
KI hat ein verzerrtes Bild vom Menschen
Können Sprachmodelle menschliche Befragungsteilnehmer ersetzen? Eine internationale Studie in Nature Human Behaviour kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Künstliche Intelligenz kann zwar manche statistischen Zusammenhänge menschlicher Eigenschaften nachbilden, unterschätzt jedoch die tatsächliche Vielfalt menschlicher Einstellungen und Präferenzen.
Die Forschenden um Fadong Chen verwendeten Befragungsdaten von 67.201 Menschen aus 74 Ländern. Anschließend ließen sie verschiedene Sprachmodelle Antworten dieser Personen simulieren. Untersucht wurden sechs wirtschaftlich relevante Eigenschaften: Risikobereitschaft, Geduld, Vertrauen, Altruismus sowie positive und negative Reziprozität.
Dabei zeigte sich ein systematisches Problem. Die simulierten Antworten waren häufig homogener als die tatsächlichen menschlichen Antworten. Individuelle Unterschiede wurden eingeebnet, extreme Ausprägungen unzureichend abgebildet.
Die Modelle konnten die Richtung bestimmter Zusammenhänge mit Alter, Geschlecht und kognitiver Leistungsfähigkeit in rund 78 Prozent der untersuchten Fälle reproduzieren. Bei kulturellen Zusammenhängen gelang dies dagegen nur in etwa 48 Prozent der Fälle.
Besonders aufschlussreich waren Verzerrungen durch gesellschaftliche Stereotype. So überschätzten zahlreiche Modelle prosoziale Eigenschaften von Frauen, etwa Altruismus oder Vertrauen.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Sprachmodelle nicht einfach menschliches Verhalten abbilden. Vielmehr reproduzieren sie teilweise gesellschaftlich verbreitete Vorstellungen darüber, wie Menschen angeblich sind.
Das ist ein grundlegender Unterschied: Was Menschen über sich selbst und andere schreiben, entspricht nicht zwangsläufig ihrem tatsächlichen Verhalten.
Die Studie bedeutet nicht, dass KI grundsätzlich kein zutreffendes psychologisches Wissen besitzt. Problematisch wird es jedoch dort, wo künstlich erzeugte Antworten als empirische Daten behandelt werden. Dann besteht die Gefahr, dass Forschende weniger die tatsächliche Menschheit untersuchen als ein statistisch geglättetes und kulturell verzerrtes Modell von ihr.


