
Es ist lächerlich, erster werden zu wollen
Gestern gab es ein unfassbares Spiel um Platz 3. bei der Fußball-WM der Männer. Wahrscheinlich war es gerade deshalb so ein gutes Spiel, weil es nicht um Platz 1 ging. Erster werden zu wollen ist lächerlich. Erster werden zu wollen diskreditiert alle Menschen, die den Sport lieben und den Sport selbst.
Ich sage das aus der Perspektive von jemandem, der seit fast 30 Jahren Kendo betreibt. Für uns Kendoka ist es immer sehr befremdlich zu sehen, wie die Fußball-Spieler die Schiedsrichter anschreien. Wenn im Kendo ein Kampfrichter eine Entscheidung trifft, verbeugt man sich und hält die Klappe. Das kann ein Außenstehender als unterwürfig interpretieren. In Wirklichkeit ist es Bescheidenheit. Sich zu ärgern, sich zu empören, sich zu erhöhen, wird den eigenen nächsten Angriff nicht besser machen. Besser wird er, wenn der Geist leer ist. Kendo zählt als eine der Zen-Künste. Und es geht darum, sein Ego zu überwinden. Machohafte Sportlerhärte hingegen handelt davon, sein Ego als Hebel für Erfolg zu nutzen.
Es gibt im Fußball diese Manier, sich verächtlich die Silbermedaillen vom Hals zu reißen. Und dann gibt es einige, die sagen, man sollte das nicht tun, aber in Wahrheit bewundern sie es doch. Bewundern die „Siegermentalität“. Nur Erster sein zählt. Es hat etwas Glorreiches, Erhabenes, dieses Streben nach dem strahlenden Sieg. Man könnte es vordergründig für demütig halten: Sich nicht zufrieden geben, nicht aufgeben.
In Wahrheit ist es aber nicht demütig. Es ist, im Gegenteil, ein Sich-gedemütigt-fühlen von der Niederlage. Es ist der Anspruch, Nummer eins sein zu müssen. Die Unfähigkeit, sich selbst als unzulänglich zu akzeptieren. „Ich will Nummer eins sein“ ist ein Satz, der zuallererst mit „Ich“ beginnt. Wenn das Ich keine Rolle mehr spielen würde, wenn es nur um die Sache ginge und nicht um den Erfolg, dann hieße es: „Jetzt soll der Ball in dieses Tor“. Dieser Moment, gegenwärtig, ist alles was zählt. Es ist egal, ob man vorher überlegen war. Es ist egal, ob man nachher doch noch verliert. Es heißt in Zen-Texten immer wieder, es soll „kein Haar dazwischen passen“. Zwischen den Geist, der die Lücke wahrnimmt, und die Bewegung, die den Schlag ausführt, die den Ball ins Tor schießt, soll kein haarbreit Zögern, Überlegen, Hadern passen. Keine Angst, kein Hoffen, kein Rachenehmen für ein vorangegangenes Tor oder Foul.
Die Frage, ob man erster ist, ist ein meterdickes Haar. Sie hat nichts mit dem gegenwärtigen Augenblick zu tun, sie hat nichts mit der Sache zu tun, sondern bezieht sich auf die Zukunft (Hoffen) oder die Vergangenheit (Erinnern). Ob man soeben erster wurde, ist genauso egal, wie ob man vor 20 Jahren einmalig irgendwo mit Glück erster wurde. Oder ob jemand anderes irgendwo anders irgendwann erster wurde.
Rein statistisch gesehen ist es absurd zu glauben, man könnte zufällig die beste Person sein. Wenn man mal ein Turnier gewinnt, dann nur, weil kein Besserer teilgenommen hat. Oder der Bessere gerade schlecht drauf war. Nächstes Jahr sind die Karten neu gemischt. Wenn es wertlos wäre, nicht erster zu werden, dann hieße das, dass alle Teilnehmer wertlos sind, bis auf eine einzige Ausnahme. Die ist statistisch gesehen fast schon zu vernachlässigen. Normalerweise wird man nicht erster. Man könnte die meisten ausladen, wenn das die einzige wichtige Frage wäre. Man könnte jeden Kreisligaverein schließen, jedem Kind auf dem Bolzplatz vom Fußballspielen abraten, denn die Wahrscheinlichkeit, dass es Weltmeister wird, geht gegen Null.
Die Mühen aller Beteiligten werden durch die Fixierung auf den Sieger abgewertet. Dann wertet man aber die Aktivität als ganze ab. Egal, ob es sich um Fußball handelt oder um Kendo oder irgendeine andere Kunst: Wer diese Sache liebt, der müsste jeden Moment davon lieben, der müsste jeden Moment anerkennen, in dem jemand irgendwo auf dem Planeten die Kunst ausführt. Nicht, dass sie in der Vergangenheit mal ausgeführt wurde, nicht, dass sie ausgeführt werden wird, sondern den Moment: Wenn jetzt ein Shinai formvollendet auf einen Men trifft, ist das (für uns Kendoleute): schön. Wenn England noch mal und noch mal nachsetzt und den Ball in einer eleganten Eruption schließlich im Netz versenkt, ist es schön. Das wird man sich viel eher noch mal anschauen als den Elfmeter, der nach 120-minütiger gegenseitiger Blockade vielleicht heute Abend das Finale entscheidet.
Der Sinn eines Turniers ist nicht, dass einer erster wird. In dem Moment, wo einer erster wird, kann er schon wieder anfangen, für das nächste Turnier zu trainieren und sich fragen, ob es nicht doch nur zufällig gute Form und etwas Glück war. Der Sinn ist, so hochwertige Gegner wie möglich zusammenzubringen, damit der beste Fußball (das beste Kendo, das beste …) wie möglich entsteht. Nicht aufzuhören, weiter zu üben, die Kunst zu einer höheren Stufe der Formvollendung zu bringen: Das ist interessant. Derjenige, der sich dafür interessiert, ob er erster wurde, weilt gedanklich erstens in der Vergangenheit und zweitens bei seinem Ego.


