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Tartaria: das Schlamm-QAnon der Archäologie

Es ist ein Weltreich, das es nie gab. Die These ist schnell erzählt: Noch im 19. Jahrhundert soll es ein globales Imperium gegeben haben – technisch überlegen, architektonisch beeindruckend und heute vollständig aus der Geschichte gelöscht. Übrig geblieben seien nur seine Bauwerke. Die Städte, in denen wir leben, seien in Wahrheit Relikte dieser untergegangenen Zivilisation.

Die Erzählung trägt den Namen „Tartaria“ und hat sich in den vergangenen Jahren vor allem im Internet verbreitet. Sie wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich, aber nicht völlig abwegig. Alte Karten zeigen tatsächlich „Tartary“, historische Fotos wirken mitunter irritierend, und manche Gebäude erscheinen überraschend aufwendig für ihre Zeit. Genau hier setzt die Theorie an.

Aus einzelnen Beobachtungen wird eine umfassende Geschichte.

Im Zentrum steht das sogenannte „tartarische Weltreich“. Es soll große Teile der Erde umfasst haben, technologisch weit entwickelt gewesen sein und über Fähigkeiten verfügt haben, die heute kaum erklärbar erscheinen. Häufig ist von „freier Energie“ die Rede, von Bauwerken, die mit heutigen Mitteln angeblich nicht zu errichten wären, und gelegentlich auch von einer Bevölkerung, die sich deutlich von heutigen Menschen unterschieden haben soll.

Ein häufig genannter Ausgangspunkt sind historische Karten, auf denen „Tartary“ verzeichnet ist. Der Schluss, dass es sich dabei um ein zusammenhängendes Imperium gehandelt habe, ist jedoch nicht haltbar. In der europäischen Kartografie bezeichnete „Tartary“ über lange Zeit große, wenig erforschte Regionen Zentralasiens. Der Begriff steht weniger für ein politisches Gebilde als für eine Unschärfe im damaligen Wissen.

Ein zweites zentrales Motiv ist die sogenannte „Schlammflut“. Sie soll das tartarische Reich im 19. Jahrhundert zerstört haben. Als Beleg werden Gebäude angeführt, deren Fenster teilweise unter dem heutigen Straßenniveau liegen. Daraus wird gefolgert, ganze Städte seien im Schlamm versunken.

Die Erklärung ist deutlich weniger spektakulär. Städte verändern sich fortlaufend. Straßenniveaus werden angehoben, Gebäude angepasst, Keller erweitert oder nachträglich geschaffen. Dass Fenster heute teilweise unter der Erde liegen, ist ein bekanntes Phänomen historischer Stadtentwicklung.

Ähnlich verhält es sich mit historischen Fotografien. Viele Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert zeigen große Plätze ohne sichtbare Menschen. Für die Theorie ist das ein Hinweis darauf, dass diese Städte nie bewohnt waren. Tatsächlich liegt die Ursache in der damaligen Technik: Lange Belichtungszeiten führten dazu, dass bewegte Objekte auf den Bildern nicht erscheinen. Sichtbar bleibt, was sich nicht bewegt.

Besonders überzeugend wirkt die Theorie für viele dort, wo sie Architektur ins Spiel bringt. Prächtige Gebäude aus der Gründerzeit, dem Jugendstil oder dem frühen 20. Jahrhundert erscheinen aus heutiger Perspektive aufwendig und detailreich. Daraus wird geschlossen, sie könnten nicht mit den damaligen Mitteln errichtet worden sein.

Diese Einschätzung ignoriert die technischen Entwicklungen der Industrialisierung. Neue Materialien, standardisierte Bauteile und serielle Produktion ermöglichten es, dekorative Elemente in großer Zahl herzustellen. Fassaden konnten komplex wirken, ohne dass jedes Detail individuell gefertigt werden musste. Gleichzeitig waren Arbeitsbedingungen und Bauprozesse deutlich weniger reguliert als heute.

Auch die oft angeführte Baugeschwindigkeit lässt sich so einordnen. Geringere Sicherheitsanforderungen, weniger technische Infrastruktur und ein anderer Umgang mit Arbeitskraft führten zu Bauzeiten, die heute ungewöhnlich erscheinen. Moderne Gebäude sind deutlich komplexer – nicht unbedingt sichtbar, aber in ihrer technischen Ausstattung.

Auffällig ist jedoch weniger, was die Theorie erklärt, sondern was sie ausblendet. Eine Zivilisation, die bis ins 19. Jahrhundert existiert haben soll, müsste umfangreiche Spuren hinterlassen haben: menschliche Überreste, Werkzeuge, Alltagsgegenstände. Solche Funde wären bei Bauarbeiten weltweit zu erwarten. Entsprechende Hinweise gibt es nicht.

Hinzu kommen ideologische Elemente, die in Teilen der Szene immer wieder auftauchen. Dazu gehören Andeutungen über geheime Eliten, die Geschichte gezielt manipulierten, sowie Abwertungen realer historischer Kulturen. In einigen Varianten treten zudem antisemitische oder rassistische Motive offen zutage. Sie sind nicht zwingend, aber strukturell anschlussfähig.

Die Ursprünge der Tartaria-Erzählung liegen vermutlich in einer Mischung aus älteren pseudowissenschaftlichen Konzepten, alternativen Chronologien und esoterischen Geschichtsbildern, die im Internet neu kombiniert werden. Visuelle Inhalte – oft selektiv ausgewählt oder künstlich erzeugt – verstärken den Eindruck von Plausibilität.

Tartaria ist damit kein geschlossenes Theoriegebäude, sondern ein offenes Narrativ. Es lässt sich erweitern, anpassen und mit anderen Verschwörungserzählungen verbinden. Gerade das macht es anschlussfähig.

Am Ende bleibt eine einfache Struktur: Reale Beobachtungen werden aus ihrem Kontext gelöst und zu einer großen, scheinbar schlüssigen Geschichte verbunden. Ihre Stärke liegt nicht in der Belegbarkeit, sondern in ihrer Erzählbarkeit.

(Grundlage dieses Artikels war ein Interview mit Patrick Frajtag, das hier als Video und hier als Audio zu finden ist.)

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