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„Die Aussage ‚Sport ist politisch‘ langweilt mich“

Clara-Sophia Müller ist Journalistin, Sportsoziologin und lizensierte Kinder- und Jugendtrainerin. Sie schreibt als freie Autorin für die taz und die Jungle World. Im Gespräch mit Wahnsinnwissen ordnet sie die gesellschaftspolitischen Themen rund um die WM 2026 ein.

 

Mit welchen Themen setzt du dich als Sportsoziologin und Journalistin hauptsächlich auseinander?

Als Sportsoziologin sind für mich natürlich gesellschaftliche Trends wie zum Beispiel Body Positivity, Empowerment, der Gym- und Kampfsportboom sowie Essen und Sport als Religion spannend. In ihnen drängen sich klassische soziologische Fragen nach Ungleichheit, Ökonomie, Individualisierung, Subjektivierung, Leistung und Geschlechterverhältnissen geradezu auf. Soziologisch bin ich also zuerst an der alltäglichen Sportpraxis der Menschen und ihren Überzeugungen dazu interessiert und erst sekundär am Profi- und Spitzensport – wobei Letzterer natürlich der Referenzrahmen für den Breiten- und Individualsport ist. Aktuell wurden bei der Männer-WM beispielsweise allerlei Ideologien und gesellschaftliche Konflikte sichtbar, auch in der medialen Berichterstattung.

Im Grunde interessiert mich immer das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Körper, das im und durch den Sport vermittelt wird. Dabei gehe ich der Frage nach, wie darin Emanzipation möglich ist. Damit meine ich sowohl eine allgemeine gesellschaftliche Emanzipation als auch die der Frau. Journalistisch schreibe ich zum Beispiel über Deutschrap, Kampfsport, Gewalt, Antisemitismus und Feminismus. Zudem halte ich Vorträge zu Sportkritik und linker Sportpraxis – ein ziemlich unbekanntes Feld, zu dem ich ethnografisch geforscht habe. Ich habe quasi eine Dreifachrolle als Sportsoziologin, Journalistin und Sportlerin. Ich selbst komme aus dem Kampfsport und der Selbstverteidigung, bin auch als Trainerin aktiv und liebe den Sport einfach.

 

Wie bewertest du folgende Aussage: „Der Fußball ist politisch“? Kann man Sport und Politik überhaupt trennen und in welcher Hinsicht ist Fußball oder Sport im Allgemeinen politisch?

Die Aussage langweilt mich zugegebenermaßen etwas. Es gibt ja kaum noch jemanden, der die These „Sport bzw. Fußball ist politisch“ negieren würde – egal ob Verbände, Clubvorstände, Ultras, Antidiskriminierungsbeauftragte oder Politiker. Genau das ist das eigentlich Spannende: Das Machtkritische in dieser Aussage kann gar nicht mehr zur Wirkung kommen, weil sie mittlerweile zum integrierten Common Sense geworden ist und sich jeder den Begriff je nach eigenem Interesse auslegt. Die Anwendung der Aussage politisiert selbst und kann zunehmend Reglementierungen, Verrechtlichungen und Kontrolle im Sport im Sinne der eigenen Agenda legitimieren.

Aber im Grunde ist die Aussage „Sport ist politisch“ natürlich völlig richtig und der Dreh- und Angelpunkt von Sportsoziologie und Sportphilosophie. Früher war diese Feststellung ein machtkritisches Spiegelvorhalten des organisierten Sports gegenüber. Wenn zum Beispiel Ultras oder Feministinnen sagten: „Nicht unsere Kritik an der herrschenden Sportkultur und -organisation ist politisch, sondern die Strukturen selbst sind es – und das weisen wir nach.“ Es ging also darum, das Eigen- und Fremdbild geradezurücken, das durch die Ideologie vom angeblich „unpolitischen Sport“ verzerrt wurde.

Das Politische des Sports oder des Fußballs zeigt sich für mich als Soziologin aber nicht nur in der Finanzialisierung einer WM, der Inszenierung von Staatsoberhäuptern durch internationale Wettkämpfe oder im Rassismus auf den Tribünen – das passiert schließlich auch in anderen kulturellen Bereichen. Vielmehr sind das Zusammen- und Gegeneinanderspiel, die Regeln, die Spielpraxis, der Körper der Spielenden, die Kommunikation im Spiel, die Definition von Stärke, Schwäche und Leistung sowie die Massendynamik und Identifikation der Zuschauenden politisch.

 

Die FIFA wertet es z. B. nicht als politisch, wenn iranische Fans die Flagge der Islamischen Republik im Stadion zeigen. Nutzen sie dagegen die sogenannte „Löwenflagge“ des Schah-Regimes, wird das als politisches Symbol gewertet und von der FIFA untersagt. Was hältst du von dieser Auslegung?

Ich glaube nicht, dass die FIFA ernsthaft das eine Symbol als politisch und das andere als unpolitisch versteht. Für die FIFA ist schlicht entscheidend, wer gerade ein Land regiert – egal, ob diese Herrschaft die Menschenrechte und sportliche Werte konstant verletzt oder in sich brüchig ist. In den letzten Jahren stand das islamistische Regime ja immer wieder massiv unter Druck. Die Mullahs setzen ihre Macht und Herrschaft militärisch gegen die eigene Bevölkerung durch und befinden sich im Krieg mit Israel und den USA. Für die FIFA, die am liebsten ausgeglichene Machtverhältnisse in stabilen Staaten sieht, ist diese Realität zwar ungünstig, letztlich aber sekundär.

Wer die Macht hat, dessen Symbole gelten als national und legitim. So kann das Hausrecht der FIFA geltend gemacht und ein reibungsloser Ablauf der WM durchgesetzt werden. Die Herrschaft der Mullahs verlängert sich also ganz konkret in die WM hinein. Plötzlich gilt die islamistische Flagge als unpolitisch, während die Symbole der Opposition als politisch eingeordnet und verboten werden. Die Anwendung des Begriffs „politisch“ ist hier also selbst hochgradig politisch.

Spannend finde ich, dass doch ein wahrer Kern in der Aussage steckt, die Fahnen und Demonstrationen der Opposition seien politisch. Denn die ungewollten Fahnen und Proteste der Schah-Anhänger – aber auch der Gruppen, die sowohl gegen das Schah-Regime als auch gegen die Mullahs sind – bringen ja erst das Element des Konflikts, des Streitens und damit der Politik ins Stadion. Wie so oft liegt also etwas Wahres und etwas Falsches in dieser ideologischen Auslegung.

 

Es wurde auch von manchen Kritikern der Islamischen Republik der Ausschluss der iranischen Mannschaft von der WM gefordert. Immer wieder wird ein möglicher Ausschluss aus der FIFA, aber auch aus anderen Sportverbänden, auch in Bezug auf Israel diskutiert. Zurzeit ist bekanntlich Russland von allen Wettbewerben der FIFA und UEFA ausgeschlossen, bei den Olympischen Spielen sollen russische Sportler aber demnächst wieder teilnehmen dürfen. Was hältst du von solchen Ausschlüssen im Allgemeinen und wie würdest du sie im konkreten Fall der genannten Länder bewerten?

Angesichts dessen, dass die Sportverbände historisch alle möglichen Diktaturen und Autokratien hofiert haben, stellt sich die Frage, inwiefern solche Ausschlüsse rein symbolpolitisch oder wirklich glaubhaft sind. Dass jetzt dem internationalen, wirtschaftlichen Druck nachgegeben und Russland sukzessive wieder integriert wird, verstärkt diese Grundsatzfrage. Es werden dabei ja die eigenen Entscheidungen für den Ausschluss zurückgenommen, obwohl sich die Gründe dafür nicht geändert haben: Der Angriffskrieg von Putin auf die Ukraine und die Zwangseingliederung ukrainischer Sportverbände dauern schließlich an.

Vielleicht entwickelt sich da auch ein kultureller Wandel, Ausschlüsse generell infrage zu stellen und einfach alle unterschiedslos teilnehmen zu lassen – im Sinne von: Der Stärkere, Mächtigere und Durchsetzungsfähigere nimmt eben teil und gewinnt. Das ist aus meiner Sicht weder begrüßenswert noch sicherheitstechnisch unproblematisch. Wenn man aber Ausschlüsse verhängt, dann muss mit gleichem Maß gemessen werden. Auch die konkrete und individuelle Situation der Sportler ist dabei ausschlaggebend, über die ja entschieden wird.

Es ist bemerkenswert, dass der Iran mit dem Land Krieg führt, in dem er die WM bestreiten konnte. Würden die Wettkämpfe im Iran stattfinden, wäre klar, was mit der Mannschaft, dem Kader und den Funktionären des Gegners passieren würde. Das Mullah-Regime verletzt systematisch die Ethik-Codes, die Statuten und die sportlichen Werte des Internationalen Olympischen Komitees, der FIFA und anderer Sportverbände. Das Regime tötet und bedroht eigene regimekritische Spitzensportler, verbietet ihnen, gegen israelische Athleten anzutreten, oder in Länder zu reisen, die von den Mullahs als feindlich eingestuft werden. Sportler werden zu vorgetäuschten Niederlagen gezwungen, Frauen haben Stadionverbot und müssen strenge Kleidervorschriften befolgen. Aktivistinnen werden verfolgt, und die Geschlechtertrennung im Sport ist total. Zudem sitzen in den nationalen Sportverbänden Funktionäre der Revolutionsgarden. Die internationalen Verbände nehmen im Fall Iran scheinbar ihre eigenen Regulaieren nicht ernst. Mit der Teilnahme konnte sich das islamistische Regime bei der WM international inszenieren, während die Opposition im Land auf ein frühes Ausscheiden der Mannschaft hoffte und demonstrierte. Ein Ausschluss Irans hätte die Opposition aktiv unterstützt und wäre von ihr getragen worden. Das ist ein Indikator für die Wirksamkeit von Ausschlüssen. Wie sich das bei Russland verhält, wäre zu prüfen.

Bei Israel liegen keine Verletzungen der Verbandsregularien vor. Die israelischen Militärstrategien entsprechen weder einem Angriffskrieg noch einem Genozid. Israel ist ein demokratischer Staat und verweigert sich nicht sportlichen Wettkämpfen mit anderen Ländern, sondern wurde historisch vielfach von diesen ausgeschlossen – bis heute. Ich habe diese Historie und die Begründungen gemeinsam mit Alex Feuerherdt in einer Podcastfolge von „Sportlich, Kritisch, Stabil“ zu Antisemitismus im Sport aufgezeigt. Da greifen ganz klar Doppelstandards, Dämonisierung und Delegitimierung.

 

Es sind einige neue Regeln im Zuge dieser WM eingeführt worden, darunter auch die Regel, dass Spieler, die ihren Mund verdecken, mit einer roten Karte vom Platz gestellt werden. Denkst du, dass diese Regel ihren Zweck erfüllt, diskriminierende Äußerungen von Spielern zu unterbinden?

Ich habe selbst in der Antidiskriminierungsarbeit im organisierten Sport gearbeitet und kenne verschiedene Strategien. Dabei bewegt man sich stets in einem Spannungsfeld zwischen Antidiskriminierungsprävention bzw. -bekämpfung und einer zunehmenden Verreglementierung des Fußballs und einem erhobenen Zeigefinger. Auf der einen Seite ist es absolut notwendig, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und andere Formen der Diskriminierung im Sport zu thematisieren und Verstöße konsequent zu ahnden. Affenlaute im Stadion sind nicht hinnehmbar. Gerade die kollektive Identifikation des Publikums mit der eigenen Mannschaft bietet ein Einfallstor für solche Abwertungen der Gegner.

Auf der anderen Seite kann es nicht die Lösung sein, präventiv jede Regung, jeden Affekt und jeden emotionalen Ausfall in Schach halten zu wollen. Das führt zu einer Kontrollspirale für Spielende sowie Fans – mit Videoüberwachung, bald vermutlich auch dem Aufzeichnen von Traineransprachen in den Kabinen und eben solchen Regeln wie der Roten Karte für das Zuhalten des Mundes. In dieser Geste steckt ja gewissermaßen eine Komik der Selbstzensur. Dass selbst das geahndet wird und nicht das Gesagte selbst, hat etwas Absurdes. Man wird die Menschenfeindlichkeit auf diese Weise wohl kaum aus dem Fußball verbannen. Sie wird sich immer wieder zeigen, weil sie ja gesellschaftlichen Ursprung hat.

Diskriminierung ist übrigens in den unteren Ligen sehr viel verbreiteter als im Spitzen- und Profisport, wo die Akteure konstant im Fokus der medialen Öffentlichkeit stehen. Manchmal entsteht sogar der Eindruck von Gesinnungsprüfungen, wenn sich Sportlerinnen und Sportler zu allem Möglichen positionieren sollen. Ihre Arbeit wird teils politisch überfrachtet. Solange sie nicht nachweislich gegen Regularien verstoßen, würde ich von noch mehr Kontrolle, Vorschriften und Reglementierungen Abstand nehmen. Stattdessen sollte man das konkrete Erleben von Werten und der Gemeinschaft im Sport fördern.

Im Fall von Marie-Louise Eta, der ersten Co-Trainerin in der Männer-Bundesliga, hatte ich ebenfalls den Eindruck einer zunehmenden ideologischen Politisierung des Sports. Auf sie wurden die eigenen gesellschaftlichen Sehnsüchte projiziert, ohne sie selbst zu fragen, ob es für sie überhaupt ein großes Thema ist, die erste Frau in dieser Position zu sein. Das Ganze wurde dermaßen überhöht und gefeiert, dass am Ende genau das Gegenteil von dem eintrat, was man eigentlich bezwecken wollte: Sie wurde dadurch erst recht wieder nur auf ihre Rolle als Frau in einem vermeintlichen „Männersport“ reduziert.

 

Auch in der Berichterstattung über die deutsche Mannschaft ging es nicht immer nur um sportliche Themen. Ein Thema, über das viel berichtet wurde, sind die evangelikalen Ansichten von Felix Nmecha. Du hast ein Video gepostet, in dem du den Fokus von Sportjournalisten auf evangelikale Christen kritisiert hast. Magst du das etwas genauer ausführen?

Grundsätzlich sind Glaube, Aberglaube und Ideologien immer Themen im Sport, insbesondere im Profisport. Beten und Rituale werden für Sportlerinnen und Sportler vor allem dann wichtig, wenn sie sich in Situationen mit hoher Unsicherheit, Risiko und Stress befinden und der Ausgang des Wettkampfs von existenzieller Bedeutung ist. Sie versuchen dann, den emotionalen Beistand einer höheren Macht zu suchen und das Schicksal abzugeben, um den individuellen Druck herauszunehmen. Man könnte grundsätzlich die Frage stellen, inwiefern der kapitalistische Leistungsfußball die Spieler, die ja selbst eine Ware sind, dazu verleitet, zu ideologisieren. Natürlich spielen auch familiäre sowie kulturelle Herkünfte und Prägungen eine Rolle. Dass ein betender Spieler in diesen Momenten das primäre Ziel hätte zu missionieren, ist phänomenologisch eine falsche Annahme. Da muss man differenzieren.

Kritisierbar ist es hingegen, wenn sich Profifußballer mit großer medialer Reichweite aktiv religiös-fundamentalistisch positionieren. Das haben Nmecha und auch Rüdiger getan. Unbestritten sympathisiert Nmecha mit evangelikalen Christen, die für queere und homosexuelle Lebensformen nicht viel übrig haben. Er teilte und likete deren Beiträge und ist Teil des Netzwerks „Ballers in God“. Darüber kann und muss man kritisch berichten.

Ich kritisiere jedoch eine unverhältnismäßige und politisch gefärbte Berichterstattung. Für mich entsteht bei manchen Journalisten eher der Eindruck einer eigenen Betroffenheit im Sinne eines Haltungsjournalismus.

Ich sehe keine handfesten Beweise für den Alarmismus, dass fundamentale Christen über den Fußball eine reale Gefahr für die breite demokratische Gesellschaft darstellen würden. Auch fehlen mir die Belege dafür, dass in den Nachwuchsleistungszentren (NLZ) aktiv missioniert wird. Als ich in den NLZs der Bundesländer als Bildungsreferentin gegen Diskriminierung im Sport gearbeitet habe, fiel mir Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung vielmehr seitens Muslimen auf. Dort gibt es antisemitische muslimische Trainer – und zwar nicht wenige.

Die Gefahren, die von religiösen Fundamentalisten ausgehen, werden in den Medien oft nicht so dargestellt, wie sie real in der Gesellschaft existieren. Das ist kein Whataboutism meinerseits, sondern folgt dem soziologischen Ansatz, Phänomene gemäß ihrer tatsächlichen gesellschaftlichen Bedeutsamkeit journalistisch einzuordnen, statt sie singulär aktivistisch hochzupushen.

 

Du hast in diesem Zusammenhang auch Antonio Rüdiger erwähnt. Wie bewertest du die Debatte um ihn im Vergleich zu Felix Nmecha?

Antonio Rüdiger hat damals extra einen eigenen Social Media Beitrag erstellt, in dem er sich in Gebetspose und -bekleidung inszeniert, in der es nicht üblich ist, den Tauhidfinger nach oben zu strecken. Ihm muss bewusst gewesen sein, dass das Zeichen mittlerweile salafistisch geprägt ist und gezeigt wird, um agressiv zu missionieren, religiösen Krieg zu predigen sowie nach islamistischen Terroranschlägen. Der Beifall von Islamisten und die über 2 Millionen Likes haben gesellschaftlich eine ganz andere Wirkkraft als Nmechas Bekundungen.

Die Statements beider Spieler fallen schlichtweg auf unterschiedliche gesellschaftliche Nährböden und das müssen Journalisten einordnen.

Im Namen des Islams werden aktuell Kriege geführt, Terrorattentate begangen und massiv die Menschenrechte verletzt. Im Namen des Islams haben Staaten Vernichtungsideologien in ihrer Verfassung stehen. Es gibt keinen vergleichbaren christlichen Staat oder Bedrohung. Allein die offene Auseinandersetzung zwischen Trump und dem Papst zeigt, wie unwahrscheinlich so etwas ist. 

Fundamentalistische christliche Überzeugungen sind kein gefährliches breites Problem im Amateurfußball, auf Schulhöfen oder der Straße. Ich wüsste auch nicht von einem Phänomen, dass Christen im Sport auf die Geschlechtertrennung oder auf bestimmte Kleidungsvorschriften pochen. Ich wüsste nicht von christlichen Spielern, die aus religiösen Gründen die One-Love-Armbinde ablehnen, wie Gündogan und Rüdiger. Ich wüsste nicht davon, dass Nmecha mit seinem Post möglicherweise Millionen christliche Jugendliche abholen könnte, die sich radikalisieren und von terroristischen Netzwerken rekrutiert werden könnten. Ich wüsste nicht von christlichen Staaten, die an der WM teilnehmen, die systematisch Frauen unterdrücken. All das passiert in Deutschland nicht durch die Religion, von der das Land geprägt ist.

Wenn die postmodern geprägten Antidiskriminierungs-Journalistinnen und -Journalisten Homosexualität und Queerness durch religiösen Fundamentalismus bedroht sehen, was ich teile, dann vermisse ich konsequenterweise ihre Analysen zum Thema Islam und Sport.

 

Im Nachgang des frühen Ausscheidens der DFB-Elf wird nun die Frage diskutiert, woran es gelegen hat. Was hältst du von dem Narrativ, dass die Anwesenheit der Frauen im Teamhotel die Spieler ablenkt? Diese Diskussion gab es schon bei der WM 1994, jetzt nach dem frühzeitigen deutschen WM-Aus ist genau dasselbe Thema wieder hochgekommen. Hast du diese Diskussion verfolgt und wenn ja, was denkst du darüber?

Die Diskussion zeigt die Grundlegende einer patriarchal-kapitalistischen Verfasstheit des Leistungssports. Deshalb kommt diese Debatte alle Jahre wieder. Sie verläuft an der Trennlinie zwischen der privaten, weiblichen und der öffentlichen, männlichen Sphäre.

Die Deutungen der sportlichen Niederlage in Bezug auf die öffentliche Sphäre waren unter anderem ein angeblicher Mangel an Leistungswillen und Durchsetzungskraft. Es wurde gar eine Geisteshaltung der deutschen Nation von fehlendem Arbeitswillen und mangelndem Heldentum sowie eine zunehmende Verweichlichung ausgemacht. Es geht also um das vermeintliche Eindringen des „Weichen“ in das „Harte“ – hier verkörpert durch die Frauen, Kinder und Mütter ins Teamhotel. 

Wenn, wie beim „Doppelpass“, fünf Männer aus dem Fußballgeschäft darüber diskutieren, dass die Frauen die Männer von ihrer Leistung ablenken würden, bedienen sie ein patriarchales Muster: Das weibliche Private, das die öffentliche männliche Leistung eigentlich erst möglich macht und unterstützt – indem es die Kinder austrägt, versorgt und erzieht –, stört in dieser Logik die quantifizierte Arbeitswelt und den Kampf der Männer um den Erfolg. Sogar über die Mutter von Julian Nagelsmann, die ebenfalls im Hotel war, wurde ja gelacht und er selbst implizit als Muttersöhnchen dargestellt.

Ich musste dabei stark an Klaus Theweleits Werk „Männerphantasien“ denken, in dem er beschreibt, dass ein wahrer Soldat, wenn der Krieg ruft, die Frau nicht mehr will, sie zurücklässt und stolz darauf ist. Genau das wird von den Spielern im finanzialisierten Profifußball erwartet. Es drängt sich die Frage auf, warum man nicht einfach mal sportlich zum Verlieren stehen und sich Fehler eingestehen kann, anstatt stattdessen die Familien, das Private und das Emotionale abzuwerten. Genau das zeigt doch die eigentliche Schwäche – wenn man so will, das Fehlen des echten „Sportsmännischen“.

Spannend waren hingegen die Aussagen von Marcell Jansen, der meinte, das Ausscheiden habe vielleicht eher an mangelnder Team- und Gruppenentwicklung, an der Kommunikation und an gemeinsamer Zeit gelegen. Nagelsmann wurde ja durchaus auch für eine gewisse Unfähigkeit kritisiert, das Team emotional gut zu führen und ein echtes Wir-Gefühl zu etablieren. Es wäre doch mal ein zeitgemäßer Ansatz, Gefühle und Gemeinschaft im Sport zu würdigen und sie nicht als Widerspruch zur glatten, berechnenden individuellen Leistung zu begreifen. Sportsoziologisch ist das sogar nachweislich erfolgversprechender. Zudem hilft es, mit Niederlagen – die dann nicht mehr so existenziell schmerzen – besser umzugehen, sodass man am Ende vielleicht vielleicht keine Sündenböcke mehr braucht.

 

Nun wird natürlich auch viel über Reformen diskutiert. Im Kinder- und Jugendfußball wurden bereits einige Reformen angestoßen, u.a. soll „Funiño“ flächendeckend eingeführt werden. Dabei geht es darum, dass Kinder in kleineren Teams spielen, damit sie mehr Zeit mit dem Ball am Fuß verbringen. Kritiker behaupten aber, dass der Leistungsgedanke dabei abhanden käme. Wie ist deine Meinung dazu?

Ich finde Funiño absolut sinnvoll. Es führt zu mehr intelligenter Leistung, mehr Ballkontakten, Pässen und einer höheren Selbstwirksamkeit der jungen Sportlerinnen und Sportler. Das haben Sportwissenschaftler längst bewiesen, und das Konzept findet weltweit großen Anklang.

Leistung entsteht ja nicht dadurch, dass man Kinder in überfordernde Situationen wirft und sie dann als Trainer von außen anschreit, sie sollten den Ball doch endlich abgeben und allgemein mehr Einsatz zeigen. Leistung entsteht am effektivsten, wenn die sportliche Programmatik durch die Regeln selbst zu einer vielseitigen und ständigen Aktivität auffordert. Beim Funiño wird das altersgerecht gelöst: Von der G- über die F- bis zur E-Jugend steigen die Anforderungen kontinuierlich. Da zudem jeder mal im Tor steht, findet eine allgemeine Durchbildung des Körpers statt, und die Kinder entwickeln ein tieferes, leibliches Verständnis für ihre eigene Sportart aus verschiedenen Perspektiven.

Ich glaube, gute Sportler haben gar keinen verkrampften, bewussten „Leistungsgedanken“. Sie disziplinieren sich nicht permanent und reißen sich ständig zusammen, um dann abzuliefern, sondern ihr ganzer Körper ist mit einer spielerischen, freudigen Leistung aufgewachsen – zumindest in der Idealvorstellung. Das sind dann die Athleten, denen scheinbar alles leicht von der Hand geht, die kreativ, locker und intelligent spielen und ihren ganz eigenen Stil herausarbeiten konnten. Sie arbeiten und leisten schlichtweg konstant, weil sie Spaß daran haben, besser zu werden, zu gewinnen und über sich hinauszuwachsen. Autoritäre Leistungsideologien hingegen hemmen und führen oft zu Versagensangst, Sportverletzungen, weniger Kommunikation, flacher Atmung und Stress – also zu Dingen, die genau das Gegenteil bewirken. Der gesamte Leistungsdiskurs ist politisch geprägt, wobei auch ein protestantischer Arbeitsethos stark hineinspielt.

 

Was sagst du zu Trumps direktem Eingriff in die WM? Er sorgte mit seinem Anruf bei FIFA-Präsident Gianni Infantino dafür, dass die Sperre von Folarin Balogun, der eine rote Karte kassiert hatte, rückgängig gemacht wurde.

Wir sehen immer wieder, dass Menschen wegen Schiedsrichterentscheidungen in emotionale Ausnahmezustände geraten. Das gilt für Eltern, die beim Fußballspiel ihres Kindes zuschauen, in der Schulpause beim Kicken, bei Trainern oder eben bei Zuschauenden und Fans. Es sind Momente der tiefen Identifikation mit einem Sportler, der alles versucht und große Entbehrungen in Kauf genommen hat, aber letztlich scheitert. In diesem Moment platzt die eigene Hoffnung, dass sich Leistung, Wille und Hingabe auch im eigenen Leben auszahlen. Dieser Ideologie des sozialen Aufstiegs und des Glücks für jeden Einzelnen setzt die Schiedsrichterentscheidung ein jähes Ende.

Die Spielregeln entscheiden die Menschen – genau wie im gesellschaftlichen Zusammenleben – eben nicht gemeinsam, sondern sie leben weitestgehend fremdbestimmt. Da diese komplexen Verhältnisse schwer fassbar sind, werden Schiedsrichter oft als Sündenböcke personifiziert und als das personifizierte Böse und als „gekauft“ imaginiert. Man braucht diesen Sündenbock, weil es verständlicherweise schwer auszuhalten ist, dass die realen Verhältnisse nicht nach der eigenen Meinung fragen und die eigene Erlösungssehnsucht unbefriedigt bleibt. Ob die Schiedsrichterentscheidung dabei einigermaßen gerecht oder ungerecht war, ist oft sekundär. Bei Balogun war es jedenfalls keine eklatante Ungerechtigkeit.

Diese Dynamik ist bei Trump schätzungsweise ebenfalls vorhanden – mit dem entscheidenden Unterschied, dass er durch seinen Draht zu Infantino die Macht hatte, direkt einzugreifen. Er kann zwar auch nicht über den Dingen und Verhältnissen stehen, sie aber punktuell beeinflussen. Das Gefühl der Ohnmacht wurde so in Macht und Selbstwirksamkeit umgewandelt. So etwas behindert natürlich das Spiel und den normalen Ablauf, an den sich eigentlich alle halten sollten. Gleichzeitig zeigt es aber auch, wie viel mehr das Spiel, das Gewinnen und der Sport den Menschen eigentlich bedeuten.

 

Danke für dieses aufschlussreiche Gespräch!

Sehr gerne. Vielen Dank für die Einladung zum Interview.

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