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JEIN: Profitiert die WM von mehr Teams?

Die WM 2026 ist die erste Fußball-Weltmeisterschaft, an der 48 Mannschaften teilnehmen. Mehr Teams bedeuten auch mehr Spiele und für die FIFA dementsprechend mehr Einnahmen. Doch wie stehen Fußballfans zur umstrittenen WM-Aufstockung?

Die Meinungen gehen hier auseinander, so auch bei unseren Autoren. Und so startet unser neues „JEIN“-Format, bei dem sich zwei Schreiberlinge unversöhnlich gegenüber stehen. Oder so.

Dafür – von Yannik Stracke

Dass sich viele deutsche Fans über die WM-Aufstockung aufregen, zeugt von einer gewissen Arroganz gegenüber kleineren Fußballnationen, die sich der deutsche Fußball eigentlich gar nicht mehr leisten kann.

Klar, im Gegensatz zu Italien ist es für Deutschland immer noch eine Selbstverständlichkeit, sich für jede WM-Endrunde zu qualifizieren und gegen Curaçao hat die deutsche Mannschaft die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern gleich im ersten Spiel ein kleines Ausrufezeichen gesetzt. Dabei war das Leistungsgefälle beider Mannschaften klar erkennbar und doch gab es eine Phase des Spiels, in der Curaçao realistische Chancen hatte, den Favoriten zu ärgern. Und sind es nicht genau diese Geschichten, die wir sehen wollen?

Wollen wir nicht sehen, wie die spanischen Stars um Lamine Yamal an einem 40-jährigen Torhüter aus der zweiten portugiesischen Liga verzweifeln? Katar ist kein Underdog, mit dem neutrale Fans sympathisieren, und doch hat Katar mit dem späten Ausgleich gegen die Schweiz schon für einen besonderen WM-Moment gesorgt. Ebenso die Kongolesen, die sich ein 1:1 gegen Portugal erkämpften.

Mannschaften wie Curaçao, Haiti, Kap Verde, die Demokratische Republik Kongo, Usbekistan, Jordanien oder den Irak bei einer WM zu sehen, bringt Abwechslung in eine Fußballwelt, in der zumindest auf Vereinsebene sonst immer dieselben Teams in den wichtigsten Wettbewerben antreten. In der Champions League haben Teams aus kleineren Verbänden kaum Chancen, überhaupt die Gruppenphase zu erreichen. Hier sieht man mal ein paar Spieler aus exotischen Ligen auf der großen Fußballbühne. Hier wird noch Raum für Sensationen geschaffen, denn jede Mannschaft, die sich für die WM-Endrunde qualifiziert, weiß: Ein Sieg kann schon zum Einzug in die K.o.-Phase reichen. Mit jedem Sieg schreiben die eben genannten Teams Fußballgeschichte und sorgen dafür, dass der Blick der Fußballfans mal nicht auf Mannschaften gerichtet ist, deren Spieler fast alle aus den europäischen Top-5-Ligen stammen.

Es ist genau dieses Fiebern mit den Underdogs, das dem Fußball heutzutage viel zu oft abhandenkommt, weil man bei den meisten Wettbewerben eh schon vorher weiß, welche Teams den Titel unter sich ausmachen.

Natürlich sorgt die Aufstockung der WM nicht dafür, dass die kleinen Teams automatisch auch weit kommen und sicherlich sind Kantersiege dadurch wahrscheinlicher geworden. Aber allein dadurch, dass eine weitere K.o.-Runde eingeführt wurde, spielt der Zufall wieder eine größere Rolle. Im Gegensatz zu den Vereinswettbewerben auf internationaler Ebene gibt es bei Weltmeisterschaften schließlich kein Hin- und Rückspiel. Mit viel Einsatz, taktischer Disziplin und dem nötigen Quäntchen Glück kann ein Fußballzwerg auch mal einen übermächtigen Gegner schlagen. Wenn eine Top-Nation einen schlechten Tag erwischt oder einen Gegner auf die leichte Schulter nimmt, kann sie auch mal früh rausfliegen. Das ist im Sechzehntelfinale deutlich wahrscheinlicher als in den Gruppenspielen des alten WM-Modells mit 32 Mannschaften.

Daher sage ich: Das Teilnehmerfeld mag aus deutscher Sicht zunächst ein wenig aufgebläht gewirkt haben, doch das Leistungsgefälle war in den meisten Spielen mit Beteiligung der WM-Neulinge nicht so groß wie befürchtet. Schon jetzt sorgt die Teilnahme der Teams, die sich zuvor sportlich nie qualifizieren konnten, für dringend benötigten frischen Wind. Mit den Chancen der Underdogs habe ich mich bereits in einem Artikel auseinandergesetzt.

Hinzu kommt: Womöglich wird die WM-Aufstockung erst im Sechzehntelfinale ihre wahre Wirkung entfalten. Mal sehen, wie viele „Fußballzwerge“ dann noch dabei sind und ob es mit diesem Modus vermehrt zu Überraschungen kommt.

 

Dagegen – von Sebastian Bartoschek

So, so, der Fußball, wenn nicht gar die gesamte Welt, profitiert davon, dass wir jetzt 48 Mannschaften beim FIFA-Spektakel dabei haben. So wird es zumindest behauptet, und der geschätzte Kollege Stracke führt hier ja auch das eine oder andere dazu ins Feld.

Ich finde es falsch. Und zwar gar nicht aus dem Grund, dass früher alles besser war und Fußball früher nichts mit Geld zu tun hatte und tralala und hopsasa. Wir schreiben immerhin das Jahr 2026.

Aber wenn man eine Auslese von 32 auf 48 Länder ausweitet, dann erhält man eben ein Drittel mehr Mannschaften, deren Leistungsniveau massiv heterogener ist. Die Idee, dass bei einer WM die Besten der Besten aufeinandertreffen, ist hinüber. Man kann jetzt natürlich irgendetwas von Völkerverständigung erzählen. Aber dann kann man auch direkt alle knapp 190 Staaten der Welt einladen. Wieso auch nicht? Warum sollte Italien weniger das Recht haben, an einer WM teilzunehmen, als Kap Verde? Und ist Usbekistan wirklich so viel besser als Dänemark?

Aber, wow, die Kleinen schießen jetzt auch Tore gegen die Großen. Nein. Doch. Oh. Die spielen halt Fussball, und haben, anders als die Großen eben manchmal dieses eine Spiel, bei dem sie sich komplett auspowern können. Den Luxus haben die Großen nicht, ihre Spieler haben teils wirklich harte Clubmeisterschaften hinter sich. Fußballmillionäre, die sollen sich nicht anstellen, höre ich jetzt schon die Rufe. Aber auch wenn man es nicht wahr haben will: auch die Kräfte des Stärksten sind irgendwann aufgebraucht. Man sieht das immer wieder gut bei den Olympioniken, die sich vier Jahre lang auf ihr Meisterstück vorbereiten und dann aus den verschiedensten Gründen über den Punkt sind. Wenn man das möchte, dann ist jede weitere Erweiterung eine tolle Idee.

Dazu kommt, dass eine Weltmeisterschaft immer auch davon lebte, in kurzer Zeit viele Emotionen zu bündeln. Das hat man jetzt kaputtgemacht, und man wird es auch zukünftig kaputtmachen, indem man einen Wettbewerb künstlich in die Länge zieht. Wer hat gestern gespielt? Wer spielt morgen? Wer hat da noch wirklich einen Überblick? Und wen interessiert es noch in der Breite?

Von der nachteiligen Situation für die Vereine, in denen viele Nationalspieler spielen, gar nicht erst zu sprechen. Und auch, wenn es niemand wirklich hören mag, wiederhole ich mich: Wie viel mehr muten wir den Sportlern eigentlich noch zu? Wie viele Verletzungen haben sie noch für die FIFA hinzunehmen?

Die Fehlentwicklung, die es schon in der Champions League der letzten Jahre gab, sollte nicht blind fortgeführt werden. Aber Infantino wird es schon regeln. Mit den nächsten 96 Nationen. Bestimmt.

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