
Menopause: Jahre des Umbruchs
Wahnsinnwissen-Redakteur Sebastian Bartoschek sprach mit Dr. Stephanie Dreyfürst über die Wechseljahr. Dreyfürst ist Germanistin, leitet eine Bildungseinrichtung in Wiesbaden und hat sich – wie sie sagt: „zwangsläufig“ – in das Thema Wechseljahre eingelesen, weil sie selbst mitten in der Perimenopause steckt.
Zu Beginn räumt Dreyfürst mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Menopause ist streng genommen kein langer Abschnitt, sondern ein Zeitpunkt, der erst rückwirkend feststeht – nämlich dann, wenn zwölf Monate lang keine Blutung mehr aufgetreten ist. Das, was viele meinen, wenn sie „Menopause“ sagen, ist meistens die Perimenopause: die lange Übergangszeit vor der letzten Blutung. Diese Phase könne Jahre dauern, und bei manchen beginne der hormonelle Wandel lange vor dem „eigentlichen“ Ende der Monatsblutung.
Warum wissen so viele Betroffene trotzdem so wenig darüber?
Dreyfürst beschreibt das als Mischung aus Tabu, fehlender Routine und einem strukturellen Forschungsproblem. Sie verweist auf Zahlen, nach denen Frauengesundheit in der Forschung deutlich unterfinanziert ist. Eine Nature-Analyse nennt für 2020 nur 5 Prozent der globalen F&E-Mittel für Frauengesundheitsforschung – und davon fließt der Großteil in Krebserkrankungen. Das passe zu ihrer Alltagserfahrung: Selbst bei Ärzten treffe man häufig auf wenig Orientierung, sobald das Thema nicht mehr „Gebären“ betreffe, sondern die Zeit danach.
Ein Punkt, der im Gespräch immer wieder auftaucht: Wechseljahre werden gesellschaftlich oft auf Hitzewallungen reduziert. Dreyfürst hält das für irreführend, weil viele der belastenden Symptome ganz anders aussehen können – und dann schnell „in falsche Schubladen“ rutschen. Sie nennt Beispiele, die Betroffene verunsichern können, weil sie wie eigenständige Erkrankungen wirken: Schlafstörungen, starke Erschöpfung, Stimmungseinbrüche und Angstzustände, Gelenk- und Sehnenschmerzen, Reizdarm- oder Reizblasenbeschwerden sowie Veränderungen im Intimbereich (sie betont: eher Gewebeabbau als „ein bisschen Trockenheit“). Weil sich das Bild so breit ausfächert, werde nicht selten zunächst psychisch diagnostiziert – etwa Depression – und entsprechend behandelt, obwohl der Auslöser hormonell sein könne.
Besonders anschaulich wird das bei ihrem Beispiel „Frozen Shoulder“: Sie berichtet von einer Schulter-OP und der Bemerkung, das sei „typisch“ bei Frauen ab 40. Erst im Nachhinein habe sie gelernt, dass genau solche Beschwerden in manchen Fällen mit dem Östrogenabfall zusammenhängen können. Für sie ist das kein Randdetail, sondern ein Kernproblem: Wenn ein Symptom „typisch“ ist, müsste eigentlich die naheliegende Frage folgen, warum es typisch ist – und was das über Ursachen und bessere Behandlung verrät.
Was hilft?
Im Gespräch geht es schnell in die Praxis. Dreyfürst schildert, dass Bluttests zwar gemacht werden, aber bei stark schwankenden Hormonspiegeln nicht immer eindeutige Antworten liefern. Entscheidend sei deshalb oft nicht ein einzelner Laborwert, sondern ob sich die Lebensqualität spürbar verändert und ob eine Therapie in der Praxis wirkt.
Sie berichtet sehr konkret von ihren eigenen Erfahrungen mit einer Hormonersatztherapie (HRT): Bei ihr seien starke Symptome innerhalb weniger Tage deutlich zurückgegangen. Sie beschreibt auch die typische Debatte um HRT: Viele hätten wegen älterer Studien Angst vor Risiken, vor allem Brustkrebs. Heute ist die Forschungslage differenzierter, und große Programme wie die Women’s Health Initiative werden seit Jahren weiter ausgewertet; die Effekte hängen unter anderem davon ab, welche Präparate kombiniert werden und in welcher Lebensphase begonnen wird.
Dreyfürst setzt zusätzlich einen Schwerpunkt auf Krafttraining. Nicht als Lifestyle-Tipp, sondern als Gegenstrategie gegen Muskelabbau und als Schutzfaktor für Stabilität und Knochen im Alter. Im Gespräch fällt dazu ein Satz, der hängen bleibt: Es gehe nicht darum, „nur Cardio“ zu machen, sondern dem Körper tatsächlich einen Reiz zu geben, der Muskel- und Knochensubstanz erhält.
Und dann ist da noch die unbequeme Seite: Aufwand und Geld. Dreyfürst schildert, dass sie für bestimmte Präparate und Nahrungsergänzungen teils selbst zahlt. Das führe direkt zur nächsten Schieflage: Wer sich die Versorgung leisten kann und wer nicht.
Am Ende läuft das Gespräch auf einen einfachen, ruhigen Befund hinaus: Es ist für viele Betroffene unnötig schwer, kompetente Beratung zu finden – obwohl sehr viele Menschen betroffen sind.
Das Gespräch in voller Länge ist im Podcast (Bartocast) und auf dem YouTube-Kanal von Sebastian Bartoschek zu finden.


