
Was Krebs wirklich tödlich macht
Rund 90 Prozent der Krebspatienten sterben nicht am ursprünglichen Tumor, sondern an Metastasen – also an Zellen, die sich vom Ursprungsort lösen, durch den Körper wandern und neue Tumore bilden. Wie genau dieser Prozess funktioniert, ist bis heute nur bruchstückhaft verstanden. Genau hier setzt eine neue Studie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf an, veröffentlicht in Nature Communications.
Das Team hat Hinweise darauf gefunden, dass Krebszellen nicht zufällig streuen. Sie werden gesteuert. Konkret identifizierten die Forschenden Signalmoleküle, sogenannte Netrine, sowie den Rezeptor DCC. Gemeinsam scheinen sie zu entscheiden, wann sich Zellen aus dem Tumor lösen – und wohin sie sich bewegen.
Das widerspricht einem lange verbreiteten Bild: Metastasierung als chaotischer Prozess. Stattdessen deutet vieles auf eine Art „Navigationssystem“ hin. Krebszellen folgen offenbar Signalen, die ihre Wanderung durch den Körper lenken.
Untersucht wurde das an der Fruchtfliege Drosophila – einem Standardmodell in der Genetik. Entscheidend ist: Die zugrunde liegenden Signalwege sind beim Menschen ähnlich. Besonders relevant ist der DCC-Rezeptor: Er ist bei etwa 65 Prozent der Darmkrebspatienten verändert.
Warum das wichtig ist: Wenn sich Metastasierung gezielt steuern lässt, könnte man sie auch gezielt verhindern. Therapien würden dann nicht nur Tumore bekämpfen, sondern deren Ausbreitung blockieren – also genau den Prozess, der Krebs tödlich macht.
Die Forscher entwickelten dafür auch eine neue Methode, den „Hamelin-Assay“, mit dem sich erstmals detailliert beobachten lässt, wie Zellen ihre Richtung ändern. Ein technischer Fortschritt – aber vor allem ein konzeptioneller.


