
18 Jahre – Zeit, erwachsen zu werden
Der Name Curtis Yarvin dürfte nicht Vielen geläufig sein. Dennoch verfasste er vor 18 Jahren ein Manifest, welche Heute die Erlaubnisstruktur für das Handeln der US Regierung stellt.
Unser Gastautor Christopher Braucks blickt auf die Volljährigkeit eines Intellektuellen Pamphlets.
2008.
Die Odyssee Tony Sopranos war auserzählt und wir wurden mit Smartphones zurückgelassen.
Heath Ledger starb an einer Überdosis verschreibungspflichtiger Medikamente und hinterließ uns den Joker.
Leser lasen Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ oder Esther Hicks „The Law of Attraction“, Tänzer tanzten zu Katy Perrys „I kissed a girl“ und Kid Rocks „All Summer Long“, Hörer hörten Kanye Wests „808s and Heartbreak“ und Portisheads „Third“ und Facebooks Nutzerzahlen überstiegen zum ersten Mal die von MySpace.
Die „Yes We Can“-Kampagne Barack Obamas inspirierte Millionen Menschen inner- und außerhalb der USA, die Grenzen ihres eigenen Gestaltungsspielraums zu erweitern, während die Finanzkrise die Auswirkungen entgrenzter Kapitalspekulationen manifestierte.
Die damit einhergehenden inneren Monologe des 2008 noch als Demokrat registrierten Immobilieninvestors und Reality-Show-Stars Donald Trump interessierten die Weltöffentlichkeit ebenso wenig wie die damalige Verurteilung des Investmentbankers Jeffrey Epstein.
Vom 17. April bis zum 17. Juli 2008 erschienen auf „Unqualified Reservations“, dem Blog des pseudonymen Autoren Mencius Moldbug, die 14 Kapitel des 120.000 Worte starken Textes „An Open Letter to Open-Minded Progressives“.
Ein Manifest, das mit der Geste der Befreiung beginnt und mit der Logik der Unterwerfung endet.
Geschrieben für die, die bereits zweifeln, die bereits müde sind und die den leise nagenden Verdacht kennen, dass irgendetwas nicht mehr stimmt mit der Welt, in der sie aufgewachsen sind. Dass die Versprechen, die man ihnen gegeben hat, gebrochen wurden, womöglich von eben den Institutionen, denen sie vertrauen.
Für sie diagnostizierte Curtis Yarvin, der Mann hinter dem Pseudonym, dessen Selbstbeschreibungen sich nicht selten aus den Fantasy Universen von Star Wars („Sith Lord of the movement“) oder Herr der Ringe („dark elf“) rekurrieren, jene unsichtbare Allianz aus Universitäten, Leitmedien, zivilgesellschaftlichen Institutionen und politischen Apparaten, die im verwobenen Verbund das produzieren, was die Menschen für die Wahrheit halten.
Dieses elaborierte Konstrukt nannte er „Kathedrale“.
Ihre Unsichtbarkeit machte Yarvin zu seinem stärksten Beweis. Wer die Kathedrale nicht sieht, bestätigt damit nur, wie tief er in ihr gefangen ist.
Es ist das bekannte Denkmuster jeder Verschwörungserzählung von Rang: Das System ist perfekt, weil es sich selbst verbirgt. Die Wahrheit ist exklusiv, weil nur wenige stark genug sind, sie zu ertragen.
Yarvin macht seinem Leser das schmeichelhafteste Geschenk. Überlegenheit.
Nicht die billig-plumpe Überlegenheit des Stammtisches, sondern die vornehmere, die intellektuelle, die historisch unterfütterte Überlegenheit des Menschen, der durchschaut hat. Seine Leser sollen sich fortan als die begreifen, die weiter geblickt haben als ihre Zeitgenossen, als die, die mutig genug waren, die unbequeme Wahrheit zu empfangen.
Gleichzeitig immunisiert sich seine These gegen jegliche Kritik.
Wer einmal akzeptiert hat, dass alle Institutionen befangen, alle Medien korrumpiert und alle Universitäten tendenziös sind, hat gleichzeitig jeden externen Maßstab aufgegeben, an dem er Yarvins Behauptungen noch überprüfen könnte.
Und wie alle großen Verführungsschriften erzeugt es diesen eigentümlichen Sog, dieses Gefühl, endlich aus einem Zimmer herauszutreten, in dem man, ohne es zu merken, schon sehr lange eingesperrt war. Geschrieben von einem Mann, der weiß, dass die meisten Menschen einer neu geöffneten Tür nicht widerstehen können, ganz gleich, wohin sie führt.
Doch die meisten Menschen lasen seinen offenen Brief nicht.
Bis heute nicht.
Der Text zirkulierte im Verborgenen, in kleinen Kreisen, in Gesprächen, die kein Protokoll kennen und in Blogkommentaren, die nicht mehr auffindbar sind. In eben jener spezifischen Atmosphäre des frühen Internets, das noch glaubte, ein Ort des unzensierten Denkens zu sein.
Die Welt las nicht mit, als Yarvin schrieb, aber die, die lasen, verfügten über die Bereitschaft, aus Lektüre Konsequenz zu machen.
Geschult an Schriften rechts-identitärer Vordenker wie Guillaume Faye oder paläolibertärer Ökonomen wie Hans-Hermann Hoppe (dessen Buch „Demokratie. Der Gott, der keiner ist“ Yarvin selbst zu seinen Erweckungsmomenten zählt), verbreiteten Blogger wie Michael Blowhard und AnomalyUK Yarvins Gedanken mit ergriffener Begeisterung.
Arnold Kling sah in der Staatsverachtung eine Systemanalyse, machte eine im Entstehen begriffene Denkschule aus und nannte sie treffend „Neoreaktionismus“.
Treffend, weil in ihrem Kern die Rückkehr steht.
Rückkehr – nicht in eine historisch belegbare Vergangenheit, sondern in eine Vergangenheit, die so nie existiert hat.
Michael Anissimov intellektualisierte diese und verfasste „A Critique of Democracy: A Guide for Neoreactionaries“
Nick Land, der in Yarvins Metaphern die Architektur erkannte, die seinem eigenen wuchernden Denken abging, überführte sie in die Philosophie des „Dark Enlightenment“.
Was diese Männer etwa um 2010 schufen, war weder Partei, noch Organisation, noch Bewegung. Es war etwas Flüchtigeres und Beständigeres zugleich: ein Deutungsrahmen.
Eine Art zu sehen.
Eine Grammatik der Unzufriedenheit, die es erlaubte, das diffuse Unbehagen einer ganzen Generation von enttäuschten, gebildeten, tech- und technokratieaffinen Männern in eine kohärente – oder zumindest kohärent klingende – Weltanschauung zu übersetzen.
Ein grauer Spiegel, der die Realität so zeigt, dass sie unerträglich wirkt. Und ein Versprechen: Würde man dieser Realität das Licht nehmen, könne man sie von der Last der Gleichheit befreien und von der Schwerfälligkeit des Konsens erlösen. Damit am Ende die herrschen, die können – und nicht die, die gewählt wurden.
Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass es eben dieser Ansatz, Nationen wie militärisch schlagkräftige, ultra-profitable Unternehmen zu führen war, die ein paar Jahre später Männer wie Marc Andreessen und Peter Thiel aufhorchen ließ.
Sie sahen einen Denker, wo andere nur einen Provokateur erkannten und verstanden das Kalkül: Die Demokratie, die für diskreditiert erklärt wurde, verdient keinen Schutz mehr.
Diese Fraktion der Tech-Oligarchie, die ihre Milliarden längst für zu klein hält, um nur Milliarden zu sein, fanden in den Schriften eines obskuren Bloggers die philosophische Rechtfertigung für das, was sie ohnehin längst wollten.
Yarvin hatte ihnen die Sprache gegeben.
Sie hatten die Infrastruktur.
Was heute mit Blick in und auf die Vereinigten Staaten von Amerika als pseudo-politisches Chaos, als affektierte Improvisation, als tägliche Zumutung eines Mannes ohne Geduld für das Kleingedruckte der Demokratie erscheint, ist das Wirken einer Idee, die geduldig auf ihre Verkörperung gewartet hat.
Heute lesen wir alle Yarvin.
In neu geschaffenen Strukturen, die mit dem Gestus der Effizienz auftreten und mit der Logik der Demontage arbeiten.
Im Exekutivgewalt gewordenen Misstrauen gegenüber Institutionen.
In der Verachtung für demokratische Langsamkeit, die jetzt per Dekret regiert.
Curtis Yarvin hat 2008 den Quellcode für das Programm TRUMP2 geschrieben und kann den „reboot“ des Systems kaum abwarten.


