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Liminal Spaces: Warum uns leere Übergangsräume so unheimlich vorkommen

Da ist erst dieses Bild aus der U-Bahn. Ein geschlossener Shop, grün gekachelte Wand, Anzeigetafel, alles geschniegelt, alles da, wo es hingehört. Und trotzdem kippt der Ort ins Seltsame. Nicht, weil etwas passiert. Sondern wegen des Gegenteils: ein Raum, der eigentlich für Bewegung gebaut ist, wirkt plötzlich wie eingefroren. Genau darin steckt schon fast alles, worum es bei „Liminal Spaces“ geht: Orte des Dazwischen, die normal aussehen und gerade deshalb falsch wirken.  

Der Begriff klingt nach akademischem Seminar, und ganz falsch ist das nicht. „Liminal“ kommt vom lateinischen limen, also Schwelle. Der französische Ethnologe Arnold van Gennep beschrieb 1909 Übergänge im Leben als Abfolge von Trennung, Schwelle und Wiedereingliederung. Victor Turner griff das später auf und machte die Schwellenphase berühmt: Menschen befinden sich dann „betwixt and between“, also zwischen altem und neuem Zustand. Liminalität meinte ursprünglich also keinen Flur und keinen Bahnhof, sondern einen Zustand des Dazwischen.  

Im Internet ist daraus etwas sehr Handfestes geworden. Heute meint „Liminal Spaces“ meist Bilder von leeren Übergangsräumen: Flure, Wartezonen, Treppenhäuser, Hotellobbys, Bahnhöfe, Parkhäuser. Orte also, an denen man normalerweise nicht wohnt, nicht bleibt, nicht ankommt, sondern nur kurz durchgeht. Das Foto oben funktioniert deshalb so gut, weil der U-Bahn-Bereich noch komplett nach Zweck aussieht. Menschen sollten dort laufen, warten, kaufen, auf Anzeigen schauen. Wenn all das fehlt, bleibt die Funktion sichtbar, aber der Sinn ist wie ausgesetzt.  

Als Internetphänomen wurde das ab 2019 groß. Know Your Meme datiert die Welle in das Jahr, in dem auch die Backrooms viral gingen. Am 14. August 2019 startete das Subreddit r/LiminalSpace. 2020 schoss das Interesse weiter hoch; der New Yorker beschrieb damals, wie das Subreddit in den Lockdown-Monaten von rund 500 Mitgliedern im März auf mehr als 50.000 bis Mitte August anwuchs. Ein anthropologischer Begriff aus dem frühen 20. Jahrhundert war da plötzlich zu einer digitalen Bildsprache geworden.  

Ein langer Flur. Türen links und rechts, Lichtbänder oben, hinten Dunkelheit. Auch das ist erst einmal kein Horror. Jeder kennt solche Gänge aus Schulen, Kliniken, Hotels oder alten Bürogebäuden. Es zeigt keinen Fantasieort. Und genau dort beginnt das Unheimliche. Nicht weil offen Gefahr droht, sondern weil der Ort vertraut ist und gleichzeitig nicht mehr richtig wirkt. Zu leer, zu still, zu abgeschlossen. Zu anders in seiner vermeintlichen Normalität. 

Das ist der entscheidende Punkt: Liminal Spaces sind nicht deshalb stark, weil dort eindeutig eine Bedrohung lauert. Sie sind stark, weil sie Bekanntes minimal, aber merklich, verschieben. Forscher der Cardiff University beschrieben 2022 im Journal of Environmental Psychology eine Art „uncanny valley“ für gebaute Umgebungen: Strukturelle Abweichungen können Orte unheimlich wirken lassen, obwohl sie eigentlich realistisch bleiben. Bei Liminal Spaces kommt noch etwas hinzu, das man in einem Satz fassen kann: Es fehlt nicht das Monster. Es fehlen die Menschen.  

Die große Halle. Holzfußboden, Säulen, runde Lampen, alles offen, alles bereit. Dieser Raum ist sichtbar für Nutzung gebaut. Genau deshalb wirkt er nicht einfach leer, sondern angehalten. Als würde gleich etwas beginnen, aber es beginnt nicht. HowStuffWorks beschreibt liminale Räume sehr passend als Orte, die „weder hier noch dort“ sind, also Schwellenräume, die nicht zum Verweilen gedacht sind. Wenn solche Räume menschenleer gezeigt werden, entsteht daraus eine merkwürdige Mischung aus Vertrautheit, Nostalgie und Unbehagen.  

Das erklärt auch, warum diese Bilder online so gut funktionieren. Sie brauchen kein großes Narrativ. Man sieht sie und versteht sofort etwas, selbst wenn man den Begriff nie gehört hat.

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