
KI-generierte Wissenschaft: Wenn das Peer Review automatisiert wird
Künstliche Intelligenz erleichtert das Verfassen wissenschaftlicher Texte erheblich. Doch verbessert sie damit auch die Wissenschaft? Eine Untersuchung in der Fachzeitschrift Organization Science liefert Hinweise auf eine problematische Entwicklung: Seit der breiten Verfügbarkeit von ChatGPT ist die Zahl eingereichter Manuskripte deutlich gestiegen. Gleichzeitig gibt es Anzeichen dafür, dass die Qualität der Einreichungen darunter leidet.
Ein Forschungsteam analysierte 6.957 Manuskripteinreichungen und 10.389 wissenschaftliche Gutachten aus dem Zeitraum zwischen Januar 2021 und Februar 2026. Damit konnten Entwicklungen vor und nach der Veröffentlichung von ChatGPT miteinander verglichen werden.
Die Zahl der Einreichungen stieg im untersuchten Vergleichszeitraum um 42 Prozent. Gleichzeitig fanden die Forschenden zunehmend Hinweise auf KI-generierte Texte. Besonders stark KI-geprägte Manuskripte trugen nach ihrer Analyse wesentlich zum Anstieg der Einreichungen und zum Rückgang der gemessenen sprachlichen Qualität bei.
Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung bei den wissenschaftlichen Gutachten. Auch dort nahm der Anteil mutmaßlich KI-generierter Formulierungen zu. Diese Gutachten behandelten weniger unterschiedliche Aspekte einer Untersuchung und konzentrierten sich stärker auf theoretische Fragen als auf die empirischen Daten.
Damit könnte ausgerechnet das Verfahren unter Druck geraten, das die Qualität wissenschaftlicher Veröffentlichungen sichern soll: das sogenannte Peer Review. Dabei prüfen unabhängige Fachleute eingereichte Forschungsarbeiten auf wissenschaftliche Qualität, methodische Schwächen und die Tragfähigkeit ihrer Schlussfolgerungen.
Allerdings ist die Untersuchung auf eine einzelne Fachzeitschrift beschränkt. Zudem beruhen Aussagen über KI-generierte Texte auf automatisierten Erkennungsverfahren, die nicht fehlerfrei arbeiten. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht unmittelbar auf den gesamten Wissenschaftsbetrieb übertragen.
Hinzu kommt, dass steigende Publikationszahlen bereits vor ChatGPT ein Problem waren. Wissenschaftliche Karrieren hängen vielfach von der Menge veröffentlichter Arbeiten ab. Generative KI könnte diese bestehenden Anreize verstärken.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob KI wissenschaftliche Texte schreiben kann, sondern ob die wissenschaftliche Qualitätssicherung mit ihrer Produktionsgeschwindigkeit Schritt halten kann.
Redaktioneller Hinweis: Die Studie misst vor allem die sprachliche Qualität der Texte, nicht unmittelbar die wissenschaftliche Güte sämtlicher Forschungsergebnisse. Außerdem sind die 42 Prozent ein Anstieg der Einreichungen, nicht des KI-Anteils.


