
Alle Reformen sind sinnlos. Jetzt, am Vorabend des KI-Zeitalters
Wenn man davon ausginge, dass alles ungefähr so weitergeht wie bisher, hätte Bundeskanzler Merz vermutlich recht, mit seinem Ruf nach Reformen. Ob die dann so oder anders aussehen sollten, ist politisches Tagesgeschäft. Aber die demographische und medizinische Entwicklung führen dazu, dass es immer mehr alte Menschen gibt, die einerseits Rente beziehen und andererseits immer länger immer bessere (=teurere) medizinische Leistungen in Anspruch nehmen. Die Wirtschaft kriselt, aber in einer herkömmlichen Welt würden neue Geschäftsfelder eröffnet, die auch wieder mit staatlichen Maßnahmen gefördert werden können. In einer Welt wie Merz sie kennt, könnte und müsste man mit Reformen einiges umwälzen, um dann im Großen und Ganzen ungefähr so weiterzumachen.
Aber durch KI wird die Welt nicht so bleiben, wie Friedrich Merz sie kennt. Ich will an dieser Stelle gar nicht auf die Gefahr eingehen, dass eine KI superintelligent wird und uns auslöscht. Das können Sie hier nachlesen. Gehen wir mal vom günstigen Fall aus, dass das nicht passiert. Sondern die KI-Systeme einfach nur noch ein Stück weiterentwickelt werden, noch ein paar Kinderkrankheiten ausgetrieben kriegen, weiter spezialisiert werden, um jeweils konkrete Aufgaben zuverlässiger und sicherer zu übernehmen als es schon der Fall ist.
Das regelt der Markt. Nicht.
Dann wird das zu unfassbaren Veränderungen führen. Diese können gut oder schlecht für uns sein oder beides zugleich. Aber sie können die Welt nicht so lassen, wie wir sie kennen. Fangen wir mal mit negativen Auswirkungen an. In Bezug auf Reformen interessiert uns da vor allem der Arbeitsmarkt. Zwar kann „das Kapital“ als Gesamtheit, das marktwirtschaftliche System, kein Interesse daran haben, die Konsumenten zu verlieren. Es braucht Menschen, die Geld verdienen, um es auszugeben, damit Produkte verkauft werden können. Ich bin kein Anhänger des quasi-religiösen Glaubens, dass der Markt alles regelt. Aber auch wenn wir optimistisch davon ausgehen, dass er das im bisherigen System vermag, so beruht er immer darauf, dass Bedürfnisse gefunden werden, die der Markt bedienen kann, was wiederum zu Wirtschaftswachstum führt, zu neuen Arbeitsstellen und somit wieder zu Menschen, die Geld verdienen, das sie ausgeben können. Sobald irgendein Produkt massentauglich und erschwinglich genug ist, um selbstverständlich zu werden, entdeckt der Markt für die betuchtere Klientel eine Marktlücke, erfindet neues, weckt neue Bedürfnisse. Wenn ein Produkt knapp wird, wird er teurer, weniger Leute kaufen es, Alternativen werden gesucht, die man günstiger anbieten kann, neue Produkte füllen die Lücke, die andere hinterlassen und so weiter.
Selbstverständlich gewinnt hierbei derjenige, der die beste Balance findet zwischen Herstellungskosten, erzielbarem Preis und Menge der verkauften Produkte. Wenn höhere Herstellungskosten dazu führen, dass man ein Produkt teurer oder öfter verkaufen kann, wird das in Kauf genommen. Wer hingegen unnötig teuer produziert, verschwindet ganz automatisch vom Markt.
Angebot und Nachfrage hängen global miteinander zusammen, aber nicht konkret. Eine Firma lebt nicht davon, dass die eigenen Mitarbeiter ihr Produkt kaufen. Eine Firma, die ohne jeden Mitarbeiter auskommt und deren Produkte von Menschen gekauft werden, die irgendwo anders arbeiten, ist im Vorteil. Sie müsste gezielt auf diesen Vorteil verzichten, wenn sie der Ansicht wäre, sich selbst damit auf Dauer zu schaden. Dann würde aber, den Gesetzen des Marktes folgend, jemand anders den kurzfristigen Vorteil abgreifen.
Das heißt also, die Gesetze des Marktes werden dazu führen, dass Arbeitsplätze eingespart werden, wenn es möglich ist. Natürlich stehen andere Kräfte dem entgegen. Vielleicht wird es gesetzliche Regelungen geben, um die Massenarbeitslosigkeit einzudämmen. Vor allem gibt es auch ein Gesetz der bürokratischen Masseträgheit. Auch Unternehmen reagieren nicht in Echtzeit. Kündigungsfristen, Traditionen, Risikoscheu können Gründe sein, warum Stellen, die eigentlich bereits durch KI ersetzt werden könnten, noch eine Weile länger existieren als nötig.
Benutzen Logistikroboter Selbstscannerkassen?
Man sieht es ja sehr anschaulich an den Supermärkten. Die Selbstscanner-Kassen dienen selbstverständlich dazu, Personal einzusparen. Die deutsche Kundschaft stand dem länger skeptisch gegenüber als zum Beispiel die niederländische. Auch war es in Großstädten schneller durchsetzbar als auf dem Land. Aber jetzt ist der Bann gebrochen. Jetzt hängt es vor allem am Sanierungsstatus des Supermarktes, ob er schon Selbstscanner-Kassen hat oder diese erst beim nächsten Umbau erhält. Noch gibt es meistens ein oder zwei herkömmliche Kassen, weil noch nicht die gesamte Kundschaft erzogen wurde. Aber gerade in Großstädten ist das auch nicht mehr überall so.
Noch hat man Menschen, die die Regale einräumen, aber in großen Logistikzentren machen das schon Drohnen. Natürlich werden das bald auch in Supermärkten Drohnen machen. Es dauert ein bisschen, bis man die Akzeptanz erreicht hat, es dauert ein bisschen, bis man es flächendeckend umgesetzt hat, aber es passiert.
Und wenn man sich anschaut, was KI schon kann und was die Robotik schon kann, ist es absurd zu denken, dass nur ein kleiner Teil der Berufe durch diese Techniken ersetzt werden könnte. Wenn Roboter auf menschlichem Niveau Pingpong spielen können, diesen rasend schnellen Sport, bei dem man schon beim Zugucken nicht hinterher kommt, dann können sie natürlich auch handwerkliche Tätigkeiten ausführen. Also das Feld, von dem manch einer vor Kurzem noch dachte, dass es sicherer sei. Dinge, die bislang ein Mensch an einem Computer macht, werden ohnehin durch KI möglich sein. Natürlich kann die ein oder andere Entscheidung einer KI noch mal menschlich überprüft und freigeschaltet werden (auch hier wieder: am ehesten, weil gesetzliche Regelungen es vorschreiben werden, nicht, weil es wirtschaftlich günstiger wäre), aber große Bereiche der bisherigen Arbeit werden wegfallen.
Und damit hat sich dann, um endlich zum Punkt zurückzukommen, auch die Rentenreform erledigt. Sich jetzt die Köpfe einzuschlagen über die Frage, ob man mit 63 in Rente gehen können soll, erscheint fast schon rührend, wenn man sich klar macht, dass in zehn oder zwanzig Jahren ein großer Teil der unter 63-jährigen gar nichts mehr zu tun haben könnten. Das System ist dann ohnehin obsolet. Vielleicht findet sich etwas ganz anderes, aber eine Rente oder Krankenversicherung auf den bisherigen Grundlagen kann es bis dahin kaum noch geben.
Ein kleiner Ausflug ins Krankenhaus
Vielleicht läuft es ja tatsächlich auch gut, vielleicht finden wir produktive Wege, damit wir nicht nur keine Arbeit finden, sondern auch keine brauchen. Vielleicht müssen – mit KI – die Krankenkassenbeiträge gar nicht ins unermessliche steigen, trotz Demographie, weil sie das Gesundheitssystem so viel effizienter macht.
Ich hatte kürzlich in der Verwandtschaft mit einem Krankheitsfall zu tun und habe mal wieder gesehen, wie unfassbar ineffizient das System ist. Da rennen engagierte, aber überforderte Personen über Stationen und machen Dinge und dokumentieren irgendwas, aber eine Hand weiß nicht, was die andere tut. Man fand eine Ärztin und sagte ihr wichtige Informationen und sie versprach sich zu kümmern, aber dann wurde die Patientin auf eine andere Station verlegt und dort kümmerte man sich um andere Dinge und es wurde angekündigt, dass jetzt eine Röntgenuntersuchung erfolgt, aber man ging wieder weg und kam nicht wieder und es kam eine Schwester, um eine Infusion zu legen, aber es fehlte das Desinfektionsspray und sie ging, um es zu holen und kam nicht wieder, zumindest für lange Zeit, sicherlich, weil sie auf dem Flur irgendeiner anderen, dringenderen Angelegenheit begegnet war und irgendwann wurde dann ja das Röntgen doch noch gemacht und die Infusion doch noch gelegt, aber wie viel Zeit und Nerven waren das schon vernichtet. Man kümmerte sich auf dieser Station wirklich nur um das eigene Fachgebiet und andere wichtige Körperteile wurden ignoriert und müssen wieder vom Hausarzt angegangen werden, den man erstmal erreichen musste und dem man erklären musste, welche anderen wichtigen Körperteile in dem Entlassungsbrief der besagten Fachrichtung nicht erwähnt werden, obwohl auf der ersten Station der anderen Fachrichtung das ganz wichtig gefunden wurde und so weiter und so weiter.
Gäbe es hier eine KI, die alles über die Patientin weiß und die alle Termine und nötigen Untersuchungen kennt und koordiniert und die niemals das Desinfektionsmittel vergisst und die exakt die Warteschlange in der Röntgenabteilung kennt und die geduldig und zuverlässig mit den Angehörigen spricht und deren Informationen aufnimmt und sich merkt – es könnten Stunden und Aberstunden chaotischer Herumlaboriererei eingespart werden, es könnten tausende von Kunstfehlern und Versäumnissen und vergessenen Terminen und übersehenen Wechselwirkungen und überflüssigen Untersuchungen und Eingriffen vermieden werden.
Ihr Hosentaschenarztsekretär
Stellen Sie sich vor, es gäbe einen extrem umfassend ausgebildeten Arzt und Gesundheitsmanager und Sekretär in einem, der sie auf ihrer Odyssee zwischen den Fachärzten und im Krankenhaus und mit dem Pflegedienst rund um die Uhr begleitet, der jeden Laborwert auswendig kennt, der ihren und jeden Terminkalender aller beteiligten Mediziner kennt, Zugriff auf alle Leitlinien und Studien zu ihren medizinischen Problemen hat und dabei noch geschult in empathischer Gesprächsführung ist. Ich behaupte, dass das technisch bereits machbar wäre: Selbst wenn man noch alle Entscheidungen bei den Ärzten ließe, könnte ein solcher digitaler Assistent in der Sprechstunde alle Informationen parat haben, Vorschläge machen, Widerspruch einlegen, wenn der Arzt etwas übersieht oder falsch macht (genau, wie es idealerweise ein gut informierter Patient selbst täte) und bereits alle weiteren Termine bei Physiotherapie und Radiologie oder was auch immer vereinbaren. Die KI wüsste, welche Termine dringend sind und welche unabdingbar, um bei diesem oder jenem Patienten den nächsten Schritt zu machen, könnte priorisieren und auf die Minute genau den Krankentransport vor die Tür lotsen, damit alles perfekt ineinander greift. Für jeden Beteiligten.
Würde man es technisch zulassen und so einer KI Zugriff auf eine funktionierende elektronische Patientenakte gewähren und würde man ihr die zentrale Terminplanung aller Beteiligten überlassen, wäre das gesamte System quasi sofort um mehrere Dimensionen effizienter, günstiger und patientenfreundlicher. Wenn man weiß, wie zäh jeder Schritt der Digitalisierung insbesondere im Gesundheitswesen vonstatten geht, ahnt man, dass dies nicht so schnell passieren wird. Aber das ist eine rein bürokratische Hürde, keine technische.
Genau das Gleiche kann man sich für jeden gesellschaftlichen Bereich vorstellen. Ich weiß nicht, ob es irgendwo anders so chaotisch ist wie in der Medizin, aber ähnliche Mechanismen mit Doppelstrukturen und fehlenden Informationen und unklaren Zuständigkeiten und unsinnigen Abläufen kennt garantiert jeder aus seinem eigenen Umfeld. Das Potential für Verbesserungen ist riesig. In der Verwaltung, in der Produktion, in der Schule, in der Logistik. Und so muss es nicht zwingend in der Katastrophe enden. Vielleicht erwartet uns eine Ära von Wohlstand und Bequemlichkeit. Aber auch dann wird das mit massiven gesellschaftlichen Veränderungen einhergehen, für die reformierte Sozialversicherungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht die richtige Antwort sein werden.
Ich kann daher das tagespolitische Geschäft nicht sonderlich ernst nehmen. Natürlich muss die Regierung irgendwie weitermachen und es braucht rationale Menschen an der Macht, um diese kommenden Veränderungen gut zu gestalten. Deswegen ist das wichtigste, dass wir unsere Demokratie nicht in die Hände der Vollidioten fallen lassen. Aber ob man bis dahin mit 65 oder 68 Jahren in Rente geht, ist verdammt egal.


