
Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Verwirrbarkeit
„You press the button, we do the rest“.
Mit diesem Slogan warb Kodak 1888 für ein Kamerasystem, dass Fotografieren für Amateure deutlich vereinfachen sollte.
Als offiziell erfunden gilt die Fotografie mit der Daguerreotypie, die 1839 vorgestellt wurde.
Zuvor und nachher wurde sie stetig weiter entwickelt.
Als Karl Blossfeldt seine Blumenfotografien angefertigt hat, hat er aus Versehen Kunst geschaffen. Zwar ging es ihm um eine Form der künstlerischen Auseinandersetzung, die Fotografien sollten ursprünglich aber lediglich als Vorlage dazu dienen.
Walter Benjamin schrieb 1928 dazu: “Hier ist alles noch so neu, dass selbst das Suchen schon zu schöpferischen Resultaten führt. Die Technik ist der selbstverständliche Wegbereiter dazu.“

Es hat also nahezu ein Jahrhundert gedauert, bis Fotografie zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt und auch als solche rezipiert wurde.
Obwohl Kameras heute zugänglicher sind denn je – man bekommt eine, selbst, wenn man das gar nicht möchte, mit einem Smartphone mitgeliefert –
erwartet niemand, dass jetzt alle anfangen, Fotokunst zu erstellen.
Umso erstaunlicher ist vor diesem Hintergrund der Anspruch, der an die Bilder gestellt wird, die mit den verhältnismäßig neuen Bildgeneratoren wie beispielsweise Midjourney oder Dall-E erstellt werden.
Von der Demokratisierung der Kunst war hier die Rede, davon, dass nun endlich all die Menschen, die weder zeichnen noch malen oder fotografieren
können, nun endlich ihrer Kreativität freien Lauf lassen können.
Bisher kann davon keine Rede sein. Im Gegenteil wird man nahezu erschlagen von einer Bilderflut, die uninteressanter nicht sein könnte. Nur, weil Menschen jetzt ein weiteres Werkzeug zur Verfügung steht, um Bilder zu erstellen, bedeutet das nicht, dass sie anfangen, sich ernsthaft mit Bildern auseinander zu setzen.
In diesem wirklich interessanten, bemerkenswerten Text wird entsprechend die Gegenargumentation aufgebaut, warum mit so einem Generator niemals etwas Kunstwertes hervor gebracht werden wird:
https://www.newyorker.com/culture/the-weekend-essay/why-ai-isnt-going-to-make-art
Sehr grob zusammengefasst wird hier auf die zahlreichen Entscheidungen, die in einen kreativen Prozess mit einfließen, verwiesen, und dass ebendiese Entscheidungen einem in weiten Teilen durch die Maschinen abgenommen werden.
In diesem Text wird überlegt, ob nicht einfach ein weder-noch gelten könnte.
So recht existiert noch kein Analyse-Tool, das helfen würde, mit den Bildergebnissen aus einem Generator umzugehen.
Betrachtet man eine Fotografie, hat man eine andere Erwartungshaltung als wenn man eine Zeichnung oder eine Malerei anschaut.
Eine Fotografie funktioniert unterhalb ihrer Oberfläche, im Gegensatz zur Zeichnung.
Bei einer Zeichnung schaut man auf die Oberfläche. Das Papier, die Bleistiftspuren… diese Oberfläche ist bei einer Fotografie unwichtig.
Man kann nicht eine Fotografie betrachten, ohne zugleich eine Fotografie zu betrachten. Allein die Wahl des Mediums transportiert bereits einen Inhalt.
Bei den Bildern aus den Generatoren ist völlig unklar, worauf man eigentlich schaut.
Oftmals geht dies mit einem Gefühl von betrogen-worden-sein einher, eben weil man auf ein Bild schaut, das so tut, als sei es eine Zeichnung, oder das so tut, als sei es eine Fotografie.
Nichts davon hält, und das trägt zu der Frustration im Umgang mit diesen Bildern bei.
Bei einer Zeichnung sucht man nach den Spuren, die bei der Erstellung auf dem Papier hinterlassen wurden, man vollzieht die Linienführung nach, bei Fotografien denkt man unumgänglich auch über den menschlichen Körper, der sich durch den Raum bewegt, nach.
Nichts davon ist Inhalt in einem Bild aus einem Generator.
Vielmehr hat man es mit einer Mischung aus einem Kaleidoskop, einer Durchschnittschätzmaschine, zahlreichen Filtern, wie sie sich in jedem Bildbearbeitungsprogramm finden lassen und eventuell etwas Collage zu tun.
Die Analysetools, die man sich im Laufe seines Lebens auch durch eigene Erfahrungen beim Fotografieren und Zeichnen angeeignet hat, die automatisch mitlaufen, betrachtet man ein Bild, greifen hier in’s Leere.
Für die Bildgeneratoren fehlt es also noch an allem.
Man weiß nicht, worauf man blickt und worauf man blicken soll.
Oder ob man überhaupt schauen sollte und nicht statt dessen der Prompt interessanter sein könnte.
Denn richtig neu ist, dass die Generatoren auf Spracheingabe hin ein Bild zusammensuchen.
Dafür, dass die kreativen Möglichkeiten mit diesen Bildgeneratoren angeblich unbegrenzt sein sollen, sind die gestalterischen Möglichkeiten erstaunlich eingeschränkt.
Hat man – aus welchen Gründen auch immer – tatsächlich ein konkretes Bild im Kopf, dass man aus dem Kopf zumindest auf den Bildschirm bringen möchte, muss man oftmals in Vorarbeit eigene Fotografien oder Zeichnungen anfertigen und das Ergebnis nachbearbeiten.
Vielleicht also sind diese Bildgeneratoren ganz einfach nur ein weiteres Werkzeug, dass genutzt werden kann.
Man könnte sich also in aller Ruhe hinsetzen und mit diesen Maschinen herum probieren und spielen, um herauszufinden, ob und wofür sie gut sind.
Bis Fotografie soweit durchgeprobt war, dass man herausgefunden hatte, wo die Stärken des damals neuen Mediums liegen,
hat es nahezu hundert Jahre gedauert. Es gibt erfreulicherweise überhaupt keinen Zeitdruck.
Betrachtet man den bemitleidenswerten Zustand, in dem der Kunstmarkt sich aktuell befindet, ist es unwahrscheinlich, dass hier die nächsten großen Würfe zu finden sein werden. Echte Entwicklungen werden fernab statt finden und aller Wahrscheinlichkeit nach auch erst rückblickend als solche erkannt, wie es in der Fotografie beispielsweise mit den Arbeiten von Atget oder eben Blossfeldt der Fall war.
Beim aktuell betrüblichen Stand dieser Bildgeneratoren sollte man aber vorerst einfach die Finger davon lassen:
Ohne Bilder, die zuvor von Kreativen völlig unabhängig von diesen Maschinen geschaffen wurden, gäbe es diese Maschinen nicht. Die Dreistigkeit, mit der sich an Bildmaterial, dass lediglich zur privaten Nutzung im Netz frei gegeben ist, bedient wurde, lässt einen sprachlos zurück.
Warum es so schwierig sein soll, die tatsächlich Kreativen für ein Entgelt einfach um ihr Einverständnis zu bitten, ist ein Rätsel.
Für die Farbe für eine Malerei muss man ganz selbstverständlich zahlen und wurde hier auch bereits gezahlt, von den Kreativen, die anschließend aber leer ausgehen. Das gleiche gilt für eine hochwertige Kameraausrüstungen. Auch, wenn man nur etwas üben möchte, muss man für das Material, den Museumsbesuch, den Bildband, bezahlen.
Die Menschen, die mit der Vorauswahl und Etikettierung dieser Bilder betraut werden, arbeiten zu indiskutablen Löhnen unter grausigen Bedingungen.
Es gibt keine Betrachtungsmöglichkeit der Bildauswahl, mit der die Maschine gefüttert wurde. Das ist wie Malen im Dunkeln oder Fotografieren mit einer Kamera, ohne die technischen Möglichkeiten zu kennen. Kommt man nicht voran, hat man keine Möglichkeit, zu überprüfen, woran es liegen könnte.
Der immense Energieverbrauch der Datenzentren, natürlich nicht aus Erneuerbaren, ist durch nichts zu rechtfertigen.
So sehr eilt es nicht mit der Klimakatastrophe.
Bildende Kunst hat meist etwas mit genau hinsehen zu tun. An diesen vier Faktoren kann man nicht einfach vorbeischauen, auch wenn den Anbietern offensichtlich am liebsten wäre, die Menschen glauben zu lassen, dass sie es mit freundlichen Bildwunscherfüllungsmaschinen zu tun hätten.
Es gibt keinen Zwang oder Druck, mit den Generatoren zu arbeiten. Man kann es auch einfach lassen.
Falls man sich trotzdem mit dem Prinzip auseinander setzen möchte, gibt es dazu immer noch zahlreiche Möglichkeiten.
Überlegungen, was es bedeutet, Prompte schreiben zu müssen, um ein Bildresultat zu erhalten, wären ein denkbarer Ansatz.
Wären die Maschinen jedoch von all ihren schlechten Produktionsbedingungen befreit, die ursprüngliche Arbeit, die hineingeflossen ist, ebenso vernünftig entlohnt wie die der Klickarbeiter*innen, und wären sie klimaneutral, gäbe es tatsächlich keinen Grund mehr, warum nicht auch interessante Arbeiten mit den Maschinen
erschaffen werden könnten.
Es ist komplett überflüssig, eine Maschine zu bauen, die zeichnet wie ein Mensch. Dafür gibt es bereits Menschen.
Im Gegenteil müsste man sich auf die Suche danach begeben, wofür die Maschinen wirklich gut sein könnten. Was ist anders, was besser als bei anderen Medien?
Die Prompte, die Schnelligkeit, die teils relative gestalterische Enge – der Farbraum dürfte sRGB sein, da er das vermutlich bei den meisten Ursprungsbildern war – im Kontrast zu der relativ großen Auswahl an Ergebnissen, die gut darin sind, so zu wirken als seien sie etwas anderes.
Die Fragen, die sich die Künstler*innen stellen müssten, wären nicht mehr „warum eine Zeichnung“ oder „warum eine Fotografie“ sondern „warum etwas, das so tut als sei es eine Zeichnung in Kombination mit etwas, das so tut als sei es eine Fotografie“.
Warum denkt man, dass für die Arbeit, die man plant, diese Maschinen am besten geeignet wären?
Wozu bedarf es Bilder, die mittels eines Promptes zusammen gepuzzelt wurden? Ist der Prompt interessanter als das Bild, sollte man sich darauf fokussieren.
Oder natürlich, alle Überlegungen hier über den Haufen werfen und etwas ganz anderes machen.
Etwas Zutrauen zu der Bildenden Kunst darf man schon haben.


