
Random Jazz 10 – Pål Nyberg
In dieser Reihe höre ich Jazz-Alben. Zufällig ausgewählte Jazz-Alben. Und über die spreche ich dann. Dies funktioniert nicht wie der berühmte Blindfold-Test im Downbeat-Magazin, weil ich vorher weiß, was ich höre. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes hören werde. Es wird ein zufälliges Album aus einer Liste von ungefähr 700.000 Möglichkeiten auf Discogs sein.
Wenn der Musiker einen Kreis über seinem A hat und das Cover ein unscharfes Schwarzweißfoto zeigt und das Album „Lowlands“ heißt, dann hat man sofort ein Klischee im Kopf und wundert sich allenfalls, dass das Ganze nicht auf ECM erschienen ist. Aber ein norwegisches Label („AMP“) ist auch ok, und immerhin hat es drei Buchstaben. Die erste Überraschung ist dann, dass wir hier zehn Songs in 46 Minuten haben und nicht vier.

Und was wir hören, ist nicht völlig fernab von der erwarteten Nische. Das ist schon sehr nordisch, mit sphärischen Klängen und großer Ruhe und geringer Aufregung und gemäßigtem Tempo. Oft genug dachte ich, dies würde sich gut für einen skandinavischen Film eignen und man könnte jetzt jemanden sehen, der an einem Strand entlang geht oder an einem Tisch sitzt oder was Menschen in skandinavischen Filmen so machen, während sie nichts Aufregendes machen. Es wäre aber, dachte ich dann, nicht so ein ganz deprimierender Film und die Person würde nicht zehn Minuten lang am Strand gehen, ohne das etwas passiert, es würde auch mal ein bisschen lustig zugehen und die Probleme der Leute wären erträglich. Das meine ich nicht böse.
Es ist einfach so, dass diese Songs richtige Songs sind und nicht ausufernde Klangsphärenexperimente. Wir haben klare Songstrukturen und eingängige Melodien – manche davon zu eingängig und bodenständig für meinen Geschmack. Wir haben benutzerfreundliche Arrangements, die griffig und einleuchtend sind. Viel von dieser Musik würde wirklich gut in einem Film funktionieren. Ein paar Songs sind harmonisch ungewöhnlich, bestimmt eher was für Musiker als für normale Hörer, und deren Schrägheit spricht mich nicht an, weil es für mein Ohr nicht zu Spannung und Energie führt, sondern einfach nur nervig klingt.
Manches ist sogar ein wenig beschwingt, aber insgesamt geht es auf dieser Platte wie erwartet durchgehend ruhig bis einschläfernd zu. Dass ich für energiearme Musik wenig Verständnis habe, ist regelmäßigen Lesern dieser Kolumne bekannt. Dass das mein Defizit ist und nicht gegen die Musik spricht, habe ich auch schon klargestellt. Dennoch ist das hier ja bloß ein Experiment und keine stichprobenhafte Qualitätskontrolle. Also sage ich einfach, wie ich mich dabei fühle.
Aber: Je öfter ich das gehört habe, desto besser gefiel es mir. Oder sagen wir, desto stärker teilte es sich für mich in Songs, die ich richtig gerne mochte und solche, die mich nervten oder langweilten. Durch die Verwendung einer Bassklarinette kriegt diese Musik ein eigene Note, die aber manchmal auch was Folkloristisches hat – nicht meine Baustelle. Besonders mochte ich die Saxofonistin (Birgitta Flick). Wann immer das Saxofon auftauchte, wurde alles so herrlich kompakt und stimmig und bunt und erhielt geradezu eine Energieinfusion. Birgitta Flick werde ich weiterverfolgen.
Und das ist überhaupt der größte Erfolg für mich, bei diesem Experiment: Wenn ich neue Musiker entdecke, die ich weiterverfolgen will.


