Eine U-Bahn voller Nazis

Stell dir vor, du sitzt nichtsahnend in der Bahn und auf einmal steigen lauter Nazis ein. Weit und breit keine Polizei zu sehen. Die Stimmung unter den Nazis ist ausgelassen. Derweil sitzen in der Bahn Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe Feindbilder der Nazis sind. Man kann nur erahnen, wie diese sich fühlen, als sie die Situation erkennen.
Diese Schilderung ist leider nicht fiktiv, sondern beschreibt, was am 1. Mai in Essen geschah, als die Polizei entschied, die Teilnehmer einer rechtsextremen Demonstration der NPD-Nachfolgepartei “Die Heimat” in einer gewöhnlichen Bahn der Linie U11 vom Hirschlandplatz zum Essener Hauptbahnhof reisen zu lassen – ohne Polizeibegleitung.
So zumindest schildert es die Initiative “Essen stellt sich quer” in einem Instagram-Post. Dort sind auch Bilder zu sehen, die offenbar aus dem Stream eines rechten Influencers stammen, der hier nicht namentlich erwähnt werden soll, um keine Reichweite zu generieren.
Wenn man sich die relevanten Stellen dieses Streams ansieht, stellt man jedoch fest: Besagter Streamer interviewt Neonazis, darunter einen Mann, der ganz offen sagt: “Ich bin Nationalsozialist”. Ohne sich davon in irgendeiner Form zu distanzieren, schafft es der Streamer, sich in die Opferrolle zu begeben und sich über die Gewalt, die nach seiner Darstellung ausschließlich von Linken ausgeht, zu beklagen. Sein Interviewpartner bestätigt, dass es eine Anweisung der Polizei war, die U-Bahn zu nehmen. Tatsächlich dokumentiert das Video, dass die Nazis in die U11 einsteigen. Polizisten sind in der Bahn nicht zu sehen.
Die Entfernung vom Hirschlandplatz zum Hauptbahnhof beträgt nur 500 Meter und hätte ohne Probleme zu Fuß zurückgelegt werden können. Der Fokus der Polizei schien jedoch darauf gelegen zu haben, Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten zu verhindern. Die Initiative „Essen stellt sich quer“ wirft der Polizei vor, dass zu diesem Zweck offenbar die Gefährdung unbeteiligter Passagiere in Kauf genommen wurde.
Die Essener Polizei dementiert dies in einem Statement gegenüber Wahnsinnwissen: „Die ehemaligen Versammlungsteilnehmer der Heimat wurden lückenlos durch die Polizei begleitet. Es befanden sich Beamte auf dem U-Bahnsteig Hirschlandplatz, in der U-Bahn und am HBF Essen. Zu keiner Zeit kam es dabei zu Auseinandersetzungen oder Straftaten zum Nachteil von Unbeteiligten.“

