
Random Jazz 3 – Dennis Charles Triangle
In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.
Heute präsentiert mir mein Zufallsalgorithmus: Dennis Charles Triangle – Queen Mary. Diesmal habe ich konsequent erst die Musik gehört, bevor ich irgendwelche Recherchen angestellt habe. Was ich von der Discogs-Seite auf den ersten Blick mitnahm: Erschienen in Schweden. Laut Spotify aus dem Jahr 2018 (diese Jahreszahlen sind aber oft falsch). Ich vermutete daher erstmal zeitgenössische Skandinavier als Urheber, wobei das Bild mit vier schwarzen Männern auf einer typischen New-Yorker-Haustreppe mich schon misstrauisch stimmte, das sah eher nach 70er Jahre USA aus (Spoiler: beides falsch, in Wirklichkeit ist es von 1989). Komisch fand ich auch, dass es „Triangle“ heißt, obwohl da vier Personen zu sehen sind.

Beim Anhören stellte ich fest, dass es sich wohl wirklich um ein Trio handelt, ergänzt um Percussions (eine Parallele zur ersten Folge dieser Reihe, nach der der Percussionist irgendwie nicht für die Anzahl der Musiker zählt, wie beim Ray Appleton Sextet – es folgen noch weitere Parallelen). Bass, „Schlagwerk“ ( = Drums und Percussions) und Saxofon. Also genau wie das Akira Sakata Trio von der letzten Folge. Parallele. Und genau wie da fällt mir der Bassist besonders ins Auge, äh, ins Ohr. Er spielt so innovativ, grenzenlos, gestaltet die Musik so dominant, dass ich vermute, er wäre dieser Dennis Charles, der dem Dreieck den Namen gibt. Nach dem kurzen Intro kommt ein atmosphärisches, flächiges, schwer greifbares Stück, das modern genug klingt, um mich immer noch in 2018 zu wähnen. Es ergänzt sich mit dem letzten Song, der ähnlich ruhig, meditativ und ausufernd ist (beide sind auch sehr lang). Und beide, Parallele!, lassen ganz vergessen, dass hier eigentlich das Piano oder irgendein „flächiges“ Instrument fehlt. Wie es den drei bis vier Personen hier gelingt, die Trommeln und den Bass zu einer Landschaft zu verschmelzen, auf der das Saxofon nur noch die Lichttupfer setzen muss, gefällt mir wirklich gut.
Nur leider, leider, gefällt mir der Rest nicht besonders. Das liegt an mir, nicht an Dennis Charles. Der Rest der Platte folgt einer Richtung, die ich aufgrund rein subjektiver Geschmacksfragen leider nicht wertschätzen kann. Ich habe ja behauptet, dass ich nichts mehr liebe, als wenn groovende Tradition mit Grenzenlosigkeit vereint wird. Aber ich bin da sehr streng, welche Tradition da vermengt werden darf. Bei Albert Ayler, von dem es fraglos großartige Musik gibt, stößt man auf diese Stücke, die für mich klingen als würde eine sehr stark alkoholisierte Blaskapelle um 5:00 in der Früh immer noch auf ihren Instrumenten herumtröten. Folkloristische, lustige, bekloppte Musik. In meinen Ohren! Mir ist klar, dass da sicherlich auch auf musikalische Traditionen zurückgegriffen und zwanglos mit diesen herumgespielt wird, die zu nutzen diese Leute jedes Recht haben. Aber ich kann das nicht ertragen.
Und so gibt es auch hier haufenweise Stücke, die marschartig, festkapellenhaft, bierzeltig eine Tradition beschwören, die mich nicht interessiert. Bitte nicht falsch verstehen, das ist letztlich Free Jazz, keine Bierzeltmusik. Bloß eine Sorte, die mich persönlich nicht anspricht. Und wo mir dann wirklich die Hutschnur platzt, ist, wenn der Saxofonist gleich an mehreren Stellen Weihnachtslieder in seine Soli einflicht. Und zwar nicht nur aus Spaß mal drei Töne, die sich zufällig als Zitat gerade eignen, sondern gleich mehrere Takte lang. Was soll das?
Also, ich halte die 3,5 Leute für tolle Musiker und ich bin sicher, in anderen Zusammenhängen machen die auch Musik, die ich mögen würde, aber das hier ist nichts für mich. Im Übrigen denke ich, angesichts des Fotos, dass das einfach keine Schweden sind, sondern wir hier eher in diese New York Loftszene bzw. in die Ecke Art Ensemble of Chicago/AACM gehören.
So viel nur für mein Ego, denn damit hatte ich – kommen wir zur Recherche – einigermaßen recht.
Dennis Charles ist nicht der Bassist, sondern der Drummer. Er lebte von 1933 bis 1998. Er war unter anderem einer der ersten Schlagzeuger von Cecily Taylor – hätte ich also kennen können, ich liebe Cecil Taylor. Andere Referenzen: Gil Evans, Steve Lacey und viele mir unbekannte Namen. Er war längere Zeit in der Versenkung verschwunden, Schuld war das scheiß Heroin. Auf Anhieb findet man von ihm nur dieses Album „Queen Mary“, aber nähere Recherche ergibt dann doch noch ein paar weitere Aufnahmen unter seinem Namen. Bald danach starb er aber. Und das wiederum erinnert mich sehr an den anderen Drummer, der erst spät sein Debut aufnahm, nach längerer Krankheit, und dann bald starb: Ray Appleton aus Folge 1.
Der Bassist, den ich so toll finde, heißt Wilber Morris. Er spielte auch mit David Murray (ich liebe übrigens auch David Murray) und anderen dieser New Yorker Loftszene. Punkte für mich. Und auch Saxofonist Booker T. Williams gehört wohl in diese Ecke, auch wenn ich zu ihm wirklich nur wenige Informationen finde. Vielleicht hat seine Leidenschaft, Weihnachtslieder zu spielen, seine Karriere etwas gebremst.
Dennis Charles übrigens spielte als Kind und Jugendlicher in Calypsokapellen. Und da kommt das wohl her, mit dieser für mich schwer zugänglichen folkloristischen Musik. Wobei es von besagtem David Murray auch ein Calypso-Album gibt, das ich großartig finde, man kann das also auch anders machen. Noch mal: Ich maße mir nicht an, diese Musik als schlecht zu verurteilen. Ich will sie bloß nicht hören. Deswegen geht es alsbald weiter mit der nächsten Folge Random Jazz.


