
Random Jazz 11 – Max Roach/Clifford Brown
In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.
Wahrscheinlich ist das Experiment immer noch statistisch insignifikant, aber es scheint sich doch zu bestätigen, dass, wie erhofft, nicht ausschließlich die abwegigsten Nischenprodukte zutage gefördert werden. Das hier hat vielleicht nicht die überragende Bedeutung eines Kind of Blue, aber auch das ist ein gehöriger Klassiker, der sicherlich in etlichen Bestenlisten auftaucht. Ich kann sogar ohne zu googlen eine Trivia dazu zum Besten geben: Der Eröffnungstrack Cherokee hat stattliche 250 BPM und ist damit so schnell wie einige der hurtigsten Technical Death Metal Rekordhalter. Klingt trotzdem anders. Max Roach spielt keine durchgehenden Sechszehntel auf der Bassdrum, auch wenn ich nicht ausschließen will, dass er gelegentlich eine Bassdrum-Sechszehntel einstreut, Dropping Bombs nennt man diese Bebop-Schlagzeugtechnik, die er mitentwickelt hat.
Apropos Bebop: Ist das Bebop oder Hardbop, war die Frage, die mich beim Hören die ganze Zeit beschäftigt hat. Ich habe ebensowenig gegoogelt, ob die 250 BPM wirklich stimmen, wie mich schlau zu machen, ob das eine dumme Frage ist. Vielleicht sind die Experten völlig einig und ich blamiere mich. Aufgenommen ist das ganze 1955 und ich denke, so richtig startete die Hardbopwelle erst um die Wende des Jahrzehnts herum. Andererseits ist, wenn man es jetzt einfach nur chronologisch betrachtet, die heißeste Phase des Bebop auch schon vorbei. Musikalisch ist es wirklich beides, für meine Ohren. Dieses affenschnelle Cherokee versprüht artistische Energie und usain-boltige Lässigkeit, die mich eindeutig an Bebop denken lässt. Und noch an vieler anderer Stelle hört man diese hektische Geschäftigkeit, vorgetragen mit atemberaubender Präzision, aber niemals atemlos. Aber beispielsweise George’s Dilemma mit seinem Latinrhythmus und seiner bluesigen Spannung bringt dann eindeutig den Hardbop ins Spiel. Wie gesagt, wahrscheinlich lachen mich die Experten jetzt aus, weil doch klar ist, dass dieses Album gerade deswegen konstituierend für dieses Genre ist, aber wenigstens ist das hier eine authentische Reaktion und kein Wikipedia-Artikel.
Ich höre das jedenfalls sehr gerne und staune über Clifford Browns Virtuosität und Max Roach’s Souveränität und auch ihre weniger bekannten Mitspieler sind voll auf der Höhe. Und was ich jetzt doch gegoogelt habe ist Clifford Browns Todestag. Denn ich weiß, dass er sehr früh gestorben ist (Autounfall). Nämlich, wie ich nachelese, gerade mal 16 Monate nach dieser Aufnahme. Da war nicht mehr viel Zeit, den kommenden Hardbop zu dominieren. Wie hätte diese Musik wohl sonst ausgesehen? Hätten Freddie Hubbard und Lee Morgan überhaupt Studiotermine gekriegt? Mit ihm starb auch der Pianist dieses Albums, Richie Powell, der der Bruder von Bud Powell, welcher wiederum beträchtliche Zeit in der Psychiatrie verbracht und auf diese Weise seinerseits keine Studiotermine gekriegt hat. Jazz als improvisierte Musik ist ein ständiger Raum voller Möglichkeiten. Aber wenn man sich mit seiner Geschichte befasst, sieht man die Möglichkeiten (und wie das Schicksal aus ihnen auswählt) auf einer makroskopischen Skala.
