
Wer Gen Z faul findet, ist unfähig
Überall lese ich immer und immer wieder, wie schlimm es um die Jugend von heute steht. Das habe ich schon im Lateinunterricht gelesen, und daran hat sich nichts geändert. Vielleicht ist das der zeitlose Versuch der älteren Generation, ihren Platz nicht räumen zu müssen, wenn es darum geht, in Konkurrenz zu den Jungen zu treten.
Und so ist das aktuelle Gejammer bei der sogenannten Gen Z angekommen, den jungen Arbeitnehmern, die auf den Arbeitsmarkt strömen. Um direkt einmal das Klischee zu bedienen: Die wollen alle nicht arbeiten, die wollen alle nur frei haben, die sind faul. Denen geht Work-Life-Balance über alles.
Ignorieren wir erst einmal den Umstand, dass Work-Life-Balance in diesem Kontext immer falsch gebraucht wird, nämlich so, als gäbe es nur ein einziges Modell von Work-Life-Balance, in dem Work und Life nebeneinanderstehende disjunkte Bereiche sind, was in keiner Art und Weise der Faktenlage der Forschung entspricht, bleibt immer noch das Rumgejammer darüber, dass man eben nichts leisten wolle.
Nun mache man sich zunächst einmal klar, wer da eigentlich jammert. Es jammern diejenigen, die dieses Land dahin geführt haben, wo es jetzt steht: in sogenannter verantwortungsvoller Position, in verantwortungsloser Art und Weise ausgeübt. Ein infrastrukturell desolates und zerstörtes Land, das es mit kaum einem Staat der ersten Welt aufnehmen kann, in allen technologischen und gesellschaftlichen Debatten hinterherhinkt und in dem man, wenn man nicht gerade jemanden kennt, auf einen Facharzttermin, einen Werkstatt- oder Handwerkertermin und auf ganz viele andere Dinge Wochen bis Monate warten muss und sich dann noch in die Tasche lügt, dass es doch eigentlich irgendwie noch ganz gut geht.
Ich bin selber Arbeitgeber, und einige meiner Mitarbeiter und vor allem alle meine Praktikanten gehören zur Gen Z. Und ganz ehrlich? Ja, die sind anders. Anders als ich es bin, anders vielleicht als Generationen vor mir. Dem Deutschen ist nun das Wesen eigen, alles Andere erst einmal für schlecht zu halten. Das wiederum ist nicht neu, und so muss die Gen Z per se schon anecken.
Aber die Gen Z macht noch etwas anderes. Sie fordert von uns als Führungskräften ein, dass wir bereit sind zu lernen, dass wir bereit sind, Werte zu überdenken, dass wir bereit sind, uns zu fragen, ob das alles wirklich so sinnvoll ist, wie wir das in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemacht haben. Das ist natürlich für viele da draußen selbstwertbedrohlich, zumal für diejenigen, die befürchten, dass die Antwort darauf nicht gerade positiv ausfällt und sie weder die geistigen noch die fachlichen Kapazitäten haben, sich an Neues zu gewöhnen und alte Verhaltensmuster abzulegen.
Immer wieder tauchen dann irgendwelche unsinnigen Arbeitsethos-Gedanken auf, so, als gäbe es keinerlei Befunde dazu, dass gesunde Arbeitnehmer die besseren Arbeitnehmer sind und Gesundheit mehr ist, als dass einem keine Staublunge unter Tage droht, sondern es tatsächlich so etwas wie eine Psyche gibt, die in Mitleidenschaft gezogen werden kann und die durchaus von gewisser Relevanz ist.
Es war für mich eine neue Erfahrung, als mir Mitarbeiter anfingen vorzurechnen, wie viele Stunden sie jetzt schon geleistet haben oder wie viele sie noch leisten müssten und dass sie darüber hinaus diese Woche nichts mehr tun würden. Und was soll ich sagen? Sie schaffen ihre Arbeit trotzdem, obwohl sie den Stellenumfang machen, für den ich sie tatsächlich eingestellt habe. Überraschend? Das ist eine rhetorische Frage. Die Antwort ist natürlich nein.
Die Frage ist halt: Leite ich als Chef sie so an, dass sie in der Lage sind, sich auf ihre Arbeit zu committen? Gebe ich ihnen den Rahmen, in dem sie ihrer Tätigkeit mit eigenen Impulsen nachgehen können? Und vor allem: Gebe ich ihnen ein realistisches Zeitfenster, oder plane ich direkt schon das gefällige Machen von Überstunden in ihre Zeit ein?
Und dann wird es eigentlich spannend. Wenn ich denen das zugestehe, warum gestehe ich mir das selbst nicht zu?
Was ich auch bemerke, ist ein großes Bedürfnis zu verstehen, was man da eigentlich warum tut. Arbeit soll sinnvoll sein. Auch das ist keine neue Erkenntnis. Und vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an die Human-Relations-Bewegung.
Meines Erachtens kann natürlich jeder über jeden denken, was immer er will. Das ist in einer freien Gesellschaft so. Und so kann natürlich auch jeder Arbeitgeber der Meinung sein, dass sein eigenes Scheitern und das Scheitern seiner Branche und das Scheitern der Gesellschaft tatsächlich einfach und nur an den jungen Menschen liegt. Immerhin kommen dann nicht nur die Ausländer schlecht weg, die jung sind, sondern auch der ein oder andere Justus.
Am Ende des Tages sollten sich aber alle, die älter sind als die Gen Z, fragen: Wenn wir doch ach so geil sind, wieso liegt dieser Staat dann am Boden? Hat das wirklich alles nichts mit uns zu tun? Wieso geht es dem Klima so scheiße? Was war da im Ahrtal los? Wieso kriege ich keinen Facharzttermin? Wieso kriege ich für irgendwas keinen zeitnahen Termin? Wieso brauchen unsere behördlichen Anträge Wochen bis Monate? Warum funktionieren staatliche Großbauprojekte nicht? Warum ist die Rente nicht neu strukturiert?
Und ist das wirklich alles die Schuld der Gen Z?
(Sollte dieser Rant für Schneeflocken unter unseren Lesern zu hart sein: vielleicht einmal zurücktreten und sich fragen, wie das wohl für Angehörige der Gen Z sein mag.)



Ein Kommentar
Henning Jansen
Der Text sagt: Nicht die Gen Z ist das Problem, sondern die Älteren und ihre Fehler. Das ersetzt ein Vorurteil durch ein anderes.