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Random Jazz 2: Akira Sakata Trio

In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.

In dieser zweiten Folge präsentiert mir mein Zufalls-Skript: Akira Sakata Trio – Dance, 1982. Hier tappe ich wirklich komplett im Dunklen. Mit japanischem Jazz kenne ich mich nicht aus. Das Cover spricht mich jedenfalls an, diese Nahaufnahme von … irgendwas, in Kombination mit der klaren roten Schrift hat etwas Brutales und Direktes. Vielleicht sind das Müllsäcke oder so, könnten aber auch Hautfetzen sein und dann wäre es ein Grindcore-Album.

Quelle: Discogs

Also einfach erstmal anhören und später was dazu lesen. Denkste. Einfach anhören scheitert schon mal daran, dass ich bei Spotify zwar Akira Sakata finde, aber nicht sein Trio, zwar einen Song namens Dance, aber nicht das Album, zwar einen Song namens Strange Island, aber nicht, wie sich rasch rausstellt, diese Fassung. Die Discogs-Seite versorgt mich freundlicherweise direkt mit zwei Youtube-Links. Und so kann ich wenigstens anfangen zu hören, während ich feststelle, dass es bei YouTube offenbar tatsächlich nur zwei der vier Songs gibt. Ich sagte letztes Mal, dass dies keine Detektivarbeit werden soll, aber ein bisschen wurde es das: Zunächst fand ich weit und breit keine legale oder illegale Quelle, um diese fehlenden Songs zu hören. Bis ich, über den Umweg der Release-Nummer, herausfand, wie man den Albumtitel auf Japanisch schreibt und dann auf Japanisch suchte und eine Seite fand, auf der ich das Album kaufen konnte, jedenfalls sah es so aus und wenn ich richtig lag und das wirklich Yen waren, würde mich das laut aktuellem Umrechnungskurs gerade mal fünf Euro kosten, in CD-Qualität und so habe ich keine Kosten und Mühen gescheut und mich irgendwie auf dieser japanischen Seite angemeldet, die sonst nur J-Pop und Anime-Soundtracks oder so was im Programm hat und kurz die Luft angehalten und: das Album ergattert!

Jetzt also, endlich, hören. Das ist nach wenigen Tönen eindeutig Free Jazz. Das Trio besteht aus Saxofon, Schlagzeug, Bass. Mein erster Gedanke ist, dass dieses Saxofon, so schräg es kreischt, durchaus angenehm klingt, was mich an David S. Ware erinnert. Ich sage das mit den Ohren von jemandem, der gerne Free Jazz hört, aber höchst subjektiv zwischen wohltönendem und irgendwie nervigem unterscheidet. Mir ist klar, dass die meisten Leute das komplette Genre in die zweite Kategorie einsortieren würden. Was mir irgendwann bewusst geworden ist, ist die Tatsache, dass die subjektive Zugänglichkeit für mich gar nicht mal daran hängt, wie unkonventionell die Musik ist, sondern ganz viel mit der Frage zu tun hat, ob es ein Harmonieinstrument gibt oder nicht. Ich liebe Akkorde, egal welche. Ich liebe Klangflächen. Wann immer Jazz „pianolos“ ist (wobei die Rolle des Pianos natürlich auch jemand anders ausfüllen darf), empfinde ich ihn als sperriger, anstrengender, farbloser, abstrakter. Ich empfinde, ganz subjektiv, John Coltrane Live in Seattle oder Live in Japan als zugänglicher und wohlklingender denn etwa das Gerry Mulligan/Chat Baker Quartet. Obwohl letzteres freilich viel konventioneller ist.

Deswegen, vermute ich, habe ich auch nie viel Zugang zu Ornette Coleman gefunden. Wenn auch die formellen Grenzen auf The Shape of To Come objektiv weit weniger gesprengt werden als, beispielsweise, auf den genannten späten Coltrane-Aufnahmen, klingt das für mich viel harscher, abstrakter, kälter. Weil eben das Piano fehlt. Free Jazz (das Album) hingegen gefällt mir viel besser, weil da die schiere Masse an Beteiligten die Rolle des Pianos übernimmt. Statt zehn Fingern sind es halt zehn Leute (okay, acht).

So, und dies alles vorangestellt, schlage ich jetzt den Bogen zum Akira Sakata Trio, das nämlich gehörig an Ornette Coleman erinnert. Wenn man sich erstmal an den freien Sound gewöhnt hat, fällt schon beim ersten Song auf, dass der gar nicht so out there ist, wie man meint. Eigentlich ist das ein Blues. (Ich bin nicht versiert genug, um Ihnen zu sagen, ob es wirklich formal ein klassischer 12-taktiger Blues ist, aber ich glaube schon). Es hat sogar einen gehörigen Shuffle-Puls. Es werden sogar allenthalben, gerade vom Bass, aber auch von Saxofonist Sakata, ganz konventionelle Blueslicks rausgehauen. Je länger ich es höre, desto mehr denke ich, würde man das mit einem Piano unterlegen, das weniger frei spielt als der Rest, das diese vermutlich zugrunde liegenden, ganz konventionellen Akkorde ausbuchstabieren würde, dann würde der ganze Rest viel weniger schräg klingen, dann würden die Eskapaden des Saxofons punktgenau in den Harmonien landen und würden sich geradezu genial anfühlen. Man muss sich den Kontext dazu denken. Das ist anstrengend, aber auch geil.

Im weiteren Verlauf erinnert mich die Musik sogar noch mehr an Coleman, weil es teilweise sehr nach meinem liebsten Song von ihm, Lonely Woman klingt. Ich überlegte sogar kurz, ob sie diesen Song spielen, vielleicht anders benannt, aber er ist es, denke ich, doch nicht. Und das Spiel zwischen Free und Form kippt hier fast noch mehr zur Form. Insbesondere der Bass spiel wiederkehrende Riffs, die unglaublich funky sind, dem ganzen fast schon ein Hip-Hop-Gefühl geben. Das hat einen gewaltigen Sog und sehr viel Atmosphäre. Ich vergesse tatsächlich, dass mir das Piano fehlt. Irgendwann singt er auf Japanisch und klingt für mich dummen Europäer wie der Bösewicht aus einem Manga. Ich finde das sehr gut. Die fünf Euro haben sich gelohnt!

Ich habe mir dann auch noch ein paar weitere Sachen von Akira Sakata angehört. Das ist sehr abwechslungsreich. Es gibt ein Album, das ganz verträumt und atmosphärisch ist. Es gibt ganz schräge Sachen, wo japanische Popmusik und Irrsinn und Free Jazz vermengt werden. Das geht dann in eine Artrock/Avantgarde-Richtung, die auch die weitere Recherche bestätigt: Sakata hat auch mit Last Exit gespielt, der grenzüberschreitenden Band von Peter Brötzmann und Bill Laswell. Hat auch noch mehr mit Bill Laswell gearbeitet. Damit ist die Verbindung zu einer Achse eröffnet, die uns in Richtung Naked City, Boredoms und am Horizont Grindcore führt und die anfängliche Assoziation mit dem Cover nicht völlig abwegig erscheinen lässt.

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