Meinung

Nazis sind jetzt Wilde

Es ist ein neuer Trend in den rechtsradikalen Kommentarspalten zu beobachten: Von denen, die in der Lage sind, Fremdwörter zu benutzen und nicht ausschließlich per Deppensmiley kommunizieren, liest man jetzt öfter, dass sie sich als „Indigene“ bezeichnen. Etwa unter einem empörten AfD-Post bei Facebook, der Mütter mit Kindern auf einem Spielplatz zeigt. Als Kosmopolit ohne Angststörung versteht man zunächst nicht mal, worum es geht, bis klar wird: Die schiere Anwesenheit dieser Mütter im öffentlichen Raum wird kritisiert, da sie Kopftücher tragen.

Neben allerhand anderem offen rassistischem Unfug wird da gleich mehrfach gesagt, dass diese Nicht-Weißen (irgendwie ist es dann nämlich doch nicht mehr nur die Religion, sondern wieder die Hautfarbe) die „Indigenen“ verdrängen würden. Oder dass die „indigene Kultur und Tradition“ zu verschwinden drohe. Und das ist eine interessante Volte. Vielleicht werden solche Impulse aus Schnellroda in den sonst eher dumpfen Diskurs von rechts eingegeben, eine eigene Kreation des um Grammatik und Worte ringenden Tastaturmobs dürfte es kaum sein.

Es braucht eine gewisse Portion der Selbsterniedrigung, sich selbst mit einem Wort zu titulieren, dass aus progressiver Richtung benutzt wird, um genau jene Gruppen nicht-diskriminierend zu bezeichnen, die diese Leute traditionellerweise diskriminieren. Eigentlich könnten sie ja auch sagen: Wir, die Ureinwohner werden verdrängt. Oder noch schöner: Wir, die Wilden werden verdrängt. Und es brauchte über die Jahrhunderte ja auch mehr als genug Einfluss höherentwickelter Kulturen, um die hiesigen Barbaren so weit zu kultivieren, dass sie den Deppensmiley auf einer Tastatur finden.

Aber man muss auch anerkennen, dass dieser Dreh eine zumindest vordergründig clevere Wendung der linken Waffen gegen sich selbst bedeutet. Das ist die eine Sache, die den Populisten am rechten Rand ganz gut gelingt: Widersprüche in progressiven Diskursen zu erkennen und genau dort hineinzustoßen. Wenn es etwa um Flüchtlinge oder Transsexualität geht, identifizieren sie offene Fragen und fokussieren sich nur auf diese. Zwar ignorieren sie dabei alle anderen Aspekte und ziehen die unlautere Schlussfolgerung, dass dann jeweils das Gegenteil richtig sein müsse – aber die Lücke finden sie.

Und so gibt es eben auch eine argumentative Lücke, eine letztlich selbst rassistische offene Flanke, wenn es um den Umgang mit “Indigenen” geht. Bei den Diskussionen über Dreadlocks oder bei der US-amerikanischen Hochschulprofessorin, die zugeben musste, nicht schwarz zu sein etwa kommen wir an den Punkt, wo wieder Gen-Nachweise denkbar werden. Es gibt auch rassistische Tendenzen im linken Milieu (über hanebüchene Verallgemeinerung gewisser Erkenntnisse der Epigenetik) schwarzen Menschen eine biologisch fixierte erhöhte Schutzbedürftigkeit zu unterstellen.

Sich selbst als eine solche genetisch festgelegte, schützenswerte Minderheit zu inszenieren, ist zynisch, aber gewitzt. Ja, es gehört dazu, einen Teil der linken Argumentation anzuerkennen und sich selbst auf die vermeintlich niedrigere Stufe eines schwachen Opfers zu stellen. Aber es schlägt den ideologischen Gegner auf einem sehr begrenzten diskursiven Gebiet mit den eigenen Waffen.

Allerdings ist es eben nur ein rhetorischer Kniff, der bei näherer Betrachtung keine Substanz hat. Denn erstens liegen Linke eben genau da selbst falsch, wo sie Rechte oder Privilegien alleine an einer Gruppenzugehörigkeit festmachen wollen. Zweitens trifft die Behauptung, selbst eine unterdrückte Minderheit zu sein, ja von vornherein nicht zu. Sie ist eine Lüge. Natürlich können die Hysteriker Beispiele sammeln, bei denen einem weißen Deutschen etwas Schlechtes durch einen Fremden widerfahren ist. Aber das ändert nichts daran, dass die weiße deutsche Mehrheit im Schnitt in diesem Land wohlhabender, sicherer, mächtiger und insgesamt die dominierende und besser gestellte Personengruppe ist.

Dass die rassistischen Kommentatoren von dieser Besserstellung offensichtlich nichts merken, ist ein Problem, dass es anzuerkennen gilt. Die Situation in Deutschland ist nicht gut. Aber daraus folgt nicht, dass rassistische rhetorische Zynismen die Lösung wären.

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