
Jedes Land blamiert sich auf seine Weise
Als aufmerksamer Zuschauer der WM 2026, der auch die Geschehnisse abseits des Platzes verfolgt, ist mir etwas aufgefallen: In Momenten, in denen die eigene Mannschaft verliert oder unter strittigen Schiedsrichter-Entscheidungen zu leiden hat, blamiert sich jedes Land auf seine Weise.
Natürlich ist mir klar, dass die Reaktionen von Einzelpersonen wie Trainern, TV-Experten oder Politikern keine Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung des jeweiligen Landes zulassen. Jedoch denke ich durchaus, dass das, was Personen des öffentlichen Lebens in solchen Momenten öffentlich kundtun, etwas über die Kultur des jeweiligen Landes aussagt.
Dass z.B. US-Präsident Donald Trump erst mit seiner vermeintlichen Expertise im Sport prahlt, nur um dann im nächsten Satz offen zuzugeben, dass er nicht einmal wusste, dass eine rote Karte eine Sperre nach sich zieht, wäre wohl in den meisten anderen Ländern der Welt undenkbar. In den USA sind Baseball, Basketball, Football und Eishockey beliebter als Fußball.
Dass Donald Trump dann den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino anruft, sich über diese Sperre beschwert und damit auch noch durchkommt, sagt wiederum mehr über die FIFA aus als über die USA. Vermutlich hat die Rücknahme der Sperre für US-Stürmer Folarin Balogun erst den Nährboden für die Beschwerden der Ägypter nach deren Niederlage im Achtelfinale gegen Argentinien geschaffen. Der ägyptische Trainer Hossam Hassan missbrauchte während des Spiels sogar das neu eingeführte Symbol, mit dem rassistische Vorfälle gemeldet werden sollen, als er mit einer Entscheidung des Schiedsrichters unzufrieden war. Im selben Spiel reagierte er aggressiv auf einen Zuschauer, der eine israelische Fahne in den Händen hielt. Hassan hatte den ägyptischen Sieg gegen Australien dem palästinensischen Volk gewidmet. In Ägypten geht Palästina-Solidarität ähnlich wie in anderen Teilen der Welt oft mit Israelfeindlichkeit einher. Nach dem Spiel wurden antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet, die Israel für das vermeintlich zugunsten Argentiniens manipulierte Spiel verantwortlich machen.
Auch Nationaltrainer Hossam Hassan ist durchaus bekannt dafür, nach Niederlagen Verschwörungen gegen seine Mannschaft zu wittern. Als Ägypten im Halbfinale des diesjährigen Afrika-Cup gegen Senegal ausschied, behauptete er ebenfalls, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Ägypten hatte in diesem Spiel nur einziges Mal aufs Tor geschossen. Auch die Ballbesitzquote von 37 Prozent spricht für eine verdiente Niederlage.
Das Traurige am Umgang des ägyptischen Verbandes mit der Niederlage gegen Argentinien ist, dass so der Fokus von ihrer durchaus beeindruckenden sportlichen Leistung bei dieser WM gelenkt wird. Dass Ägypten so kurz davor war, Weltmeister Argentinien aus dem Turnier zu werfen, hätte vor dem Spiel kaum jemand für möglich gehalten.
Kaum für möglich gehalten hätten Fans und Experten hierzulande auch, dass Deutschland gegen Paraguay ausscheidet. Während nach diesem Sieg ein neuer Nationalfeiertag in Paraguay eingeführt wurde, machten die Paraguayer im nächsten Spiel gegen Frankreich sowohl auf als auch neben dem Platz keine gute Figur. Zwar erwiesen sie sich auch für die Franzosen als schwerer Gegner, doch sie gingen auch mit übertriebener Härte in die Zweikämpfe. Nach dem Spiel wurde in Paraguays Hauptstadt Asunción eine Puppe verbrannt, die den gegnerischen Torschützen Kylian Mbappé darstellen sollte. Dabei handelt es sich um einen traditionellen Brauch namens „Judas Kai“, der sich gegen die meistgehasste Person des Landes richtet.
Die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla sorgte gar mit rassistischen Beleidigungen gegen Mbappé für Empörung. Rassismus ist bekanntlich ein Phänomen, das weltweit zu beobachten ist und so ist es auch im Fußball: Wann immer eine große Fußballnation wie Deutschland, England, Frankreich oder die Niederlande bei einer EM oder WM früh ausscheidet, werden zuallererst die schwarzen Spieler zu Sündenböcken gemacht. In Deutschland richtete sich der Hass auf Social Media z.B. gegen Jonathan Tah, nachdem der Verteidiger den entscheidenden Elfmeter gegen Paraguay verschossen hatte.
Doch es lohnt sich, die Reaktionen auf das deutsche Ausscheiden mal genauer unter die Lupe zu nehmen, denn Deutschland ist in dieser Hinsicht ein interessanter Sonderfall. Natürlich gibt es hier auch den Schiedsrichter als klassischen Sündenbock, und obwohl ich kein Fan der Nationalmannschaft bin, will ich an der Stelle betonen: Sowohl beim Handspiel von Cucurella im EM-Viertelfinale gegen Spanien 2024 als auch beim aberkannten Tor von Jonathan Tah gegen Paraguay bei der diesjährigen WM wurde Deutschland tatsächlich durch Fehlentscheidungen benachteiligt. Insofern war die Aufregung in beiden Fällen sogar nachvollziehbar, wenngleich man hinterfragen sollte, warum sie sich im Fall von Cucurella so stark auf den Spieler fokussiert. Noch heute wird Cucurella von deutschen Fans ausgepfiffen, als ob er eine grobe Unsportlichkeit begangen hätte.
Viel interessanter wird es jedoch, wenn man den Fokus darauf richtet, welche Gründe in der deutschen Medienlandschaft für das schlechte Abschneiden der Nationalmannschaft angeführt werden. Bei der WM 2022 waren es die Diskussionen über die Zustände im Gastgeberland Katar und mögliche Protestformen, mit denen die DFB-Elf auf diese aufmerksam machen sollte. Nachdem die Regenbogenbinde durch die FIFA untersagt worden war, hatten sich die Spieler letztlich auf die Mund-zu-Geste geeinigt. Beim DFB hat man daraus eine Art Dolchstoßlegende kreiert, wonach die Mannschaft gar nicht an ihrem sportlichen Unvermögen, sondern der mangelnden Unterstützung aus dem Heimatland aufgrund von Boykottaufrufen sowie der Ablenkung der Spieler durch die politischen Diskussionen gescheitert ist.
Vier Jahre später gibt es nun einen neuen alten Sündenbock: Wie schon bei der WM 1994 wird die Anwesenheit von Frauen im Teamhotel für die schwachen Leistungen der Spieler verantwortlich gemacht. Ähnlich wie bei der Debatte um die richtige Protestform in Katar steht auch hinter dieser Kritik die Vorstellung, dass alles, was die Spieler ablenken könnte, ihrer Leistung schadet.


