
JEIN: Kennzeichnungspflicht für KI-Texte?
Dafür – von Silke Zeidler
In jeder Kunstausstellung stehen die genutzten Techniken mit auf den zugehörigen Objektbeschriftungen. Hier ist klar, dass diese Information ausschlaggebend für die Lesart der Arbeit ist.
Sonst steht man orientierungslos vor dem Werk und ist mit Rätselraten über die Technik statt einer Auseinandersetzung mit der Arbeit beschäftigt.
Man kann aktuell beobachten, wie Menschen versuchen herauszufinden, ob ein Mensch oder eine Maschine hinter einem Text steht.
Ab März 2025 konnten Menschen nicht mehr feststellen, ob ein Text von einer Maschine generiert wurde.
Ab diesem Zeitpunkt ist das Wissen über die genutzte oder eben nicht genutzte Technologie bedeutsam für die Lesart eines Schriftstücks.
Ein Lektorat ist mit Menschen besetzt, die nicht nur Sprache simulieren, sondern die Bedeutung verstehen.
Sprache dient auch dazu, eigene Gedanken und Gefühle mitzuteilen.
Die Texte aus einem LLM sind in dieser Hinsicht inhaltsleer, weil ein LLM weder das eine noch das andere hat.
Möchte man sich mit den Gedanken oder Gefühlen eines anderen Menschen auseinander setzen, ist es irre führend, wenn man statt dessen die Sprachstatistik aus einer Maschine zu lesen bekommt. Das ist ja nie der Grund, warum man so einen Text liest.
Aktuell bekommt man diese Texte untergejubelt, ob man möchte oder nicht.
Daher muss man die Möglichkeit haben, Texte aus einem LLM zu identifizieren.
Wenn also ein Politiker so wenig Interesse an der Vermittlung der eigenen Gedanken hat, dass er sich lieber einen Text maschinell statistisch zusammen stellen lässt, sei ihm dies unbenommen.
Gut möglich, dass dieser Text besser ist als das, was der Politiker selbst je hätte zustande bringen können.
Nur warum sollte man diesen Text lesen? Man weiß danach ja immer noch nicht, was der Politiker denkt.
Und bis wohin sollte man dieses Spiel treiben?
Die eigene KI ist vielleicht auch besser darin, einen Text zu interpretieren als man selbst.
Also gibt die KI der Politiker*innen lieber nur die Prompte heraus, die dann von der Empfängerseiten-KI dem Nutzenden angepasst vorgelesen und interpretiert wird?
Und da diese KI ja sowieso überlegen ist, überlässt man den Kommentar unter dem Artikel auch der KI?
Wenn eine KI besser ist, sollte sie vielleicht direkt die nächste Wahlentscheidung für einen treffen?
Wieso sollten wir uns nicht gleich ganz aus unseren eigenen Leben heraus optimieren, wo die Maschinen doch fähiger sind?
Eben weil so eine Maschine nicht für einen Menschen leben kann. Das können nur wir selbst.
Wir katapultieren uns noch vor die Zeit der Erfindung der Schrift zurück, indem wir zulassen, dass sie für uns nicht mehr zuzuordnen und zu interpretieren ist.
Die Entscheidungen, wie künftig mit KI umgegangen wird, treffen wir. Jetzt.
Die Welt ist verwirrend genug. Höchste Zeit, zumindest hier für Klarheit zu sorgen.
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Dagegen – von Sebastian Bartoschek
Schreibst du noch mit einem Federkiel? Schaust du dir hauptsächlich Stummfilme mit Klavierbegleitung an? Mit einem echten Klavier, live? Soll ich weitermachen, um klarzumachen, wie völlig rückwärtskonservativ die Idee ist, KI künstlich aus irgendeinem Lebensbereich heraushalten zu wollen?
KI wird alles können – und vieles davon besser als der Mensch. Die Kränkung unseres Selbstwerts wird den Kränkungen durch Galilei, Darwin oder Freud nicht nur in nichts nachstehen, sie wird sie übertreffen. Deswegen sollten wir uns nicht fragen: „Was darf KI machen?“, sondern: „Was wollen wir, dass Menschen machen?“ Und wenn wir Glück haben, bleibt KI dabei unser freundlicher Wegbereiter.
Schauen wir auf Bücher: Ich habe noch nie einen Badge gesehen mit der Aufschrift „Ohne Lektorat“ oder „Ohne Rechtschreibkorrektur“, weil das alles wäre, nur kein Qualitätsmerkmal. Wieso sollte es bei KI anders sein?
Oder nehmen wir die tollen Prozentangaben, die manche präsentieren. Ich habe die KI genutzt, mit der einige da draußen herausfinden wollen, wie viel Prozent eines Textes angeblich von KI geschrieben wurden. Merkt eigentlich noch irgendwer die feine Ironie? Bei einem zu 100 Prozent KI-generierten Text gab die Prüfung 60 Prozent aus, bei einem reinen Menschentext 65 Prozent. Ein Münzwurf oder das Auspendeln wären vielleicht ebenfalls hervorragende Messmethoden.
Im Ernst: Wer sich gegen KI-Texte stellt, betreibt selbstwertdienliche Hybris. Das kann man einem Menschen nicht absprechen. Aber dann sollte er konsequenterweise auch die Evolutionstheorie ablehnen. Mindestens.


