
Dead Internet Theory: wie tot ist das alles?
Die Dead Internet Theory („Totes-Internet-Theorie“) sagt: Ein wachsender Teil dessen, was wir online sehen, stammt nicht mehr aus normaler menschlicher Kommunikation. Stattdessen prägen Bots, künstliche Accounts, KI-Inhalte und algorithmisch sortierte Feeds das Netz.
In ihrer starken Form behauptet die Theorie, das Internet sei längst weitgehend übernommen und werde gezielt gesteuert. Dafür gibt es keine belastbaren Belege. In der Forschung wird sie deshalb eher als spekulativer Deutungsrahmen behandelt. Interessant ist sie trotzdem, weil sie ein verbreitetes Gefühl aufgreift: Viele Menschen erleben das Netz heute als standardisiert, repetitiv und sozial entkoppelt.
Ganz unbegründet ist das nicht.
Ein wichtiger Bezugspunkt sind die Bad Bot Reports von Imperva, inzwischen Teil von Thales. Das sind regelmäßige Sicherheitsberichte eines Unternehmens, das große Mengen Web-Traffic auswertet. Solche Reports zeigen also nicht, wie viele Menschen auf Social Media „echt“ sind, sondern wie viel automatisierter Verkehr insgesamt auf Websites und Plattformen gemessen wird. Dazu gehören Suchmaschinen-Bots, Crawler, Scraper, Angriffe, automatisierte Abrufe und andere maschinelle Zugriffe.
Der Imperva Bad Bot Report 2024 kommt für das Jahr 2023 zu dem Ergebnis, dass 49,6 Prozent des weltweiten Web-Traffics von Bots stammten. Fast jede zweite Anfrage im Netz war also automatisiert. 32 Prozent des gesamten Traffics entfielen auf sogenannte Bad Bots, also Systeme, die scrapen, täuschen, manipulieren oder Schutzmechanismen umgehen.
Im Imperva Bad Bot Report 2025 setzt sich dieser Trend fort. Für 2024 werden 51 Prozent automatisierter Web-Traffic angegeben. Damit lag der maschinelle Anteil erstmals seit mehr als zehn Jahren über dem menschlichen. 37 Prozent aller Requests kamen von Bad Bots. Laut der begleitenden Kommunikation blockierte das Netzwerk im Jahr 2024 rund 13 Billionen bösartige Bot-Anfragen.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass jeder zweite Kommentar von einem Bot stammt. Web-Traffic ist breiter als soziale Medien.
Trotzdem zeigt das: Das Netz, in dem wir uns bewegen, ist technisch längst nicht mehr nur menschlich. Dazu passt, dass Deutschland im Report 2024 als eines der Länder mit besonders hohem Bad-Bot-Anteil genannt wird. In den dort erfassten Messzusammenhängen lag dieser Wert bei 67,5 Prozent. Auch das heißt nicht, dass „das deutsche Internet“ zu zwei Dritteln fake wäre. Es zeigt aber, wie stark automatisierte und bösartige Aktivität in einzelnen Bereichen geworden ist.
Hinzu kommt die soziale Ebene. Social Bots können Themen verstärken, Trends anschieben und Reichweite simulieren. Schon eine begrenzte Zahl solcher Accounts reicht, um Sichtbarkeit und Relevanz zu verschieben.
Dazu kommen KI-generierte Inhalte. Texte, Bilder, Stimmen und Profile lassen sich heute in großem Maßstab erzeugen. Ein Beitrag in AI & Society von Yoshija Walter aus dem Jahr 2024 beschreibt, wie künstliche Influencer in denselben Aufmerksamkeitsraum eindringen wie menschliche Akteure.
Aber Bots und KI erklären das Phänomen nicht allein. Plattformen formen auch die Sprache echter Nutzer. Wenn Erfolg Aufmerksamkeit bringt, werden Erfolgsgeschichten gezeigt. Wenn Wut Reichweite bringt, wird wütend formuliert. Wenn Zuspitzung belohnt wird, verschwindet Nuanciertheit.
So entsteht ein Selbstselektions-Effekt: Bestimmte Arten zu sprechen setzen sich durch, andere gehen unter.
Genau deshalb wirkt das Netz für viele Menschen nicht nur technisch, sondern auch sozial mittlerweile künstlich.
Der Survey The Dead Internet Theory: A Survey on Artificial Interactions and the Future of Social Media beschreibt das als Homogenisierung von Online-Räumen und als Folge von Plattformlogiken, bei denen Engagement oft wichtiger ist als Austausch.
Das Internet ist nicht tot. Aber ein wachsender Teil dessen, was wir dort erleben, ist keine spontane menschliche Kommunikation mehr. Es ist eine Mischung aus Menschen, Maschinen, Optimierung und Wiederholung.



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