
Doomscrolling: wenn schlechte Nachrichten uns nicht loslassen
Nur kurz aufs Handy schauen. Nachts. Im Bett. Um 1 Uhr. Und dann ist plötzlich 4 Uhr. Krieg, Krise, Gewalt, politische Eskalation, Katastrophen, Warnungen. Man wischt weiter auf dem Handy, obwohl man längst merkt, dass es nicht guttut, keinen Spaß macht. Aber noch kurz weiter schauen. Das ist Doomscrolling. Harvard Health beschreibt damit das ständige Konsumieren belastender Nachrichten, das Stress, Schlafprobleme und körperliche Anspannung verstärken kann.
Das Wort setzt sich aus dem englischen doom, Unheil, und scrolling, dem endlosen Weiterwischen, zusammen. Gemeint ist nicht einfach, dass man Nachrichten liest.
Doomscrolling beschreibt ein Verhalten, bei dem Menschen immer weiter negative Informationen konsumieren, obwohl sie dadurch nicht klarer, sondern unruhiger werden. Laut Harvard verknüpfen Fachleute das mit unserem Alarmsystem: Das Gehirn scannt unter Stress besonders stark nach Gefahren, und genau daran knüpfen digitale Nachrichtenströme an.
Das Problem ist nicht nur psychologisch, sondern auch technisch. Früher gab es Zeitung, Radio oder die Nachrichtensendung am Abend. Irgendwann war Schluss. Heute haben Plattformen und Newsfeeds oft kein Ende mehr. Sie sind im wahrsten Wortsinn endlos. Nach jedem Artikel kommt der nächste, nach jedem Video ein weiteres Update. Das verstärkt das Gefühl, man dürfe gar nicht aufhören, weil in der nächsten Meldung vielleicht endlich die eine Einordnung steckt, die alles verständlich macht, der erlösende Lacher im nächsten Video entsteht.
Wie groß dieses Problem geworden ist, zeigen aktuelle Medienzahlen. Der Digital News Report 2024 für Deutschland hält fest, dass sich 41 Prozent der erwachsenen Internetnutzer von der Menge der verfügbaren Nachrichten erschöpft fühlen. 2019 lag dieser Wert noch bei 26 Prozent. Gleichzeitig sagen 14 Prozent, dass sie Nachrichten oft aktiv vermeiden, und 69 Prozent tun das zumindest gelegentlich. Insgesamt lesen, hören oder sehen zwar weiterhin 89 Prozent der erwachsenen Internetnutzer in Deutschland mehr als einmal pro Woche Nachrichten.
International ist das Bild ähnlich. Der Reuters Institute Digital News Report 2024 berichtet, dass inzwischen bis zu 39 Prozent der Menschen in den untersuchten Märkten Nachrichten manchmal oder oft aktiv vermeiden. Dahinter steckt nicht nur Politikverdrossenheit, sondern häufig ein Gefühl von Überforderung: zu viel Negativität, zu viel Dauerkrise, zu viel Lärm.
Auch die Forschung wird deutlicher. Eine 2024 veröffentlichte Studie mit 800 Erwachsenen aus den USA und dem Iran – welch eine Stichprobe – fand einen Zusammenhang zwischen Doomscrolling und existenzieller Angst. Das heißt nicht, dass schlechte Nachrichten krank machen. Aber es heißt: Wer sich immer wieder in diesen Strom aus Bedrohung und Alarm zieht, kann dadurch tiefere Unsicherheitsgefühle verstärken. Die Autoren beschreiben Doomscrolling deshalb nicht nur als Medienverhalten, sondern als Muster, das mit Grundfragen von Sicherheit, Vertrauen und Zukunft verknüpft sein kann.
Hinzu kommt die Forschung zu problematischem Nachrichtenkonsum. Eine Replikationsstudie aus dem Fachjournal Health Communication bestätigte 2024, dass es eine Gruppe von Nutzern gibt, bei denen Nachrichtenkonsum deutlich mit psychischem Belastungserleben zusammenhängt. In der ursprünglichen Untersuchung entfielen 16,5 Prozent der Stichprobe auf ein Profil mit stark problematischem Nachrichtenkonsum; in der späteren Replikation waren es 7,5 Prozent. Die genaue Größe schwankt also je nach Studie, aber der Befund bleibt: Für einen Teil der Menschen kippt Nachrichtenkonsum von Orientierung in Belastung.
Gerade deshalb fühlt sich Doomscrolling oft vernünftig an. Viele sagen sich: Ich will doch nur informiert sein. Problematisch wird es daber ort, wo Information in Daueranspannung kippt. Wer nach zwanzig Minuten Nachrichten nicht besser orientiert, sondern nervöser, gereizter oder hilfloser ist, hat wahrscheinlich nicht mehr einfach Informationen gesammelt, sondern sich in eine Stressspirale hineinziehen lassen. Harvard nennt als mögliche Folgen unter anderem Kopfschmerzen, Muskelanspannung, Nacken- und Schulterschmerzen, Appetitverlust, Schlafprobleme und sogar erhöhten Blutdruck.
Doomscrolling ist deshalb kein random Netzbegriff. Viele Menschen erleben heute, dass sie sich gleichzeitig informiert und überfordert fühlen. Das Internet macht Krisen jederzeit sichtbar: im Bett, am Küchentisch, in der Bahn, in der Mittagspause. Man ist nicht mehr nur Zeuge von Nachrichten. Man lebt in einem dauernden Alarmraum. Genau das macht den Begriff so hilfreich: Er benennt den Moment, in dem der Wunsch nach Orientierung in Erschöpfung umschlägt.
Ganz vermeiden lässt sich das nicht. Aber Grenzen helfen: feste Zeiten für Nachrichten, weniger Pushmeldungen, bewusst ausgewählte Quellen und Pausen.
Harvard empfiehlt außerdem, das Handy nicht direkt am Bett zu haben, Benachrichtigungen abzuschalten und Räume zu schaffen, in denen Nachrichten nicht permanent präsent sind. Nicht jede neue Schlagzeile macht klüger.


