
Heute haben wir verloren
Oft haben wir über die Demokratie geschrieben. Und auch darüber, wieso es ein Fehler war, in den Oblast Ostdeutschland zu investieren, ohne gleichzeitig darauf zu drängen, dass die Menschen dort bundesrepublikanische Demokratie verstehen.
Heute Abend erscheint es aber durchaus nicht verkehrt, einmal einen anderen Blick auf die Situation zu werfen. Auf den Kampf gegen die Antidemokraten. Auf den Kampf gegen Putins Vasallen.
Die einfache Wahrheit lautet – und sie gehört ausgesprochen:
Heute haben wir verloren.
Und seien wir ehrlich: Wir haben alle keine Strategie, die eindeutig funktioniert.
Meine Erfahrung ist, dass das auch deswegen so ist, weil wir irgendwann aufgehört haben, uns zu fragen, was eigentlich für dieses Land gut ist, und nur noch fragen, was eigentlich gegen die AfD hilft.
Russlands Statthalter in Sachsen-Anhalt, der AfDler Siegmund, hat es gerade selbst wieder einmal auf den Punkt gebracht, indem er in der ARD sagte, die AfD habe ein eigenes Programm gehabt, während alle anderen Parteien sich nur gefragt hätten, was die AfD macht.
Man muss Siegmund recht geben.
Seit einiger Zeit geht es an vielen Stellen nur noch darum, was die AfD macht, was sie stärker oder angeblich nicht stärker macht. Und in diesem fast schon fetischhaften Wahn rücken viele andere Probleme dieses Landes – die wahren, nicht die vermeintlichen – selbst in den Hintergrund.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns Demokraten noch bleibt. Wie viel Zeit noch bleibt, bis dieses Land wieder in eine Richtung kippt, von der die dann vermeintlich Unpolitischen und Überraschten zwölf Jahre später sagen, man habe nicht absehen können, wohin das Ganze führt.
Wenn man die ganzen Entwicklungen zusammenzieht, erscheint mir ein Zeitrahmen von drei Jahren nicht unwahrscheinlich. Das ist zwar nicht morgen. Das ist aber auch nicht in epischer Entfernung.
Muss es so weit kommen? Keine Ahnung.
Bisher sieht es nicht so aus, als würden die Menschen, zumal im Oblast Ostdeutschland, irgendetwas darauf geben, was Demokratie oder demokratische Tradition bedeutet.
Wozu wir aber drei Jahre hätten – hoffentlich mindestens drei Jahre –, wäre, Politik für Nicht-AfDler zu machen. Für Menschen, die ernsthaft an Lösungen interessiert sind. Für Menschen, die im Zweifel zwischen Hass und Menschlichkeit immer den rechtsstaatlichen Weg wählen.
Es gäbe viel darüber zu sagen, wie andere Medien sich mittlerweile positionieren und welche Relevanz sie dem Kampf gegen die AfD zubilligen – gerade im Vergleich dazu, wie sehr sie sich an linken Positionen abarbeiten.
Mit Linken war noch nie gut Staat zu machen. Mit Rechten war noch nie gut Staat zu machen.
Und der Liberalismus, das uneingeschränkte Recht des Einzelnen, eben auch seine Rechte gegenüber der Gemeinschaft, tritt immer stärker hinter einem Gemeinschaftsdenken zurück – wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen.
Der Kollektivismus erscheint unausweichlich. So oder so.
Aber nach der heutigen Wahl – das darf man an einem Abend wie diesem nicht vergessen – kommt die eindeutig größere Gefahr derzeit von der rechtsradikalen und rechtsextremen Seite.
Heute ist also die Zeit, diese Niederlage einfach einmal einzuräumen.
Und ab morgen sollte sich jeder fragen, was er für sich aus dieser Niederlage macht.


