
Antikes Orakel entdeckt: 56 Antworten auf die Fragen des Lebens
Wer in der Antike vor einer schwierigen Entscheidung stand, konnte die Götter um Rat fragen. Dafür musste man nicht unbedingt das berühmte Orakel von Delphi besuchen. Auch Würfel, Lose und beschriftete Steine sollten helfen, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Ein archäologischer Fund aus der heutigen Türkei zeigt, wie systematisch solche Befragungen organisiert waren.
In der antiken Stadt Kibyra im Südwesten der Türkei wurde ein beschrifteter Steinblock untersucht, der aus der römischen Kaiserzeit stammt. Auf ihm sind 56 mögliche Orakelantworten überliefert. Die Inschriften geben Einblick in eine Form der Wahrsagerei, die als Astragalomantie bezeichnet wird.
Dabei verwendete man keine gewöhnlichen Würfel, sondern sogenannte Astragale: kleine Knochen aus den Fußgelenken von Tieren, meist Schafen oder Ziegen. Aufgrund ihrer unregelmäßigen Form konnten sie auf unterschiedlichen Seiten landen, denen jeweils bestimmte Zahlenwerte zugeordnet waren.
Für eine Befragung wurden fünf solcher Knochen geworfen. Aus den möglichen Zahlenkombinationen ergaben sich 56 unterschiedliche Ergebnisse, denen jeweils eine Orakelantwort zugeordnet war. Die Ratsuchenden konnten so anhand des Wurfergebnisses eine passende Inschrift auswählen.
Die Antworten waren nicht einfach nur Vorhersagen. Sie konnten Hoffnungen bestärken, vor Gefahren warnen oder zu bestimmten Verhaltensweisen raten. Damit bot das Orakel eine Art Entscheidungshilfe für Menschen, die sich mit unsicheren Lebenssituationen konfrontiert sahen.
Bemerkenswert ist, dass solche Verfahren ohne einen eigens auftretenden Propheten auskommen konnten. Die göttliche Botschaft wurde gewissermaßen durch ein festgelegtes Regelwerk vermittelt: Knochen werfen, Ergebnis bestimmen, Antwort lesen.
Der Fund macht damit auch deutlich, dass antike Wahrsagerei keineswegs ausschließlich aus ekstatischen Visionen oder geheimnisvollen Priesterritualen bestand. Manche Orakel funktionierten nach nachvollziehbaren, standardisierten Abläufen.
Ob die Ratsuchenden die Antworten tatsächlich als verbindliche göttliche Anweisungen verstanden oder eher als Anregungen für ihre Entscheidungen nutzten, lässt sich heute kaum feststellen.
Der Stein aus Kibyra zeigt jedoch eindrucksvoll, wie eng in der Antike Zufall, Religion und die menschliche Suche nach Orientierung miteinander verbunden waren. Wer eine Antwort wollte, musste zunächst die Knochen sprechen lassen.


