
Esoterik als Unterrichtsgegenstand?
Horoskope, Tarot, Numerologie: Esoterische Vorstellungen begegnen uns überall. Aber wo lernen Schüler*innen eigentlich, sie einzuordnen und ihre Wahrheitsansprüche kritisch zu prüfen? Gibt es dafür überhaupt einen Ort in der Schule? Diese Frage kam bei mir auf, weil ich mich seit einiger Zeit mit der Verbindung von Mathematik und Esoterik beschäftige – auch im Kontext der Lehramtsausbildung. In der Mathematik ist das ja erst mal nicht prioritär verortet (dazu später mehr). Wo wird eigentlich etwas systematisch über die Geschichte der Esoterik vermittelt, über ihre Formen, ihren selbst gesetzten Wahrheitsanspruch? Und wo wird mit esoterischen Weltbildern vor einem wissenschaftlichen Hintergrund aufgeräumt? In welchem Fach geschieht dies? Und warum ist das wichtig? Von unserem Gastautor Christian Spannagel.
Esoterik ist allgegenwärtig
Man muss nur einmal im Wartezimmer einer Arztpraxis irgendeine ausliegende Zeitschrift aufschlagen; mit ziemlicher Sicherheit findet man dort ein Horoskop. In den sozialen Medien werden massenhaft esoterische Inhalte verbreitet: Hexen zeigen dort beispielsweise unter dem Hashtag #witchtok ihre Rituale, und oft kann man gleichzeitig auch geeignete Steine oder Runen erwerben. Wenn man sich dafür interessiert, kann man seinen Feed locker mit Astrologie, Tarot, Manifestation, Heilsteinen, Numerologie, Aura Reading und Channeling füllen. Esoterik ist ein riesiger Markt, der höchst problematisch ist. Im harmlosesten Fall werden Menschen um einige Euro leichter gemacht. Im schlimmsten Fall sterben Menschen, weil sie denken, dass ein esoterisches Heilversprechen einer medizinischen Krebstherapie vorzuziehen ist. Natürlich sind auch Kinder und Jugendliche Zielgruppe esoterischer Akteur*innen. Sollten wir nicht mit ihnen esoterische Inhalte kritisch diskutieren? Und wenn ja, wäre nicht die Schule der geeignete Ort, an dem dies systematisch erfolgen müsste?
Esoterik in Lehrplänen?
Ich habe exemplarisch in den Lehrplänen von Baden-Württemberg recherchiert (unter anderem mit Hilfe von KI – bitte ergänzt und korrigiert gerne unten in den Kommentaren). Es gibt in den Bildungsplänen der Primarstufe keinen einzigen expliziten Bezug zu Esoterik. In den Lehrplänen der Sekundarstufe habe ich nur eine einzige explizite Erwähnung gefunden, und zwar in der Evangelischen Religionslehre Klasse 10:
Die Schülerinnen und Schüler können zu religiösen Gruppen (z. B. Psychogruppen, Esoterik) und Sondergemeinschaften einen begründeten Standpunkt einnehmen.
Ansonsten finden sich in den Bildungsplänen unterschiedliche Stellen, in denen Esoterik thematisiert werden kann, aber nicht muss (weil es nicht explizit erwähnt wird), wie beispielsweise in Ethik Klasse 5/6: “Mythologische, religiöse und wissenschaftliche Erklärungen von Mensch und Welt” oder in der Evangelischen Religionslehre Oberstufe: “Konsequenzen verschiedener Zugänge zur Wirklichkeit (Theologie und zum Beispiel Philosophie, Psychologie, Naturwissenschaft, Ästhetik, Ökonomie) für die Deutung menschlicher Erfahrung aufzeigen”.
Insgesamt ist Esoterik also anscheinend nur an einer einzigen Stelle explizit erwähnt. Problematisch dabei ist, dass diese eine Stelle in der Evangelischen Religionslehre Klasse 10 vorkommt, und zwar aus verschiedenen Gründen: Erstens ist das sehr spät. Zweitens betrifft das nur einen Teil der Schüler*innen (nämlich diejenigen, die den evangelischen Religionsunterricht besuchen). Und drittens, weil die Bewertung der Esoterik dort aus dem Blickwinkel der christlichen Religion vorgenommen wird und nicht – wie man erwarten sollte – vor einem weltanschaulich neutralen, wissenschaftlichen Hintergrund.
Ich habe nicht systematisch recherchiert, wie dies in anderen Bundesländern ist. Ich vermute stark, dass es sich nicht anders verhält. Wenn man querliest, findet man zum Teil Formulierungen wie “Kritische Auseinandersetzung mit Weltanschauungen”, die eine Behandlung der Esoterik sehr gut ermöglichen, aber es wird nicht explizit gefordert. Kommentiert gerne, wenn ihr Stellen kennt, die direkten Bezug auf Esoterik nehmen.
Esoterik in der konkreten Unterrichtspraxis?
Es gibt vermutlich genügend Stellen im Unterricht – beispielsweise im Ethik-, Deutsch- oder Geschichtsunterricht, in denen esoterische Ansätze kritisch behandelt werden können. Im Ethikunterricht könnten etwa Astrologie oder Tarot zum Anlass genommen werden, über unterschiedliche Weltanschauungen, Wahrheitsansprüche und die Frage zu sprechen, was eigentlich als gute Begründung für eine Behauptung gelten kann. Im Geschichtsunterricht bieten sich historische Strömungen wie Alchemie, Spiritismus, Theosophie oder Anthroposophie an – gerade dort, wo es um das Verhältnis von Religion, Wissenschaft und Gesellschaft geht. Im Deutschunterricht könnte man beispielsweise literarische Darstellungen von Magie, Okkultismus und Wahrsagerei untersuchen und mit den historischen Vorstellungen dahinter verbinden.
Auch im Internet findet man einige Materialen, zum Beispiel bei Lehrer Online eine Unterrichtseinheit zur Erstellung einer Wundertafel oder ein Video zu Okkultismus, Esoterik und Aberglaube: Magie. Neulich hab ich mir eine Materialsammlung zur kritischen Auseinandersetzung mit Okkultismus von W. Hund1 besorgt, und eben gerade bin ich über ein Themenheft aus dem Auer-Verlag zu “Sekten, Okkultismus, Esoterik”2 gestoßen. Aber so richtig viel findet man auch hier nicht, vielleicht noch ein paar PDF-Arbeitsblattsammlungen, die mehr oder weniger ansprechend gestaltet sind.
Vermutlich gibt es viele konkrete Beispiele aus dem Unterricht und auch Materialien, die ich hier nicht aufgeführt habe. Falls ihr etwas kennt, kommentiert bitte!
Esoterik im Mathematikunterricht
Das klingt jetzt abgespaced, ich weiß. Aber wenn man genauer hinschaut, ist es das nicht. Mathematik wird im Unterricht nicht isoliert vermittelt, sondern immer wieder in unterschiedlichen Anwendungskontexten betrachtet – von lebensweltlichen Fragestellungen bis hin zu Anwendungen in anderen Wissenschaften wie der Physik. Warum also nicht auch einen Blick auf ihre kulturellen und historischen Anwendungen werfen? Kann man nicht auch okkulte Anwendungen der Mathematik im Mathematikunterricht thematisieren? Was wäre das Ziel? Erstens sollen natürlich mathematische Kompetenzen erworben werden. Zweitens lernen die Schüler*innen einen kulturellen Anwendungsfall kennen. Und drittens könnten esoterische Inhalte gemeinsam kritisch hinterfragt werden. Mathematik bietet sich dafür sogar vielleicht besonders gut an, wie ich im letzten Beitrag angedeutet habe: Es lässt sich sehr gut der mathematische, logische und wissenschafliche Inhalt auf der einen Seite von der kulturellen, esoterischen oder religiösen Deutung auf der anderen Seite trennen.
Magische Quadrate sind beispielsweise ein etabliertes Thema im Mathematikunterricht der Grundschule. Man findet hierfür neben Seiten in Schulbüchern auch Arbeitsmaterialien im Netz, wie z.B. das Co-Sinus-Material der Universität Würzburg oder das Material “Besondere Zahlenquadrate” vom Berliner Bildungsserver. Weshalb sich also nicht auch mit den Kindern gemeinsam fragen, ob diese Quadrate wirklich eine magische Wirkung haben und warum Menschen so etwas geglaubt haben bzw. immer noch glauben? Warum nicht Numerologie im Mathematikunterricht behandeln, um zu klären, wo die Mathematik aufhört und wo (beliebige) numerologische Deutungen beginnen?
Im nächsten Semester gebe ich wieder ein Seminar für Lehramtsstudierende mit dem Titel “Mathematische Strukturen in Okkultismus und Religion”, um genau das mit meinen Studierenden zu diskutieren. Ich werde mit Sicherheit Überlegungen aus dem Seminar hier reflektieren und Ideen von euch mit ins Seminar nehmen.
Eure Perspektive
Mich interessiert sehr, welche Erfahrungen ihr aus der Praxis habt: Kennt ihr weitere Stellen in Bildungsplänen, in denen Esoterik, Okkultismus oder verwandte Themen explizit vorkommen? Gibt es Unterrichtsmaterialien oder Unterrichtseinheiten, die ihr empfehlen könnt? Und falls ihr selbst unterrichtet: Greift ihr solche Themen bereits auf – und wenn ja, in welchem Fach und auf welche Weise? Ich freue mich über Ergänzungen, Korrekturen und Beispiele in den Kommentaren. Vielleicht lässt sich gemeinsam ein etwas vollständigeres Bild davon zeichnen, welchen Platz Esoterik in der Schule heute tatsächlich hat – und welchen sie vielleicht haben sollte.
Christian Spannagel ist Professor für Mathematikdidaktik an der PH Heidelberg und interessiert sich für das Verhältnis von Mathematik und Esoterik. Seine Vortragstermine zu diesem Thema findet man auf mathmysteries.de


