
Die Mehrheit will Klimaschutz – die Politik hört nur die Schreier
Wer am Klimawandel zweifelt, kann sich derzeit ziemlich modern fühlen. Es ist wieder in Mode, das Problem kleinzureden, Warnungen als Panikmache abzutun und sich dabei auf angebliche Befunde aus der Wissenschaft zu berufen. Nur: Die Wissenschaft sagt etwas anderes. Nicht nur über den Klimawandel selbst, sondern auch darüber, was Menschen beim Klimaschutz eigentlich wollen. Und darüber, wie falsch Politiker diese Stimmung offenbar einschätzen.
Spoiler vorweg: Die Mehrheit der Menschen will, dass mehr für den Klimaschutz getan wird. Auch wenn rechte Schreier das nicht wahrhaben wollen.
Eine große Studie der Ruhr-Universität Bochum und der Leuphana Universität Lüneburg zeigt nun: Deutsche Politiker unterschätzen die Unterstützung der Bevölkerung für Klimaschutzmaßnahmen deutlich. Die Forscher um Wilhelm Hofmann und Timur Sevincer kontaktierten im Herbst 2024 mehr als 6.000 aktive Politiker. Rund 1.600 Personen oder politische Büros nahmen teil. Deren Einschätzungen wurden mit den tatsächlichen Einstellungen von mehr als 2.000 Bürgern aus zwei repräsentativen Bevölkerungsstichproben verglichen.
Das Ergebnis ist bemerkenswert klar. Viele Politiker gehen offenbar davon aus, dass Klimaschutz in der Bevölkerung deutlich unpopulärer sei, als er tatsächlich ist. Besonders stark unterschätzen sie die Zustimmung zu wirksamen Klimagesetzen und die Bereitschaft, finanziell zum Klimaschutz beizutragen. Politiker schätzten, nur rund 18 Prozent der Bevölkerung wären bereit, monatlich ein Prozent ihres Einkommens für wirksameren Klimaschutz aufzubringen. Tatsächlich lag dieser Anteil bei rund 48 Prozent. Fast jeder zweite Deutsche wäre also zu einem eigenen finanziellen Beitrag bereit. Viele Politiker glauben aber, nicht einmal jeder Fünfte würde mitziehen.
Besonders interessant: Die größten Fehleinschätzungen zeigen sich ausgerechnet bei den Maßnahmen, die Fachleute als besonders wirksam ansehen. Informationskampagnen werden eher nicht unterschätzt. Gesetze, Regulierung und finanzielle Beiträge dagegen schon. Es geht also nicht nur um die Frage, ob Menschen Klimawandel irgendwie wichtig finden. Es geht um die Bereitschaft, verbindlich zu handeln. Und genau diese Bereitschaft wird politisch offenbar systematisch unterschätzt.
Wieso aber kommt es zu dieser Fehleinschätzung? Ein Grund könnte sein, dass Politiker besonders oft die lautstarken Gegner hören: bei TikTok, bei Facebook, in Kommentarspalten, bei Wahlkampfveranstaltungen, in Bürgersprechstunden. Laut sind mittlerweile oft diejenigen, die nicht vernünftig abwägen, sondern brüllen; die sich nur dann für Wissenschaft interessieren, wenn sie ihnen gerade in die Karten zu spielen scheint.
Ein zweiter Grund ist der Negativitätsbias: Wütender Protest bleibt stärker hängen als stille Zustimmung. Drittens verstärken Medien Konflikte, weil Streit sichtbarer ist als Konsens. Viertens orientieren sich Politiker oft an Partei, Fraktion, Ortsverband und besonders aktiven Wählern, also an Milieus, die nicht automatisch repräsentativ sind. Fünftens verwechseln manche Unmut über einzelne Maßnahmen mit grundsätzlicher Ablehnung von Klimaschutz. Und sechstens halten viele ihre eigene gefühlte Stimmungslage für die Stimmung der Bevölkerung.
Klimaschutz und Maßnahmen gegen die Folgen des Klimawandels sind nach wie vor nötig, eigentlich dringender denn je. Vielleicht liegt es nun auch an den Bürgern, den Politikern deutlicher klarzumachen, dass sie genau das wollen: mehr Klimaschutz. Und nicht als Mehrheit zu schweigen, während die Lautesten so tun, als sprächen sie für alle.


