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Random Jazz 6 – Giannis Arapis & Noël Akchotè

In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.

Letzte Woche habe ich mich darüber gewundert, dass die bisherigen Ergebnisse gar nicht so obskur waren, wie vielleicht zu befürchten gewesen wäre. Ich habe inzwischen erfahren, dass meine These, man müsse vielleicht auf einem richtigen Label veröffentlicht sein, um überhaupt bei Discogs zu erscheinen, nicht stimmt. Es muss nicht mal einen physischen Tonträger geben, auch MP3-Files sind erlaubt (reine Streams hingegen nicht, soweit ich das verstanden habe). Ob die selbstproduzierte CD der Schüler-Big-Band Buxdehude vorhanden ist, hängt also nur davon ab, ob jemand sie eingegeben hat. Eingegeben hat jemand das Album Nylon von Giannis Arapis & Noël Akchotè. Vielleicht derjenige, der es auch besitzt. Denn in den Statistiken der Discogs-Datenbank, wo etwa Kind Of Blue von über 280.000 Usern als „in Besitz“ markiert wurde, sehen wir hier die Zahl „1“.

Quelle: www.discogs.com

In unserer virtuellen Redaktion sprachen wir über die Frage, ob der Anteil an Schrott, der bei den Releases auftaucht, bei Jazz nicht besonders hoch sein müsste, weil die Musik angesichts ihrer improvisierten Natur besonders viel Risiko eingeht. Und meine These war: nein. Denn um überhaupt Jazz zu spielen, braucht es ja eine Kontrolle über das Instrument und über die musikalische Sprache des Jazz, die völligen Schrott nahezu ausschließt. Es gibt eben auch nicht „richtig“ und „falsch“ im strengen Sinne wie bei einem herkömmlichen Musikstück, das bei jeder Aufführung gleich klingen sollte. Jazzmusiker bezeichnen das gemeinsame Spielen oft als Unterhaltung. Um mitzureden, muss man die Sprache überhaupt beherrschen. Die Sprache zu beherrschen heißt, die Harmonien zu kennen, die musikalischen Zusammenhänge zwischen den Tönen zu kennen, gewisse Konventionen (wie die typischen Akkordfolgen) zu beherrschen und in dieser Sprache eigene Ideen beizusteuern.

Dabei gibt es kein klares richtig oder falsch. Vielleicht schweift jemand ab und spielt Dinge, die eher entfernt vom Thema der anderen sind. Das ist dann so, als würde bei einer Podiumsdiskussion jemand Sachen sagen, die nicht recht zum Gegenstand passen, auch wenn sie nicht „falsch“ sind. Vielleicht verhaspelt sich ein Musiker und spielt einen anderen Ton als er wollte. Das ist dann wie einer, der sich im Gespräch verspricht. Man kann anders weiterspielen, den falschen Ton halbwegs sinnvoll einbauen – so ähnlich wie man in der freien Rede vielleicht in einem Satz mit dem falschen Artikel anfängt und sich schnell noch ein Substantiv überlegt, das an dieser Stelle Sinn ergibt. Natürlich kann es theoretisch auch passieren, dass sich ein Musiker verspielt und er vor Schreck einfach aufhört, völlig aus dem Konzept kommt. Genau wie einem ungeübten Redner. Aber ein Musiker, der so wenig souverän auf seinem Instrument ist, wird wahrscheinlich nicht für eine Aufnahmesitzung eingeladen. Wie viel Verhaspeln, Abschweifen und Umbauen zum guten Ton gehört, wann es unprofessionell wirkt und wann es vielleicht gerade den Reiz ausmacht, das ist Gegenstand von Grauzonen, Konventionen und Geschmack.

Allerdings gibt es noch einen Faktor, der schwerer zu fassen ist und dennoch die Spreu vom Weizen trennt. Und das ist der Ton. Musiker sprechen nicht nur von der Sprache des Jazz. Sie sprechen auch sehr häufig davon zu „spielen, was sie in ihrem Kopf hören“. Es braucht zum einen den Gedanken, die Idee, wozu die harmonische Sprache überhaupt erstmal beherrscht werden muss, aber es braucht auch die technische Souveränität, um diesen Gedanken nahtlos auf dem Instrument in Klang zu verwandeln. Ich bin überzeugt, dass Folgendes für jede Kunst gilt: Die wirklichen Meister ihres Fachs setzen ihre Ideen mit einer Direktheit um, die eine Qualität für sich darstellt. Die zweite Reihe spielt/malt/schreibt/baut so, dass man die Hürde spürt, die sie überwinden müssen, um ihre Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Man hört/sieht//spürt die Anstrengung. Man nimmt den Weg wahr, den sie gehen müssen, bis die Kunst erschaffen ist. Bei wahrer Meisterschaft hingegen entsteht das Kunstwerk wie aus dem Nichts, mit zwingender Unmittelbarkeit. Wenn man Jimi Hendrix oder John Coltrane zuhört, kann man diese Unmittelbarkeit spüren. Ihre Ideen fließen einfach in die Existenz.

Diese Vorrede vorangestellt kommen wir zu Giannis Arapis & Noël Akchotè. In der vorletzten Folge habe ich über Gitarrenjazz gelästert und dabei gar nicht berücksichtigt, dass es auch noch akustische Gitarren gibt! Die können ja noch viel intimer, zarter, sprich: langweiliger sein als die typischen Semiacoustics. Im ersten Moment fürchtete ich, hier die volle Breitseite Langweile abzubekommen. Aber das ist bei den beiden Nylon-Gitarristen nicht das Problem. Das hier ist Avantgarde-Musik, frei improvisiert, unberechenbar, voller Reibung und immer wieder aufbrandenden emotionalen Wellen, die mir gefallen. Aus dem formlosen Geklimper taucht irgendwann „Take The A-Train“ auf und lässt mich grinsen. Aber: Irgendwie klingt das auch sehr holprig. Es klingt teilweise so unglaublich holprig, dass ich mich frage, ob es Absicht ist oder ob es nachträglich als Absicht interpretiert werden soll oder ob man es nicht bemerkt hat oder ob es einfach egal war. Es klingt für mich häufig nach regelrechtem Verspielen, wobei ich nicht weiß, ob die Akustik-Gitarre mit Nylonsaiten hier besonders anfällig für Plongs und Karrangs ist (nicht googeln, die Wörter habe ich mir ausgedacht). Ich will diese Kolumne beileibe nicht für Verrisse nutzen. Ich bin auch gar nicht in der Position, nicht als Kritiker und erst recht nicht als Musiker, Menschen abzuurteilen, die kreativ und produktiv genug sind, um ein Stück Musik in die Welt zu bringen. Für mich klingt es holprig und zwar in einem Maße, das mir den Spaß verdirbt, aber ich maße mir nicht an, zu behaupteten, dass die das nicht besser könnten.

Wer sind die denn überhaupt? Was ist das? Das Album ist aus dem Jahr 2023, erschienen bei, Achtung!, „Noël Akchotè Downloads“. Auch das meine ich nicht despektierlich, ich bin musikalisch mit Hardcorepunk sozialisiert, ich halte DIY für den musikalischen Normalfall. Aber es erklärt eben vielleicht dennoch, mit was wir es hier zu tun haben. Beide Gitarristen stellen sich bei näherer Recherche als Avantgarde-Musiker heraus, die an diversen Projekten und verschiedenen Musikstilen beteiligt sind. Giannis Arapis taucht dabei sparsamer auf als Noël Akchotè. Letzterer ist von atemberaubender Produktivität. Wenn man seine Releases bei Discogs (unter verschiedenen Aliases) und Bandcamp zusammennimmt, kommt man auf hunderte von Einträgen. Einiges ist wohl Stock-Musik, MP3-Alben mit Titeln wie „Flamenco Guitars“, „J-Pop Guitars“ etc., ohne Nennung des Musikers. Gebrauchsmusik, die man sich zur Unterlegung von Videos kaufen kann. Aber auch unter eigenem Namen haut er unzählige Musik raus, zum Beispiel eine gewaltige Serie von Barockmusik, die er interpretiert, Kollaborationen mit anderen Avantgarde-Musikern, freie Improvisationen. Davon alleine wird er kaum leben können, es sei denn, die schiere Masse führt zu einem kleinen, aber stetigen Einkommen. Ich könnte mir vorstellen, dass er Musikunterricht gibt oder Studiosessions spielt oder sich irgendwie über Wasser hält. Vielleicht übergriffig von mir, überhaupt darüber zu spekulieren. Aber mir geht es nicht um eine Bewertung seiner finanziellen Lage oder die Behauptung, Musik könnte einem monetären Wert zugemessen werden. Mir geht es vielmehr um die Wertschätzung, sein Leben der Musik zu widmen, auch wenn man nicht berühmt ist. Akchotè hat einige bekannte Namen in seinem Portfolio. Um das Jahr 1996 herum spielte er mit Sam Rivers, Fred Frith, Evan Parker. Lauter Größen des Avantgardejazz. Aber irgendwie ging dieser Weg nicht weiter. Vielleicht gibt es auch einfach private Gründe, nicht diese internationale Bühne zu suchen. Vielleicht ist das gar nicht nötig. Für jemanden mit Leidenschaft ist wichtig, einen Weg zu finden, seiner Kunst nachzugehen. Nicht, damit berühmt zu werden.

Das Album klingt für mich holprig und ich werde es wohl kaum in den nächsten Jahren hervorkramen, um es unbedingt noch mal zu hören. Aber die zwei wollten ihre Ideen aufnehmen und veröffentlichen und das ist etwas Gutes. Wäre ich irgendwie auf ein Konzert geraten, wo zwei so vor Ideen und Produktivität sprühende Musiker ihre Kunst aufführen, wäre ich glücklich. Dieses Album gehört zu haben, nehme ich einfach ähnlich: Nicht als fehlgeschlagenen Versuch, ein Meisterwerk zu entdecken, sondern als Gelegenheit, zwei Menschen bei ihrer Leidenschaft kennengelernt zu haben.

 

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