
Was eigentlich niemand mehr zu Ikkimel hören braucht – trotzdem aufgeschrieben
Seit nun einigen Tagen oder Wochen wird die aktuelle mediale Sau durchs Dorf getrieben: der Auftritt von Ikkimel im Morgenmagazin. Was war da los? Ich denke, das kann man an 101 anderen Stelle nachlesen, und das soll jetzt hier auch keine Auseinandersetzung in der Tiefe werden. Es soll hier nur auf ein paar Punkte, auf ein paar einzelne Dinge hingewiesen werden, die in der Debatte bisher eher nachrangig betrachtet wurden. Und was das mit den Kindern ist.
Zunächst einmal: Ikkimel hat Vollplayback gesungen. Voll. Playback. Das bedeutet, dass die Aufnahme von irgendeinem Datenträger komplett abgespielt wurde. Und normalerweise macht man mindestens einmal davor einen Soundcheck, indem man probiert, ob das halbwegs vernünftig klingt. Nun ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk weiß Gott nicht dafür bekannt, sich durchgängig an professionelle Standards zu halten. Aber man darf davon ausgehen, dass auch hier ein rudimentärer Soundcheck erfolgt ist und dass mit der Künstlerin durchaus die Länge des Tracks besprochen wurde. Damit war auch indirekt der Inhalt bekannt oder hätte zumindest bekannt sein müssen.
Man kann sich zudem fragen, wieso die Künstlerin ansonsten überhaupt vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingeladen wurde beziehungsweise mit welcher anderen Erwartungshaltung dies geschehen sein soll. Man kann also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Verantwortlichen beim ZDF sehr genau gewusst haben, was die Künstlerin dort performen wird. Insofern schreit alles danach, dass man es hier mit einem „kalkulierten Skandal“ zu tun hatte.
Dann wird mittlerweile viel darüber geschrien, ob denn niemand an die Kinder denkt. Die Kinder! Denkt denn niemand an die Kinder? Die ehrliche Antwort lautet: Nein. Niemand in Deutschland denkt an Kinder, außer dann, wenn man sie einmal alle paar Wochen braucht, um sich über irgendetwas aufzuregen. Kinder und erst recht Jugendliche sind in Deutschland scheißegal.
Wenn man über Kinder und Jugendliche spricht, dann meist, weil irgendetwas Schlimmes passiert ist oder irgendwer, so wie im vorliegenden Fall, glaubt, dass etwas Schlimmes passiert sei. Wenn es hingegen darum geht, Geld für Kinder und Jugendliche lockerzumachen, kann man sich recht sicher sein, dass niemand in der Politik oder in der erweiterten Gesellschaft ein besonderes Interesse daran hat. Und schaut man sich an, wer sich in den sozialen Medien jetzt am meisten empört, so darf man sich recht sicher sein, dass viele, wenn nicht sogar die überwiegende Mehrheit davon, diejenigen sind, die als Erste beim Ordnungsamt anrufen, wenn es ihnen auf dem anliegenden Kinderspielplatz zu laut ist. Oder gar dann, wenn Jugendliche abends noch auf einem Spielplatz sitzen, obwohl dies vom Gesetzgeber nicht ausdrücklich so gewollt ist.
Völlig absurd wird es aber, wenn man sich vorstellt, dass Kinder von sich aus den Fernseher, nicht einen Streamingdienst, einschalten, dort das öffentlich-rechtliche Fernsehen auswählen und dann das Morgenmagazin gucken, während ihre Eltern in dieser Zeit der Erwerbsarbeit nachgehen und deswegen kurzzeitig ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen. Heißt: Nein, kein Kind guckt von sich aus das Morgenmagazin. Und wahrscheinlich gibt es genau zwei Kinder in der Bundesrepublik, bei denen das die Ausnahme ist und die von ihren deutschtümelnden Ostdeutschland-Eltern eben doch allein vor das Morgenmagazin gesetzt werden.
Bei allen anderen darf man davon ausgehen, dass die Eltern neben ihnen saßen und jederzeit, wenn es ihnen denn so wichtig erschienen wäre, den Fernseher hätten ausschalten, umschalten oder was auch immer können. Und danach hätten sie das Lied für ihre Kinder einordnen können. Man darf sich darüber hinaus fragen, ob dasselbe bei Kindern geschieht, die frauenfeindliche Texte hören, sei es im Rap oder in klassischen Liedern, etwa denen von Howard Carpendale.
Aber das ist meist dann kein Problem, weil Frauenfeindlichkeit und sexistische Sprüche mit Blick auf Frauen für viele, zumal in Ostdeutschland, zum alltäglichen Selbstverständnis gehören und doch überhaupt nicht problematisch seien, weil man das in der DDR ja auch schon so gesagt habe. Wie das gerne in TikTok-Videos erklärt wird, und noch mehr mit veralteten Begriffen für schwarze Menschen.
Insgesamt erscheint es also so, als wäre nicht nur der angebliche „Skandal“ um Ikkimel inszeniert, sondern als würden sich nun auch diejenigen am lautesten aufregen, die außerhalb der sozialen Medien sonst einfach kein reales Sozialleben haben. Man kann als Medienvertreter diesen Leuten immer und immer wieder ein Ohr geben, ihnen ein Ohr leihen und sich dann wundern, wieso einem eben jenes so vollgeschrien wird.
Oder man lässt es einfach bleiben und ordnet es für sich sinnvoll ein.


