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Pyramiden, Atlantis und Smaragdtafeln: Überraschendes zu Ägypten-Mythen?

Wahnsinnwissen-Redakteur Sebastian Bartoschek sprach mit der Ägyptologin Roxane Bicker über eines der dankbarsten Gebiete für besondere Behauptungen überhaupt: das alte Ägypten. Es ging um göttliche Könige, Atlantis, die Smaragdtafeln, angebliche Kraftwerke in Pyramiden und die Frage, warum die ziemlich gut erforschte Wirklichkeit offenbar manchmal nicht geheimnisvoll genug ist.

Fangen wir mit den Herrschern vor den Herrschern an. Mit Göttern vor Menschen. Tatsächlich gibt es ägyptische Überlieferungen, nach denen zunächst Götter über Ägypten herrschten. Ausserirdische?

Der Hintergrund ist weniger spektakulär: In der altägyptischen Religion gehörte die Herrschaft der Götter zur mythischen Vorgeschichte der Welt. Horus galt etwa als letzter göttlicher Herrscher, bevor menschliche Könige übernahmen. Eine Sintflut, außerirdische Besucher oder Wesen, die vom Himmel kamen und Menschen als Arbeiter einsetzten, gehören nicht zu dieser ägyptischen Geschichte.

Spannender ist eigentlich, wie aus Geschichte Mythos werden konnte. In Abydos wurden sehr frühe ägyptische Könige begraben. Jahrhunderte und Jahrtausende später verbanden die Ägypter diese alten Gräber mit Osiris. Aus der Erinnerung an längst vergangene Herrscher konnte so nach und nach religiöse Überlieferung werden. Dafür braucht es keine verlorene Hochkultur. Ein paar tausend Jahre Geschichte reichen offenbar völlig.

Ähnlich sieht es bei den berühmten Smaragdtafeln aus. Der ägyptische Gott Thot war unter anderem für Wissen, Schrift und Weisheit zuständig. Später wurde er mit dem griechischen Hermes verbunden. Daraus entwickelte sich die Figur des Hermes Trismegistos, der wiederum für die europäische und arabische Hermetik wichtig wurde.

Es gibt also tatsächlich alte hermetische Texte und eine sogenannte Tabula Smaragdina. Nur: Die heute im Internet beliebten „Emerald Tablets of Thoth the Atlantean“ sind etwas anderes. Sie gehen auf Maurice Doreal zurück, einen amerikanischen Esoteriker des 20. Jahrhunderts. Bei ihm landen dann Thot, Atlantis, Pyramiden und verborgenes Urwissen endgültig gemeinsam im Mixer.

Und dann ist da natürlich die Cheops-Pyramide. Sie soll je nach Theorie Kraftwerk, Wasseranlage, Resonanzmaschine oder eine Art Wettermaschine gewesen sein. Das Problem beginnt schon damit, dass sich solche Erzählungen fast immer auf genau diese eine Pyramide konzentrieren.

Dabei kennen wir mehr als 80 ägyptische Pyramiden. Und wir können ziemlich gut verfolgen, wie sich ihre Bauweise entwickelt hat: von älteren Grabformen über die Stufenpyramide des Djoser bis zu den großen Pyramiden von Gizeh. Dabei wurde ausprobiert, verbessert und gelegentlich auch ziemlich sichtbar danebengebaut. Die Knickpyramide heißt schließlich nicht deshalb so, weil die alten Ägypter besonders ausgefallene Architektur mochten.

Auch die Behauptung, die Cheops-Pyramide könne kein Grab gewesen sein, weil dort weder ein Sarkophag noch Inschriften gefunden worden seien, funktioniert nicht. Ein Sarkophag ist vorhanden. Was fehlt, ist die Bestattung – wie bei praktisch allen schon in der Antike beraubten Königsgräbern. Und auch Schrift gibt es: Unter anderem haben Bautrupps Markierungen hinterlassen, teilweise mit dem Namen des Cheops.

Hinzu kommt die Umgebung. Pyramiden standen nicht einsam in der Landschaft. Zu ihnen gehörten Tempel, Prozessionswege, Gräber von Beamten, Arbeitersiedlungen, Lager und Versorgungsanlagen. Archäologisch ergibt das ziemlich eindeutig einen Grab- und Kultkomplex. Für ein gigantisches altägyptisches Elektrizitätswerk fehlt dagegen ausgerechnet das Entscheidende: irgendein Beleg.

Das ist vielleicht der interessanteste Punkt des Gesprächs. Pseudoarchäologie funktioniert oft nicht dadurch, dass überhaupt keine echten Fakten vorkommen. Im Gegenteil: Eine alte Inschrift hier, eine Wasserspur dort, ein ägyptischer Mythos und ein später hermetischer Text können alle real sein. Das Problem beginnt, wenn man sie aus Jahrhunderten oder Jahrtausenden herausnimmt und zu einer neuen Geschichte zusammensetzt.

Die echte Geschichte ist komplizierter. Dafür hat sie einen Vorteil: Man kann zeigen, woher wir sie kennen.

Und manchmal ist es vielleicht sogar erstaunlicher, dass Menschen vor 4500 Jahren mit Steinen, Holz, Seilen und sehr viel Arbeit eine Pyramide bauen konnten, als anzunehmen, sie hätten dafür ein mysteriöses Kraftwerk gebraucht.

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