
Random Jazz 7 – Sadao Watanabe
In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.
Heute erhalte ich schon zum zweiten Mal ein japanisches Album. Ich weiß, dass Japan eine große Jazzszene hat, aber ich muss zugegeben, dass ich mich mit ihr bislang kaum beschäftigt habe. Aber genau dafür ist diese Reihe hier ja da, neue Gefilde kennenzulernen. Und tatsächlich beweist das meine Bildungslücke, denn Sadao Watanabe ist, wie ich lerne, einer der erfolgreichsten japanischen Jazzmusiker.

Deswegen kommt diese Folge auch eine Woche zu spät, denn ich fand es unangemessen, einfach was über die Musik auf diesem speziellen Album zu schreiben, ohne mir irgendein Wissen über Sadao Watanabe anzueignen. Zwar soll für diese Kolumne die jeweilige Musik im Vordergrund stehen, aber etwas Kontext gehört schon auch dazu. Deswegen habe ich in der vergangenen Woche viel japanischen Jazz gehört. Ich habe gelernt, dass Watanabe bis heute, mit über 90, auf der Bühne steht und eine schwindelerregende Karriere hinter sich hat. Er begann als Bebop-inspirierter Altsaxofonist bei der einflussreichen japanischen Pianistin Toshiko Akiyoshi und ging dann als junger Mann in die USA, wo er in Berklee studierte, insbesondere den Bossa Nova entdeckte und auf Augenhöhe mit den amerikanischen Jazzern spielte. Mit diesem Selbstbewusstsein im Rücken kehrte er nach Japan zurück und trug dort, wie ich lerne, die Hauptverantwortung dafür, dass japanischer Jazz nicht mehr nur als Imitat, sondern ernstzunehmende Kunst wahrgenommen wurde. Unzählige Aufnahmen, Radio Shows, musikpädagogisches Engagement und Kollaborationen mit diversen Größen machen ihn wohl zum Grand Seigneur des japanischen Jazz.
In seiner Karriere gibt es verschiedene Phasen, von Bebop über Bossa Nova zu archetypischem 80er Fusion und dann zu einer Menge Smoothjazz, mit ESC-tauglichen vokalen Balladen und allem möglichen Kram, den ich mir nur schwer anhören kann.
Aber im Alter kam er dann wieder mehr zum klassischen straight ahead Jazz zurück und ich dachte beim Hören die ganze Zeit, es handele sich um ein Album aus dieser Zeit. Aber tatsächlich ist Pamoja eine Live-Aufnahme von 1975. Für mich ist hier nicht hörbar, dass es sich um Japaner handelt. Es wäre ja auch die Frage, woran man das hören würde. Irgendwo kam mir unter, dass Sadao Watanabe auch dafür bekannt wäre, traditionelle japanische Musik und japanische Skalen in seine Musik einzubauen. Aber meine weiteren Recherchen zu dieser Information blieben stecken. Ich konnte keine Bestätigung dafür finden und keine Beispiele, wo wir eine Art Ethnojazz mit japanischen Anteilen hören würden. Dieses Album und auch viele der anderen Sachen, in die ich reingehört habe, klingen charakterstark und hochwertig, aber nicht exotisch oder so. Es handelt sich um ordnungsgemäßen, guten Jazz, wie er auch in den 60ern auf Bluenote hätte erscheinen können. Sympathisch finde ich, dass Watanabe oft lange im Hintergrund bleibt und seinen Mitmusikern viel Raum gibt. Das zeigt sich auch bei anderen Aufnahmen. Alle vier Songs auf dem Album haben sehr verschiedenen Charakter, von Ballade über Hardbop über eher heiter beschwingt bis hin zu etwas experimentell. Nein, Imitat kann ich hier wirklich nicht hören, einfach professionellen Jazz.
Bei meinen Recherchen bin ich übrigens noch auf einen tollen Sampler gestoßen, den ich den Lesern nicht vorenthalten will: WaJazz – Japanese Jazz Spectacle. Über mehrere Teile wird hier wirklich spektakulärer japanischer Jazz aus den 60er bis 80er Jahren vorgestellt, der absolut sprühend vor Einfallsreichtum und Energie ist und jede Menge 70er Jahre-Vibe verbreitet.
