neuer sich genau dort im Februar bereits einen Muskelfaserriss zugezogen. Wenn er sich vor oder während der WM schwerer verletzen sollte, müsste der degradierte Baumann plötzlich wieder einspringen. Es stellt sich daher die Frage, warum Nagelsmann mit dieser Entscheidung so ein Fass aufmacht.

In kommunikativer Hinsicht ist diese Entscheidung eine Katastrophe. Ohne Not wurde Baumann, der sich selbst nichts zuschulden kommen lassen hatte, kurz vor der WM abgesägt und dann offensichtlich noch nicht mal darüber informiert. Wenn Nagelsmann sagt, dass er mit den betroffenen Spielern noch nicht gesprochen habe, kann er damit nur Baumann meinen. Mit Neuer muss er schon allein aus dem Grund gesprochen haben, dass der bekanntlich nach der EM 2024 seinen Rücktritt aus dem DFB-Team verkündet hatte und erst einmal von einem Comeback überzeugt werden müsste. Baumann dagegen hatte noch am Samstag auf die Frage eines Journalisten geantwortet, dass er davon ausgehe, gesetzt zu sein – und erfährt nun durch die Medien, dass das offenbar nicht mehr der Fall ist. Ob er unter diesen Umständen bereit ist, als Nr. 2 mitzufahren, ist unklar.

Nagelsmann sieht die Verantwortung für dieses kommunikative Desaster jedoch nicht bei sich, sondern bei den Medien, die ihm mit ihrer Berichterstattung zuvorkamen. Dass er sein Vorgehen mit einer Medienschelte rechtfertigen will, passt zum unglücklichen Gesamtbild, das der Bundestrainer abgibt.

Hinzu kommt: Der bisherige Ersatzkeeper Alexander Nübel soll kein gutes Verhältnis zu Neuer haben. Nübel galt beim FC Bayern einst als dessen Nachfolger, ist aber bereits seit drei Jahren vom FC Bayern an den VfB Stuttgart ausgeliehen. Nübels sportliche Zukunft ist unklar, da Bayern mit Neuer verlängert hat und Jonas Urbig Schritt für Schritt zur neuen Nr. 1 aufbauen will, während der talentierte Dennis Seimen nach seiner Leihe zum SC Paderborn nach Stuttgart zurückkehrt und dort wohl ebenfalls zum Stammkeeper aufsteigen wird. Mit U19-Nationaltorhüter Florian Hellstern hat der VfB zudem ein weiteres Eigengewächs mit Talent und Ambitionen im Kader. Wahrscheinlich wird Nübel sich nach der WM einen neuen Verein suchen müssen. Gut möglich, dass nun auch in der Nationalelf kein Platz mehr für ihn ist, da andere Keeper bessere Zukunftsperspektiven haben.

Die aussichtsreichsten Kandidaten, die von einer Ausbootung Nübels profitieren könnten, sind Finn Dahmen vom FC Augsburg, der eben bereits erwähnte Jonas Urbig und Noah Atubolu vom SC Freiburg. Urbig und Atubolu gelten als die größten deutschen Torwart-Talente. Während Urbig Schritt für Schritt zum Neuer-Erben aufgebaut werden soll, könnte Atubolu Gerüchten zufolge den nächsten Schritt bei einem Top-Klub im europäischen Ausland gehen.

Sein Nachfolger in Freiburg könnte Mio Backhaus werden, der aktuell noch bei Werder Bremen unter Vertrag steht und ebenfalls zu den besten deutschen Torwart-Talenten zählt. Backhaus könnte jedoch auch für Japan spielen und hat sich noch nicht für eine Nation entschieden. Auf Vereinsebene buhlt laut Transfer-Journalist Florian Plettenberg auch Newcastle United um den 22-Jährigen, für den die vergangene Saison die erste als Stammtorwart in der Bundesliga war.

Marvin Schwäbe vom 1. FC Köln und Moritz Nicolas von Borussia Mönchengladbach haben ihren Klubs im Abstiegskampf den Rücken freigehalten und können sich, wie die Statistiken zeigen, durchaus mit den aktuellen DFB-Torhütern messen.

Für die “Legionäre”, also Keeper, die in einer ausländischen Liga spielen, lief die vergangene Saison nicht so gut: Marc-André ter Stegen ging verletzt in die Saison und verlor in Barcelona seinen Stammplatz. Im Winter ließ er sich nach Girona ausleihen, um die nötige Spielpraxis zu sammeln, die er gebraucht hätte, um bei der WM im Tor zu stehen. Dann zog er sich jedoch erneut eine Verletzung zu, weshalb er für das Turnier in Nordamerika keine Option mehr darstellt. Auch Stefan Ortega wechselte im Winter, nachdem er bei Manchester City nicht mehr die nötige Spielzeit erhalten hatte. Bei seinem neuen Klub Nottingham Forest spielte er jedoch fast ausschließlich in der Europa League – zu wenig für die Nationalmannschaft. Bernd Leno ist in Fulham zwar unumstrittener Stammtorwart, jedoch dürfte er schon aus dem Grund keine Option für Nagelsmann sein, dass er vor zwei Jahren eine Reise zur Nationalmannschaft abgesagt hatte, da Nagelsmann ihm keine Einsatzgarantie geben wollte. Der Bundestrainer hatte immer wieder betont, wie viel Wert er darauf legt, dass Spieler die ihnen zugewiesene Rolle auch annehmen.

Abzuwarten bleibt, wie sich die vielen jungen Torwart-Talente entwickeln. In der 2. Liga gibt es mit Tjark Ernst (Hertha BSC), Nahuel Noll (Hannover 96) und Jan Reichert (1. FC Nürnberg) gleich mehrere junge Keeper, die in ihren Vereinen bereits gesetzt sind. Eins ist also schon jetzt klar: Die Torhüter-Position wird wohl auch in den kommenden Jahren keine Problemzone im DFB-Team sein. Die Frage ist nur, welches der vielen Talente in der Lage sein wird, in die großen Fußstapfen von Manuel Neuer zu treten, wenn er irgendwann endgültig zurücktritt.

Verwendete Quellen: Kicker

 

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