Heutzutage hört man oft, dass künstliche Intelligenz nur eine Modeerscheinung sei. Dass es sich lediglich um einen Hype handelt, der von KI-Entwicklern aus Eigeninteresse angeheizt wird, um Investitionen anzuziehen. Dass KI unmöglich all diese Versprechen einhalten kann und dass die Blase irgendwann platzen wird, sodass nichts als Rauch zurückbleibt.
Ich habe meine Zweifel daran und möchte anhand eines kurzen Streifzugs durch die Geschichte erklären, warum.
Dampf
„[…] die Kraft, die in meiner Maschine zum Einsatz kommt, ist in gewisser Weise unendlich und unbegrenzt und ist in der Lage Wasser fünfhundert oder tausend Fuß hoch zu heben, wenn es eine entsprechend tiefe Grube gibt.“
Das ist wahrscheinlich die kühnste Behauptung, die Thomas Savery in seiner Werbebroschüre „The Miner’s Friend“ ausdem Jahr 1701 aufgestellt hat.1 Diese Behauptung ist natürlich völliger Unsinn. In der Praxis konnte seine atmosphärische dampfbetriebene Pumpe Wasser maximal 60 bis 80 Fuß hoch pumpen – wenn man mit den hohen Betriebskosten und dem hohen Risiko, dass die Kessel von Zeit zu Zeit explodierten, leben konnte.
Auch andere von ihm angepriesene Anwendungsmöglichkeiten hatten, gelinde gesagt, wenig mit der Realität seiner Maschine zu tun. Er behauptete, dass die Verwendung seiner Maschine zum Antrieb eines Schlauchs einen Palast praktisch unzerstörbar durch Feuer machen würde und dass ganze Städte mit Wasser versorgt werden könnten. Naja… nicht wirklich.
Kurz gesagt, er hat Hype angefacht.
Mit gemischtem Erfolg. Seine Maschine war eindeutig zumindest ein bisschen nützlich, die potenziellen Möglichkeiten lagen auf der Hand, und er erhielt ein recht umfassendes Patent und viel Ansehen. Kommerziell war die Maschine nicht gerade ein großer Erfolg, da Bergwerksbesitzer keine hohen Betriebskosten mögen und Bergleute nicht gerne explodieren.
Und Saverys Patent selbst war ein Problem. Es war so weit gefasst, dass es für andere Erfinder schwierig war, Verbesserungen zu entwickeln, und es machte es in jedem Fall finanziell viel unattraktiver. Als Thomas Newcomen um 1712 eine deutlich bessere atmosphärische Dampfpumpe entwickelte, die einen ganz anderen Mechanismus hatte, konnte er sie aufgrund von Saverys Patent nicht patentieren lassen und musste sich mit ihm einigen.
Nach Saverys Tod im Jahr 1715 fiel das Patent jedoch in die Hände eines Konsortiums mit dem beeindruckenden Namen „Proprietors of the Invention for Raising Water by Fire“ (Eigentümer der Erfindung zum Fördern von Wasser durch Feuer), das in seiner Herangehensweise ziemlich monopolistisch war und somit die weitere Entwicklung von Dampfmaschinen behinderte.
Abbildung aus „The Miner’s Friend“
Dennoch entdeckte der Historiker Raistrick, dass zwischen 1715 und den 1770er Jahren allein in den Bergwerken der Kohleregion Tyneside weit über 100 Maschinen vom Newcomen-Typus installiert worden waren – ohne dass die Proprietors oder Newcomen etwas damit zu tun hatten. Raistrick geht davon aus, dass es sich hierbei um einen Fall von Dampfmaschinenpiraterie handelte.2
In „Levers of Riches“, seiner sehr lesenswerten Geschichte über den Einfluss technologischer Erfindungen auf die Wirtschaft, berichtet Mokyr, dass sich Newcomens Maschine bis 1730 innerhalb kürzester Zeit in Frankreich, Belgien, Deutschland, Spanien und Ungarn verbreitet hatte.
Dennoch gab es zwischen dem anfänglichen Hype in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und etwa 1776 einen langen Dampfwinter, in dem die Nützlichkeit der Technologie zwar klar war, sie aber noch nicht wirtschaftlich rentabel genug war, um wirklich disruptiv zu sein. Das kam erst, als Watt mit seiner deutlich effizienteren Version auf den Plan trat und die industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wirklich Schwung aufnahm.
Wäre es für einen klugen, weitsichtigen Menschen, der 1702 Saverys extravagante Werbebroschüre las, ratsam gewesen, sich selbst, sein Unternehmen und die Gesellschaft, in der er lebte, so gut wie möglich auf eine Zukunft vorzubereiten, in der die disruptive Kraft der Dampfkraft alles verändern würde? Natürlich.
Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer. Aber ein weiser und wissenschaftlich versierter Mensch hätte erkennen können, dass die Einschränkungen von Saverys Maschine keine theoretischen Einschränkungen des zugrunde liegenden Prinzips waren, sondern praktische Einschränkungen. Die explodierenden Kessel zum Beispiel waren kein grundlegendes Hindernis, sondern ein materielles Problem, das zunächst durch technische Maßnahmen vermieden werden konnte, bevor später Hochdruckmaterialien entwickelt wurden.
Und solche Probleme lassen sich in der Regel früher oder später lösen. Es war einfach eine Frage der Zeit.
Elektrizität
„Als zehn Lampen mit einer einzigen elektrischen Maschine betrieben wurden, galt dies als großer Triumph der Wissenschaft. Mit dem Verfahren, das ich gerade entdeckt habe, kann ich tausend – ja, zehntausend – mit einer Maschine betrieben. Tatsächlich kann man sagen, dass die Zahl unendlich ist. Wenn die Brillanz und Billigkeit der Lampen der Öffentlichkeit bekannt werden – was in wenigen Wochen der Fall sein wird, oder zumindest sobald ich das Verfahren gründlich schützen kann –, wird die Beleuchtung mit karburiertem Wasserstoffgas erledigt sein.“
Thomas Edison sagte dies im September 1878. Ein weiterer Erfinder namens Thomas, der uns erzählt, dass seine Erfindung etwas „Unendliches“ bewirken könnte. Er macht sogar eine leicht überprüfbare Vorhersage. In nur wenigen Wochen, oder zumindest sobald das Patent erteilt ist, wird die Beleuchtung mit karburiertem Wasserstoffgas der Vergangenheit angehören. Naja… nicht wirklich.
Es dauerte weitere dreißig Jahre, bis die Beleuchtung in New York City endgültig von karburiertem Wasserstoffgas auf Elektrizität umgestellt wurde.
Edison war ein Meister darin, Hype zu erzeugen. Der Stromkrieg, der in den 1880er und 1890er Jahren zwischen ihm und Westinghouse tobte, wurde mit den brutalsten rhetorischen Mitteln geführt. Und Elektrizität wurde definitiv gehypt. Elektrizität war plötzlich in allem enthalten, sollte jedes erdenkliche Problem lösen, Krankheiten heilen, und die Menschen wollten alles mit Elektrizität machen, einschließlich der Hinrichtung von Menschen und Elefanten.
Dachtet ihr, der Versuch die Unsicherheit von Männern auszubeuten, sei eine moderne Entwicklung?
Aber es war nicht nur Hype. Es dauerte vierzig Jahre, aber in den 1920er Jahren ersetzte Elektrizität schließlich vollständig Dampf in Fabriken, was zu einer enormen Produktivitätssteigerung führte.
Die Einschränkungen, die dies verzögerten, waren keine Einschränkungen des zugrunde liegenden Prinzips, sondern praktische Einschränkungen, die mit technischem Know-how, einer besser koordinierten Infrastruktur und einem anderen Planungsansatz, z. B. bei der Fabrikgestaltung, überwunden werden konnten. Solche Probleme lassen sich früher oder später lösen. Es war einfach eine Frage der Zeit.
In seinem Artikel „From Shafts to Wires: Historical Perspective on Electrification“ zeigt Devine, wie die Elektrizität zunächst die Trägheit der Infrastruktur überwinden musste, um wirklich durchzustarten. Viele Fabriken waren vollständig für Dampf ausgelegt und verfügten über hochentwickelte Systeme, bei denen Riemen und Wellen die Kraft der ständig laufenden Dampfmaschinen in der gesamten Fabrik verteilten, umwandelten und nutzbar machten.
Das einfache Anbringen eines Elektromotors an einem solchen maßgeschneiderten System führte zu keiner oder nur einer geringen Steigerung der Produktivität. Und ähnlich wie Städte, die in ihre Infrastruktur investieren, hatten Investoren und Fabrikbesitzer viel Kapital in diese Fabriken versenkt. Eine solche Investition reißt man nicht einfach so ab.
Abbildung aus „From Shafts to Wires: Historical Perspective on Electrification“
Dementsprechend dauerte es lange, bis die Menschen langsam begannen, umzudenken, neue Layouts zu entwickeln und von Anfang an die Elektrizität in Betracht zu ziehen. Und dann wurden die Produktivitätssteigerungen enorm.
Hätte eine kluge, weitsichtige Person, die 1878 Zeuge von Thomas Edisons Hype-Maschine wurde, erkennen können, dass es unwahrscheinlich war, dass seine Erfindung innerhalb weniger Wochen die bestehende Infrastruktur ersetzen würde, wie er behauptete, dass es jedoch keine grundlegenden Hindernisse gab und es daher nur eine Frage der Zeit war? Vorsicht vor dem Hindsight-Bias, aber ja: Natürlich hätte eine kluge Person dies erkennen können.
Computer und das Internet
„In zehn Jahren werden wir unendliche Bandbreite haben.“
Am 11. Oktober 1994 sprach Bill Gates im PC Magazine über die kommenden Wunder des Internets und machte dieses kühne Versprechen von unendlicher Bandbreite im Jahr 2004. Naja… nicht wirklich.
Aber wahrscheinlich erkennen Sie bereits das Muster. Eine ähnliche Entwicklung gab es bei Computern und dem Internet. Obwohl die Rechenleistung weiter zunahm und Computer sich immer weiter verbreiteten, hatte dies in den 80er Jahren kaum wirtschaftliche Auswirkungen, was Robert Solow 1987 zu seiner berühmten Klage veranlasste: „Man sieht das Computerzeitalter überall, außer in den Produktivitätsstatistiken.“
Gegen Ende der 1990er Jahre hatte die Verbreitung von Computern, insbesondere von PCs, jedoch tatsächlich Auswirkungen auf die Produktivität und ebnete direkt den Weg für die nächste disruptive Technologie: das Internet.
Die Dotcom-Blase im NASDAQ Composite Index
Viele erinnern sich noch an den Hype um das Internet Ende der 1990er Jahre. Und viele erinnern sich noch an die Dotcom-Blase. Aber wie mein Freund Duncan Sabien so treffend sagt: „Das Internet hat sich dennoch als real erwiesen.“
Und Junge, ist das Internet real! Wie disruptiv das Internet tatsächlich werden würde, haben wir erst in den 2010er Jahren gesehen, als ein großer Teil des öffentlichen Lebens, des Privatlebens, der Nachrichten, der Wirtschaft und der Aufmerksamkeit ins Internet verlagert wurde, die Mehrheit der Menschheit anfing permanent online zu sein und diejenigen Unternehmen, denen es am besten gelungen ist, unsere Aufmerksamkeit zu kolonisieren, zu monopolisieren und auszubeuten, zu Giganten geworden sind. Es war einfach nur eine Frage der Zeit.
Hätte ein kluger Mensch beispielsweise 1980 erkennen können, dass Computer überall sein würden und nie wieder verschwinden würden? Dass Bill Gates 1994 sein Versprechen von unendlicher Bandbreite nicht einhalten könnte … aber? Dass die Dotcom-Wirtschaft 1999 oder 2000 eine Investment-Blase sein könnte, dass es für die Technologie an sich aber keine grundlegenden Hürden gab, sondern nur eine Verzögerung, eine infrastrukturelle Trägheit, deren Überwindung eine Weile dauern würde? Einige Menschen haben dies erkannt und sind dadurch sehr reich geworden. Hätten wir versuchen sollen, unsere Gesellschaften besser auf die disruptiven Auswirkungen des Internets vorzubereiten? Ich meine, ja, aber im Nachhinein ist man immer schlauer, oder?
Künstliche Intelligenz
„Natürlich mögen die Fähigkeiten einer solchen Intelligenz für alle praktischen Zwecke auf unserem derzeitigen Intelligenzniveau unendlich erscheinen.“
Ray Kurzweil, The Singularity Is Near
Okay, verlassen wir also den Bereich des „Hinterher“. Künstliche Intelligenz ist bereits Realität. Nach mechanischer Energie auf Abruf, universell konvertierbarer Energie auf Abruf, Rechenleistung auf Abruf und Informationen auf Abruf haben wir nun Intelligenz auf Abruf – oder werden sie zumindest bald haben.
Ist künstliche Intelligenz nur eine Modeerscheinung? Ist sie eine Blase, die platzen wird und nichts als Rauch bleibt zurück?
Ich glaube nicht. Ich denke, wir sollten die Labore, die an der Spitze der KI-Forschung stehen, sehr ernst nehmen, wenn sie uns sagen, dass sie keine grundlegenden Hürden mehr auf dem Weg zur AGI und wahrscheinlich sogar zur Superintelligenz sehen. Dass es nicht um Einschränkungen des zugrunde liegenden Prinzips geht, sondern um praktische Einschränkungen.
Werden einige der Unternehmen, die derzeit miteinander konkurrieren, in Konkurs gehen und werden Investoren Geld verlieren? Das ist durchaus möglich. Wird es noch einige Hindernisse auf dem Weg zum Ziel geben? Vielleicht, sogar sehr wahrscheinlich. Diese Probleme werden früher oder später gelöst werden. Es ist einfach eine Frage der Zeit.
Wäre es für einen klugen Menschen ratsam, darauf zu reagieren und unsere Gesellschaft, ja sogar die Menschheit selbst, auf die disruptiven Folgen von künstlicher Intelligenz vorzubereiten? Auf jeden Fall.
Diese Gefahr können wir nur durch Weitsicht abwenden.
Von Robert Herr
Der vollständige Titel ist ebenso lebhaft wie wortreich: „Der Freund des Bergmanns; oder Eine Maschine zum Heben von Wasser durch Feuer. Und über die Art und Weise ihrer Befestigung in Bergwerken; mit einer Darstellung der verschiedenen anderen Verwendungsmöglichkeiten, für die sie geeignet ist; und einer Antwort auf die gegen sie vorgebrachten Einwände.“ ↩︎
Wie so oft in der Geschichte klingt das viel cooler, als es tatsächlich ist. ↩︎