
Gegen das Vergessen und für das freie Wort: Lesung zum Gedenken an die Bücherverbrennungen in Dortmund
Am 30. Mai 2026 versammelten sich rund vierzig Menschen im Platanenhain auf dem Dortmunder Hansaplatz, um an die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen zu erinnern. Der Ort war bewusst gewählt: Hier wurden 1933 öffentlich Bücher verbrannt. Letzten Samstag standen dort Menschen, die lasen, zuhörten und erinnerten. Allein dieser Kontrast war wirkmächtig.
Die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache sorgte für die organisatorischen Rahmenbedingungen der Veranstaltung. Unterstützt wurde sie außerdem vom Verein „Verbrannte Orte“, dessen Initiator Jan Schenck seit Jahren daran arbeitet, die Geschichte der Bücherverbrennungen sichtbar zu machen. Sein Engagement macht deutlich, dass die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen nicht nur in Berlin stattfanden. Sie ereigneten sich in zahlreichen Städten und wurden nicht allein von Parteifunktionären getragen, sondern auch von Nachbarinnen und Nachbarn, der Studentenschaft, Vereinsmitgliedern – von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Über den Online-Atlas des Projekts werden diese lokalen Erinnerungsorte dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht. Organisiert wurde die Lesung von der Autorin und Literaturpädagogin Heike Wulf, die sich seit Jahren für die Sichtbarkeit von Frauen in der Dortmunder Geschichte sowie für Frauen- und Kinderrechte engagiert. Gemeinsam mit weiteren Dortmunder Autorinnen und Autoren übernahm sie Patenschaften für verfolgte Schriftstellerinnen und Schriftsteller und stellte deren Leben und Werk vor.
Den Auftakt machte der Lyriker, Kinderbuchautor und „Flusspoet“ Thorsten Trelenberg mit einer Vorstellung des Dortmunder Schriftstellers Curt Bloch. Besonders beeindruckte ihn, dass Blochs Werk keine klassische Fluchtgeschichte erzählt. Während seines Verstecks im niederländischen Exil begann Bloch, kunstvoll gestaltete Hefte und Texte zu erstellen – laut Trelenberg ein „Hingucker Hoch Drei“. Nach dem Krieg ließ Bloch seine Arbeiten binden; lange Zeit standen sie unbeachtet in einem Bücherregal in den USA, bis sie von seiner Familie wiederentdeckt wurden. Trelenberg betonte die internationale Aufmerksamkeit, die Blochs Tagebücher inzwischen erfahren haben und würde sich nun „ein wenig daran machen, die Lanze für Curt Bloch zu brechen”.
Die Übersetzerin und Autorin Cornelia Franken widmete sich der Schriftstellerin und Pazifistin Annette Kolb. Ihre Entscheidung für diese Autorin begründete sie mit der aktuellen Bedeutung des europäischen Gedankens. Angesichts von Kriegen, politischen Spannungen und wirtschaftlichen Herausforderungen erscheine Kolbs Idee eines grenzüberschreitenden Europas heute aktueller denn je. „Verbrannt werden sollten Stimmen, aber diese Stimmen haben überlebt“, so Franken. Sie erinnerte daran, dass Bücher Räume für Widerspruch eröffnen und unabhängiges Denken ermöglichen. Unfreiwillig erhielt ihr Vortrag eine besondere akustische Begleitung: Über mehrere Minuten hinweg läuteten die Kirchenglocken der Umgebung so laut, dass sie die Lesung beinahe übertönten. Cornelia Franken ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken und setzte ihre Lesung unbeirrt fort. Fast hatte man den Eindruck, Annette Kolbs Stimme werde dadurch nur noch lauter hörbar. Die überzeugte Katholikin Kolb hätte den eigentümlichen Witz dieser Situation vermutlich sehr geschätzt.
Thomas Kade stellte anschließend die Schriftstellerin Gina Kaus vor. Kaus gehörte zu den Autorinnen, deren Werke bereits auf frühen Verbotslisten erschienen. Von ihr stammt der Satz, sie sei mit den anderen verfolgten Autorinnen und Autoren „nie in besserer Gesellschaft“ gewesen. Kade zeichnete das Bild einer erfolgreichen, durchsetzungsstarken Frau, die sich auch im amerikanischen Exil behaupten konnte – etwas, das vielen deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern nach der Emigration nur schwer oder gar nicht gelang. Gleichzeitig hinterließ seine Darstellung von Kaus ein wenig ein Geschmäckle. „Ein Genie war Gina Kaus sicher nicht“, so der Autor. Kade erwähnte Kaus´ zahlreiche Beziehungen und charakterisierte sie als eine Frau, die Dinge getan habe, „wie es in ihrer Zeit wohl selbst nur Männer taten“ – heute würde man sagen, er beschrieb sie abwertend als „man-eater”. Zwar gehören Beziehungen zu Männern zweifellos zu ihrer Biographie und wurden auch von Zeitgenossen hervorgehoben. Dennoch drängt sich die Frage auf, ob dadurch nicht erneut ein Narrativ reproduziert wird, das Gina Kaus auf etwas reduziert, das ihr nicht im Ansatz gerecht wird. Denn Kaus war weit mehr als die „umtriebige“ Frau, als die sie häufig dargestellt wurde. Sie gründete in Berlin eine pädagogische Zeitschrift sowie eine Beratungsstelle für Frauen aus sozial benachteiligten Schichten, beschäftigte sich intensiv mit Individualpsychologie und veröffentlichte zahlreiche sozialkritische Feuilletons, Rezensionen, Kurzgeschichten und Romane. Dass es gerade ein Mann ist, der hier eine Frau porträtiert, die sich bereits in den 1920er Jahren kritisch mit stereotypischen Geschlechterrollen auseinandersetzte, liegt wohl in der Natur der Sache – auf diesen männlichen Blick hätte man an der Stelle getrost verzichten können.
Den Abschluss gestaltete Heike Wulf mit einer Vorstellung der Lyrikerin Hilde Domin. Dabei war ihre persönliche Begeisterung für die Autorin deutlich spürbar. Wulf zeichnete Domins Weg vom Aufwachsen in einer ‚assimilierten‘ jüdischen Familie über die Flucht nach Italien bis hin zum weiteren Exil nach dem Erstarken des italienischen Faschismus nach. Besonders eindrucksvoll war ihr Verweis auf Domins berühmte Aussage: „Ich stand auf und ging heim ins Wort.“ Sprache erscheint bei Domin nicht nur als Ausdrucksmittel, sondern als Ort des Überlebens. Wulf erinnerte außerdem an Domins Überlegungen zum Schreiben, in denen sie drei Formen des Mutes beschreibt, den Schriftstellerinnen und Schriftsteller bräuchten: den Mut zum Sagen, den Mut zum Benennen und den Mut zum Rufen. Gerade diese Gedanken wirkten an einem Ort, an dem einst Bücher verbrannt wurden, bemerkenswert aktuell.
Mit dem Vortrag von Hilde Domin endete die Lesung. Zurück blieb die Erkenntnis, dass die Erinnerung an die Bücherverbrennungen weit mehr ist als ein Blick in die Vergangenheit. Sie erinnert daran, dass Freiheit des Denkens, Vielfalt der Stimmen und demokratische Debatten niemals selbstverständlich sind. Dass Menschen sich heute an den Orten der damaligen Verbrennungen versammeln, um genau jene Autorinnen und Autoren wieder hörbar zu machen, die einst zum Schweigen gebracht werden sollten, ist deshalb nicht nur ein Akt des Gedenkens. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass ihre Stimmen bis heute weiterklingen.
Weder die Ausstellung des Vereins „Verbrannte Orte e.V.“ in der VHS, die nun in das Max-Planck-Gymnasium Dortmund weiterzieht, noch die Lesung selbst wären ohne die vielen Menschen möglich, die sich seit Jahren ehrenamtlich für Erinnerungs- und Gedenkkultur einsetzen. Gerade in einem Jahr, in dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den 23. Mai, den Geburtstag des Grundgesetzes, unter das Zeichen des Ehrenamts stellte, wird deutlich, wie unverzichtbar dieses Engagement für unsere demokratische Gesellschaft ist. Überhaupt wurde an diesem Abend spürbar, dass Erinnerungskultur von Menschen lebt, die bereit sind, Zeit, Energie und oft auch persönliche Ressourcen einzubringen. Die Lesung war geprägt von dem gemeinsamen Anliegen, das freie Wort, die freie Meinung und eine offene Gesellschaft zu verteidigen – gerade in einer Zeit, in der demokratische Werte erneut unter Druck geraten.
Interessante Beiträge zum Thema:
Die pfälzische Zeitung „Die Rheinpfalz” beschäftigte sich 2017 in einem Artikel mit Hans Woelbing, der maßgeblich an der Bücherverbrennung in Dortmund beteiligt war und nach dem Krieg an seinem neuen Wohnort in Zweibrücken unerkannt Karriere machte.
https://www.rheinpfalz.de/lokal/zweibruecken_artikel,-treibende-kraft-bei-bücherverbrennung-_arid,992506.html
Hier der „Onlineatlas zu den Orten der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen 1933“, der aus der Arbeit des Vereins „Verbrannte Orte e.V.“ hervorgeht:
https://verbrannte-orte.de/


