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Warum die FIFA diesmal zu weit gegangen ist

Es ist der bisher größte Skandal dieser WM: Die FIFA hat die Sperre für den US-amerikanischen Stürmer Folarin Balogun für ein Jahr auf Bewährung ausgesetzt. Doch warum ist der Aufschrei diesmal so groß?

Um diese Frage zu beantworten, muss man berücksichtigen, wie diese Entscheidung zustande gekommen ist und das ins Verhältnis zur bisherigen Vorgehensweise bei vergleichbaren Entscheidungen setzen.

Wie diese Entscheidung zustande gekommen ist, lässt sich mittlerweile ziemlich sicher sagen: US-Präsident Donald Trump hat selbst bestätigt, dass er den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino angerufen und zu dieser Entscheidung gedrängt hat. Die FIFA macht auch nicht mal einen Hehl daraus, dass es überhaupt keine rationalen Argumente für ihr Handeln gibt, sie hat nämlich keinerlei Begründung dafür angegeben.

Balogun hatte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina die rote Karte gesehen, da er mit offener Sohle seinem Gegenspieler Tarik Muharemović auf den Knöchel getreten war. Das mag keine Absicht gewesen sein und man kann auch kritisieren, dass ein solches Vergehen ungeachtet der Intention immer mit einem Platzverweis und einer automatischen Sperre von mindestens einem Spiel bestraft wird, aber so sind nun einmal die Regeln. Wenn solche Regeln willkürlich aufgehoben werden, sobald der Präsident des Gastgeberlandes Druck auf die FIFA ausübt, dann wird offen zur Schau gestellt, dass die sportliche Integrität des Fußballs nicht nur beschädigt, sondern mittlerweile vollständig zerstört ist.

Schon der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo hatte von einer ähnlichen Sonderbehandlung profitiert, denn er wäre eigentlich in den ersten beiden Vorrundenspielen der WM gesperrt gewesen, doch auch in diesem Fall hatte sich die FIFA dazu entschieden, die Sperre zur Bewährung auszusetzen.

Das ist aber alles andere als ein normales Vorgehen. Es ist mehr als offensichtlich, dass bestimmte Spieler je nach ihrem eigenen Ansehen oder wie im Fall Balogun dem politischen Druck aus dem Gastgeberland bevorzugt werden.

Die FIFA hat damit die Büchse der Pandora geöffnet. Der englische Verband prüft derzeit die Möglichkeit, Einspruch gegen die Sperre von Jarell Quansah, der für ein ähnliches Vergehen wie Balogun die rote Karte gegen Mexiko gesehen hatte, einzulegen. Auch der französische Verband beantragte, eine unberechtigte gelbe Karte gegen Michael Olise annullieren zu lassen. Man darf gespannt sein, wie die FIFA begründen will, dass die Entscheidungen, die von den Schiedsrichtern auf dem Platz getroffen wurden, in diesen Fällen bestehen bleiben sollen.

Vollends lächerlich gemacht hat sich natürlich auch Donald Trump, der einerseits betonte, dass er sich sehr gut mit Sport auskenne, da er früher selbst ein guter Athlet gewesen sei und andererseits offen zugab, nicht einmal gewusst zu haben, dass eine rote Karte eine Sperre nach sich zieht. Zudem kündigte der US-Präsident an, in dem Fall, dass Balogun nicht spielberechtigt sein und die USA das Spiel gegen Belgien verlieren würden, dieses Spiel als manipuliert bezeichnen zu wollen – ebenso wie die Präsidentschaftswahl 2020, als Trump gegen Biden verloren hatte. Dieses Narrativ wird sich diesmal nur schwer verbreiten lassen. Im Endeffekt hat Belgien die USA auch mit Balogun souverän mit 4:1 geschlagen.

Fun Fact am Rande: Dass Balogun überhaupt für die US-amerikanische Nationalmannschaft spielberechtigt ist, liegt an der sogenannten „birthright citizenship“, die Trump abschaffen will. Babys, die auf US-amerikanischem Boden geboren werden, erhalten demnach automatisch die Staatsbürgerschaft. Im Fall von Balogun waren dessen Eltern eigentlich nur zu Besuch in New York City, wo er dann zur Welt kam. Auch einige andere wichtige Nationalspieler würden Trainer Mauricio Pochettino nicht zur Verfügung stehen, wenn das Geburtsrecht nicht mehr gelten würde, an dessen Abschaffung Trump lediglich der Supreme Court gehindert hat.

Auch die FIFA verstrickt sich in Widersprüche. Wenn eine Regierung Einfluss auf einen nationalen Fußballverband ausübt, wird dieser Verband von der FIFA suspendiert. Die FIFA müsste sich demnach selbst suspendieren, wenn sie ihre eigenen Regeln ernstnehmen würde. Wenn sie das tun würde, wäre es aber gar nicht erst zu diesem Skandal gekommen.

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