
Klingt irre, aber sollte man sich Söder als Kanzler wünschen?
Wenn man der Berliner Gerüchteküche traut, sind Merz‘ Tage als Kanzler gezählt. Spätestens am Sonntag nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sollte feststehen, ob die CDU noch stabil genug ist, um einen schwankenden Mann wie Merz zu tragen (hier bitte Majestix auf Schild als Bild vorstellen). Als Nachfolger werden, neben – Gott bewahre! – Dobrindt, die Ministerpräsidenten Wüst, Rhein und Söder gehandelt. Und natürlich ist für besonnene Menschen Wüst der vielversprechendste von denen. Aber irgendwas muss man auch mit den nicht-besonnenen Menschen machen.
Und da stellt sich die Fage, ob der polternde, opportunistische, populistische, hinterhältige, seine Meinungen wie Socken wechselnde, intrigante, ausgefuchste, abgebrühte Markus Söder nicht die beste Wahl wäre. Nicht, weil er für die klügste Politik steht. Er steht ja für gar keine Politik oder stand, anders gesagt, schon mal für so ziemlich jede politische Forderung, je nachdem, was gerade nützlich schien. Aber für die massiven Probleme, die wir haben und auf die wir zurollen, gibt es sowieso keine universellen Lösungen. Wenn klar wäre, dass dieser oder jener Weg offensichtlich der richtige wären, könnte man ja dankbar sein. Aber es geht leider ab sofort um Katastrophenmanagement.
Die bisherige weltwirtschaftliche Ordnung ist kaputtgetrumpelt (um das festzuhalten, muss man kein Fan von ihr gewesen sein, eine bessere Alternative ist Chaos jedenfalls auch nicht). Der Kampf um die fossile Energie ist in offenen Krieg gemündet, bevor Alternativen sich durchgesetzt haben. Krieg tobt in Europa. KI wird ab sofort jeden Tag mehr menschliche Arbeitsstellen ersetzen. Das ausgezehrte und halb totgeprügelte Zugpferd der deutschen Wirtschaft namens »Autoindustrie« liegt keuchend am Boden. Ach so, und dann ist da ja noch der Klimawandel, aber mal sehen, ob der noch innerhalb der Legislatur zu weiteren Katastrophen führt oder etwas später.
Es ist ein bescheidener Wunsch, aber angesichts dieser Situation wünsche ich mir vor allem überhaupt eine handlungsfähige Regierung. Unter den vielen schlechten Kompromissen muss jemand den besten finden und durchsetzen. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, damit keiner verhungert und damit keine Drohnenangriffe auf uns stattfinden und damit trotz explodierender Gesundheitskosten noch Notaufnahmen in Betrieb sind. Mehr erwarte ich gar nicht. Und dazu braucht es eine Regierung, die nicht von Angst vor der AfD gelähmt ist. Die nicht in lächerlichen Streits verharrt. Es braucht einen Kanzler, der nicht von einem Hinterbänkler den Dolch in den Rücken gestoßen kriegt, sobald er wankt.
Merz ist wie ein beleidigter Oberlehrer, der unbedingt Direx werden will, damit man ihn ernst nimmt. Er macht den Eindruck, er wollte unbedIngt Kanzler werden, um etwas zu beweisen. Wer was beweisen muss, hat auch was zu verlieren.
Söder hingegen kennt Begriffe wie Selbstzweifel, Reflexion oder Unsicherheit allenfalls vom Hörensagen. Er macht Politik – mutmaßlich – nicht, weil er damit sein fragiles Ego stabilisieren will. Dieses Ego ist so stabil wie eine Krachlederhose. Er hat einfach Spaß an dem Spiel „Politik“. Wenn es schwierig wird, blüht er erst auf, statt sich wie Merz über die Ungerechtigkeit zu beschweren. Seine völlige Gewissen- und Prinzipienlosigkeit könnte uns zur Zeit wirklich helfen. Es ist nicht zu befürchten, dass Söder sich einem funktionsfähigen Kompromiss verweigert, weil er gegen die heiligen Regeln des Schuldenbremsengotts verstößt oder irgendeiner anderen Ideologie. Beschimpfungen aller Seiten würden an ihm abprallen und wahrscheinlich gerade deshalb geringer ausfallen.
Klar: Söder kennt nur Söder. Aber ich glaube nicht, dass er Interesse an einem Personenkult hat, dass er an der Demokratie sägen will wie ein Trump. Dann würde ja das spannende Spiel kaputt gehen. Noch mal: Söder steht bestimmt nicht für die politischen Ideen, die ich bevorzugen würde. Aber im Moment würde ich vor allem bevorzugen, dass eine stabile, demokratische Regierung existiert und wir nicht belgische – oder Weimarer! – Verhältnisse kriegen.


